Ju & Ju

Der Bau war ein Relikt späten 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, die Sitzgelegenheiten wirkten fast schon wieder modern, waren aber unbequem bis zum geht nicht mehr. Aber was erwartet man auch von einem Gericht? Es soll Recht gesprochen und kein Schönheitspreis verliehen werden, aber etwas freundlicher hätte man das Ganze dann doch gestalten können; das Farbkonzept an den Wänden war einfach zum Weglaufen!
Ich starrte auf die Wand, massierte mir die Schläfen, ein leichter Kopfschmerz war im Anzug. Was machte ich hier eigentlich? Ich wartete! Wartete darauf, dass ich endlich aufgerufen würde, um eine Zeugenaussage zu machen. Eine Zeugenaussage in einer Sache, die ich längst erfolgreich verdrängt hatte. Vier lange Jahre hatte ich nicht mehr an Enrico gedacht, der plötzlich jeglichen Kontakt zu mir eingestellt hatte. Was hatte ich damals getrauert! Aber aus Trauer wurde Wut und aus Wut schließlich Vergessen; das Leben musste ja irgendwie weitergehen.
Aber seit genau vier Tagen, seit ich die Ladung aus Briefkasten gefischt hatte, hatte das Vergessen ein jähes Ende gefunden: Enrico spuckte mir wieder im Kopf herum! Ich hatte Albträume, wachte schweißgebadet auf, meine innere Ruhe war dahin. Aber was sollte ich aussagen? Zuletzt hatte ich ihn Ostern 2007 gesehen, dann folgten ein paar Briefe; in seinem letzten Schreiben deutete er einen arabischen Gönner an. Während ich dachte, er wäre der Lustknabe eines orientalischen Scheichs, hatte ein gewisser Benedikt Hartenberg ihn umgebracht, der Tatvorwurf lautete auf Totschlag.

Die Tür zum Saal wurde geöffnet, ein etwas schmächtiger Justizwachtmeister lugte in den Flur. „Herr Kleeve?“ Ich nickte. „Kommen sie bitte, sie sind jetzt dran.“

Ich folgte dem Uniformträger, der mich mehr oder minder zum Zeugenstuhl führte. Nach dem Setzen öffnete ich die Knöpfe meine Sakkos, ließ meinen Blick umherschweifen. Rechts von mir saßen zwei Männer, ein etwas dicklicher Brillenträger in Robe und ein schnuckliger Jüngling, wenn auch in einem etwas billigen Anzug.
Auf der Richterbank saßen drei Berufsrichter, die beiden „Zivilisten“ saßen jeweils Außen, der Mann kam mir vor wie ein Lehrer, die Frau, die neben der Protokollführerin saß, sah aus wie die Schwester meiner Zahnärztin, sie hatte das gleiche Pferdegebiss. Der Vorsitzende Richter, umringt von einem eher sportlichen Typ mit gepflegtem Dreitagebart und einer brünetten Dame mittleren Alters, hatte schlohweißes Haar und trug Brille mit Goldrand.
Zu meiner Linken saß, inmitten zweier Anwälte, ein Mittfünfziger, der aussah wie ein geschniegelter Versicherungsvertreter: Dickes Goldkettchen um den Hals, das Hemd trug er offen, die Hände beringt wie einst die Gabor; zwei uniformierte Beamte standen hinter ihm. Sein weiblicher Rechtsbeistand wirkte normal, Alter nur sehr schwer schätzbar, das männliche Pendant hatte gegelte Haare und einen Leberfleck auf der linken Wange; übergroße Koteletten gehören verboten!

„Herr Kleeve, ich danke ihnen, dass sie der Ladung so kurzfristig Folge leisten konnten. Im bisherigen Verlauf des Prozesses fiel ihr Name und sie sind aufgrund eines Antrags der Verteidigung geladen worden.“ Der Vorsitzende räusperte sich. „Kommen wir erst einmal zu ihren Personalien: Sie heißen Julius Friedrich Kleeve, sind 44, Fotograf und wohnen in Düsseldorf. Verwandt oder verschwägert mit dem Angeklagten Benedikt Hartenberg sind sie nicht?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, den Herren kenne ich überhaupt nicht.“

„Herr Kleeve, dass sie vor Gericht die Wahrheit sagen müssen, dürfte ja bekannt sein. Sie würden sich strafbar machen, wenn sie hier die Unwahrheit sagen, dazu müssen sie noch nicht einmal unter Eid genommen werden. Aber ich mache sie jetzt schon darauf aufmerksam, dass sie immer dann die Aussage verweigern können, wenn sie sich selber einer Straftat bezichtigen müssten.“ Er wandte sich an die Protokollführerin: „§ 55.“

Nach der normalen Belehrung gleich der Hinweis auf das Aussageverweigerungsrecht? Was sollte das? „Ich wüsste nicht, womit ich mich strafbar gemacht hätte.“

Der bebrillte Robenträger überging meinen Einwand. „Herr Kleeve, der Angeklagte Hartenberg behauptet jedoch, ein Bekannter von ihnen zu sein.“

„Es tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, wo ich ihn hinstecken soll.“ Ich zuckte mit den Schultern.

Der Vorsitzende nahm seine Brille ab. „Der Angeklagte hat ausgesagt, sie mehrmals in der Kölner Kneipe ‚Zum Treber‘ getroffen zu haben und später auf einer Art Vernissage in Essen, in den Räumen der Diskothek Blue.“

„Bitte?“ Ich musste die Informationen erst einmal verarbeiten. Der Treber war eine der ältesten Kölner Stricherkneipen, eigentlich kein gewöhnlicher Aufenthaltsort von mir.

Der Weißhaarige spielte mit dem goldenen Teil in seinen Händen. „In Essen hätten sie auch den Angeklagten mit dem späteren Opfer Enrico Jublinski bekannt gemacht. Was sagen sie dazu?“

„Im Treber war ich nur zweimal, einmal zu den normalen Öffnungszeiten, das andere Mal war es ein Shooting ohne Publikumsverkehr.“ Ich schaute den Typen auf der Anklagebank noch einmal genauer an, aber ich wusste im Moment wirklich nicht, wohin ich ihn hinstecken sollte. „Es mag sein, dass ich dem Angeklagten im Blue auf einer Vernissage begegnet bin und wir da ein paar Worte gewechselt haben, denn ich stelle dort öfters aus, der Besitzer ist ein guter Bekannter von mir. Wenn sie das als Kennen definieren, dann kenne ich den Angeklagten, aber zu meinem näheren Umfeld gehört er jedenfalls nicht. Wann genau soll ich ihm denn Enrico vorgestellt haben?“

Der Herr in der Mitte blickte mich streng an. „Nach Auskunft des Angeklagten Ostern 2007.“

„Ostern 2007?“ Ich kratzte mich am Kinn. „Da haben wir den Bildband mit Enrico im Blue vorgestellt; es war, wenn man so will, eine reine Verkaufsveranstaltung; es kommt immer gut, wenn das Modell bei solchen Veranstaltungen auch persönlich anwesend ist. Da soll das gewesen sein?“

Die Brille mit Goldrand nickte. „Sie sollen ihn angepriesen haben wie Sauerbier. Ausdrücke wie ‚geile Schnitte‘ und ‚heißer Feger‘ sollen gefallen sein.“

„Moment! Es mag sein, dass ich Enrico so bezeichnet habe, aber er war er auch wirklich ein scharfes Gerät!“ Ich atmete tief durch. „Seine Bilder sprachen und sprechen für sich, er war ein Naturtalent vor der Kamera! Anpreisen musste man ihn wirklich nicht.“

„Wie der Angeklagte sich ausdrückte, sie hätten …“ Der Vorsitzende blätterte in seinen Unterlagen. „… ihm das spätere Opfer regelrecht aufgedrängt.“

„Sorry, aber das kann überhaupt nicht sein! Auch wenn Enrico und ich kein Paar waren, aber wir führten trotzdem eine Art von Beziehung, er war fast so was wie meine Muse. Ich hätte alles mit ihm gemacht, aber ihn einem anderen aufdrängen? Im Leben nicht!“ Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte mir den Versicherungsvertreter zur Brust genommen.

Der Robenträger lächelte milde. „Wie war denn ihr Verhältnis zum Opfer?“

„Sehr … privat und, man kann sagen, ich habe ihn vergöttert.“ Ich blickte auf den Tisch, der vor mir stand. „Wenn sie so wollen, ich war in ihn mehr als verschossen, fast verliebt!“

„Da haben wir es doch!“ Kotelette grinste hämisch triumphierend. „Der Zeuge war eifersüchtig und hat, nachdem das Opfer Enrico Jublinski ihn für meinen Mandanten endgültig verlassen hatte, diesen aus Eifersucht umgebracht und die Leiche dann am Ufer der Bevertalsperre vergraben.“

„Sie ticken doch linksrum! Wann hätte ich das denn machen sollen?“ Ich hätte ihn würgen können.

Häuptling Silberlocke hob beschwichtigend die Arme. „Meine Herren! Bitte keine Beleidigungen in meinem Gerichtssaal, das dulde ich nicht! Herr Kleeve, dann frage ich sie jetzt direkt: Wo waren sie am Wochenende des 16./17. Juni 2007?“

„Das ist vier Jahre her!“ Ich atmete tief durch. „Ich müsste in meinen Terminkalender schauen; aus dem Kopf kann ich ihnen das nicht sagen.“

„Wie lange würden sie denn brauchen, um sie zu holen?“ Er verdrehte die Augen.

Ich grinste, griff in die linke Innentasche meines Sakkos. „Geben sie mir zwei Minuten, mein alter Tungsten T5 ist zwar nicht mehr der schnellste PDA, aber seit sechs Jahren mein treuer Begleiter.“ Es gibt heute andere Möglichkeiten der Terminverwaltung, aber ich hänge an dem Teil. Zwar dauerte es etwas, bis ich die entsprechende Seite gefunden hatte, aber auch ein alter Wagen kommt ans Ziel. „Also, ich war vom 14. bis zum 19. Juni 2007 für ein Shooting in Rio.“

„Das kann ja jeder behaupten!“ Der gegelte Robenträger ging mir auf den Keks.

Ich griff erneut in mein Sakko, nur diesmal holte ich meinen Reispass hervor. „Ich kann es sogar beweisen! Brasilien stempelt die Pässe auch bei der Ausreise!“

„Es reicht, wenn sie es mir zeigen.“ Häuptling Silberlocke winkte mich mit deiner Goldrandbrille heran. Bevor ich mich auf den knapp sechs Meter langen Weg zum Richtertisch machte, suchte ich noch die passende Seite und drückte das amtliche Dokument dem Vorsitzenden in die Hand. Er lächelte, tat noch einen Blick auf die Datenseite und reichte mir den bordeauxroten Pass zurück. „Tja, Herr Verteidiger, Herr Kleeve scheidet als möglicher Täter aus! Er ist tatsächlich am 19.06.07 aus Brasilien ausgereist.“ Er blickte mich an. „Herr Kleeve, ich wäre ihnen dankbar, wenn Sie mir und dem Gericht erst einmal erzählen könnte, wie sie das Opfer überhaupt kennengelernt haben.“

„Gerne, aber …“ Ich atmete tief durch. „… aber dazu müsste ich etwas weiter ausholen.“

„Tuen sie sich keinen Zwang an, sie sind der einzige Zeuge an diesem Vormittag, wir haben also alle Zeit der Welt, uns ihre Geschichte anzuhören.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Ich grübelte kurz: Wo sollte ich anfangen? „Getroffen habe ich Enrico eher zufällig. 2005 wollte Jonas Schmitz, der damalige Vorsitzende von Looks, eine neue Stricherbroschüre herauszubringen.“

„Looks?“ Diesmal kam der Einwurf vom Staatsanwalt. „Sie meinen das Projekt zur Verbesserung der Situation männlicher Prostituierter?“

Ich nickte. „Genau! Jonas bat mich, die Bilder für diese Broschüre zu schießen. Ich kam aber erst dazu, als die inhaltliche Arbeit schon gemacht war, ich musste sie nur noch bildlich umsetzen. Die Mittel für das Projekt waren ziemlich begrenzt, also keine professionellen Fotomodelle, sondern eine Gruppe von fünf, sechs Strichern: Deutsche, Türken, Thais … eine ziemlich bunte Mischung. Im Treber haben wir dann ein paar dieser Escorts angesprochen, ob sie mitmachen wollten.“

„Weiter.“ Der Vorsitzende winkte aufmunternd mit seiner Brille.

Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. „Naja, der Wirt vom Treber war auch mit im Boot, bei ihm sollten einige Bilder gemacht werden, wie zum Beispiel ein Anbahnungsgespräch über die Bühne geht. Zu dem Fototermin brachte Boris, das war einer der Callboys, die wir für das Projekt gewinnen konnten, Enrico mit, angeblich sein Mitbewohner.“

„Sie waren sofort hin und weg?“ Die Dame der Verteidigung hatte eine Sopranstimme.

Ich schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil: Ich war sauer, dass Boris einen Fremden mitgebracht hatte. In diesem Milieu sind Aufnahmen eh schwierig und es bedarf eines gewissen Vertrauensverhältnisses zwischen Fotograf und Modell, will man ein vernünftiges Ergebnis erzielen. Da aber einer der Typen, der vorher zugesagt hat, nicht erschienen war, wurde Enrico quasi zwangsverpflichtet, die Location war ja nicht unbegrenzt verfügbar.“
Mein Blick glitt über die Richterbank. „Als die Bilder in dem Lokal abgefrühstückt waren, ging es dann für die Aufnahmen der üblichen Sexualpraktiken in eine Privatwohnung nach Rodenkirchen. Blasen, Wichsen, Lecken, Kuscheln waren kein Problem, da haben alle Stricher mitgemacht, aber sie kamen in Schwulitäten, als es um den GKG ging, das war ihnen dann doch wohl zu heikel.“

„GKG?“ Der Lehrer am Richtertisch schaute mich ungläubig an.

Ich grinste. „Gummi-Kontroll-Griff, also wenn der Freier beim Analverkehr aktiv ist. Es sollte gezeigt werden, wie der Stricher sich – quasi spielerisch – davon überzeugt, dass nur ein ummanteltes Glied in ihn eindringt. Alle, die schon jahrelang im Sexbusiness tätig waren, zogen – im wahrsten Sinne des Wortes – den Schwanz ein. Aber Enrico? Enrico quatschte das älteste Mitglied der ‚Freiergruppe‘ an und meinte: ‚Für einen Fuffi darfste mich vögeln! Wir machen die Aufnahmen, wenn die im Kasten sind, fickst du einfach weiter. Einverstanden?‘ Ich war zwar etwas perplex, aber die beiden hatten ihren Deal und ihren Spaß; damit war für mich die Sache gegessen.“

„So haben sie also das Opfer kennengelernt?“ Die Robenträgerin auf der Richterbank hatte ziemlich rote Wangen bekommen. „Und wie ging es dann weiter?“

„Tja, als wir sämtliche Aufnahmen für die Broschüre im Kasten hatten, ging die Crew zum Essen, das war als Lohn für das Shooting vereinbart.“ Ob all der Erinnerung, die mir hochkamen, konnte ich mir ein Schmunzeln wirklich nicht verkneifen. „Auf jeden Fall, David setzt sich neben mich …“

„Welcher David?“ Der Staatsanwalt war auch noch da.

Ich blickte ihn entschuldigend an. „Stricher haben in der Regel einen Alias, nur Anfänger in dem Gewerbe nennen ihre richtigen Namen. Enrico nannte sich die ganze Zeit David und wurde auch so von Boris, der eigentlich Viktor heißt, uns vorgestellt. Namen in dem Gewerbe sind Schall und Rauch. Wie sagte Shakespeare? Was uns da Rose heißt, wie es immer auch hieße, es würde lieblich duften.“

„Das ist aber ziemlich frei übersetzt.“ Dreitagebart grinste. „Wie ging es weiter?“

„David … oder Enrico saß beim Abendessen neben mir, wir unterhielten uns, flachsten herum, hatten Spaß. Plötzlich fragte er mich, was vernünftige Aufnahmen von ihm kosten würden. Zugegeben, ich war etwas überrascht und fragte nach dem Grund, warum er denn Bilder von sich haben wollte.“ Ich starrte auf das Kreuz, das an der Rückwand der Richterbank angebracht war. „Seine Antwort war einfach: Er wollte weg vom Bahnhof! Er wollte sich die Typen, mit denen er ins Bett steigen würde, selber aussuchen können. Am Bahnhof müsste er jeden dahergelaufenen Penner bedienen, um Kohle zu machen, aber Enrico wollte eine Liga höher spielen, als Escort, als Luxus-Stricher, aber … dazu bräuchte er gutes Werbematerial. Ich gab ihm meine Karte und meinte, er sollte mich aufsuchen.“

„Und wann suchte er sie auf?“ Häuptling Silberlocke blickte mich neugierig an.

Ich legte meinen Kopf schief. „Er wartete auf dem Parkplatz des Restaurants auf mich und fragte, ob ich ihn in die Stadt mitnehmen könne. Als wir kurz vor dem Dom waren, meinte er, man könne die Aufnahme ja auch jetzt schon machen. Was sollte ich sagen? Ich nahm ihn mit zu mir.“

„Wie ging es dann weiter?“ Der Vorsitzende hatte es wohl eilig.

Ich blickte ihn verwirrt an. „Wie soll es weiter gegangen sein? Auf dem Weg hielten wir an einer Tankstelle, ich tankte und er kaufte sich von den 50 Euro, die er für den Fick vom Nachmittag bekommen hatte, eine Stange Zigaretten. Als wir wieder im Wagen waren, meinte er, bis zur letzten Schachtel würde er bei mir bleiben, ich müsse nur für das Essen und die Bilder sorgen. Nach einer Woche verließ er mich dann, kam dann aber nach drei Tagen schon wieder zurück.“

„Aus ihnen wurde also ein Liebespaar?“ Silberlocke lächelte altväterlich.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, kein Paar im herkömmlichen Sinne, eher eine Art Nutzgemeinschaft. Wir hatten unseren Spaß und davon reichlich, aber Enrico schlüpfte schnell in die Rolle eines Major Domus: Er schmiss den Haushalt, ich konnte mich mehr auf meine Arbeit konzentrieren.“

„Sie waren also nicht sein Sugar-Daddy?“ Der Staatsanwalt hatte wohl einige Erfahrungen in dem Metier. „Der Altersunterschied zwischen ihnen war ja doch enorm, über 20 Jahre.“

„Um genau zu sein 21 Jahre und sechs Monate. Wie sich herausgestellt hat, war Enrico zu dem Zeitpunkt unseres Kennenlernens erst 17, aber das habe ich erst später herausgefunden.“ Ich blickte auf den Vertreter der Strafverfolgungsbehörde, der zufrieden nickte.

Der Mann mit den Koteletten unterbrach meine Gedanken, wie ich fortfahren sollte. „Sie haben also Unzucht mit einem Minderjährigen getrieben?“

„Wenn sie so wollen, dann kann man das so sagen, aber Unzucht mit einem Stricher?“ Der Kerl war mir unsympathisch! „Es floss kein Geld, wenn sie das meinen. Ich habe ihn nie für Sex bezahlt, zu keiner Zeit! Es war so eine Art Symbiose, die wir eingingen: Er hatte ein Dach über dem Kopf und …“

„Sie waren also nicht sein Zuhälter?“ Dreitagebart schaute mich fragend an.

Ich konnte nur bestürzt den Kopf schütteln. „Gott bewahre! Ich bin doch kein Lude, das könnte ich gar nicht! Nach der ersten Woche bei mir, fuhr er, verbrachte das Wochenende in Köln. Am Montag stand er dann am wieder auf der Matte, blieb ein paar Tage, um dann wieder in Köln seine Dienste anzubieten. So ging das dann fast ein halbes Jahr, bis Ende 2005. Er kam immer für zwei oder drei Tage und fuhr dann wieder. Nur das Wochenende, an dem er seinen 18.ten Geburtstag feierte, verbrachte er bei mir. Dann habe ich ihn knapp einen Monat nicht gesehen.“

„Hatten Sie Streit?“ Goldrand war neugierig.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Streit gab es so gut wie nie, Enrico war unheimlich harmoniebedürftig. Der Grund war einfach: Ich war im Urlaub und er hatte keinen Schlüssel.“

„Hatten sie denn kein Vertrauen zu ihm?“ Die Zahnarztschwester schien besorgt.

Ich blickte sie leicht verwirrt an. „Vertrauen war da, aus David war längst Enrico geworden. Aber … irgendetwas schwebte immer im Hintergrund, wie ein Damoklesschwert. Enrico hatte mir zwar seine Lebensgeschichte erzählt, aber … diese Geschichte war in sich nicht stimmig: Mal hatte sein Vater seine Mutter schon in der Schwangerschaft verlassen, mal verstarb er bei einem Autounfall, mal saß er jahrelang wegen Bankraubs im Knast. Einmal war er Einzelkind, dann wieder der Nachzügler. Die krasseste Geschichte, die er mal erzählte, war, dass sein eineiiger Zwillingsbruder bei der Geburt gestorben wäre. Wie gesagt, irgendetwas war faul im Staate Dänemark, aber das wunderte mich nicht besonders, denn ein Stricher erfindet sich und sein Leben für jeden Freier neu.“
Mein Hals wurde trocken, ich blickte den Vorsitzenden an. „Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?“

„Selbstverständlich! Frau Sinkewitz, wenn sie einmal so freundlich wären und …“ Er meinte wohl seine Protokollführerin, aber der junge Gehilfe des Staatsanwalts, offensichtlich sein Referendar, war schneller. Als er mir die Erfrischung reichte, berührten sich kurz unsere Hände, ein elektrischer Schlag durchzuckte mich; der Knabe hatte etwas.
Silberlocke griente. „Na, dann hätten wir das ja jetzt auch erledigt. Bitte fahren sie fort.“

Ich trank einen Schluck. „Gerne. Als ich aus dem Urlaub kam, hatte er sich erheblich verändert, er wirkte verhärmt, ausgepowert, traurig, wütend auf sich und die Welt. Er hätte mich vermisst, allerdings konnte ich ihm das nicht so richtig abkaufen.“

„Warum nicht?“ Der dickliche Staatsanwalt wollte es aber genau wissen.

Ich blickte in seine Richtung, schaute aber lieber seinen Assistenten an, der – trotz des Anzugs – erheblich besser aussah. „Es ist ziemlich schwer, es richtig auszudrücken, aber es war wohl eher der sichere Hafen, der ihm fehlte. Bei einem Kunden für eine oder für zwei Nächte Unterschlupf zu finden, ist die eine Sache, aber … ich glaube, ihm fehlte das Gefühl, nach Hause kommen zu können. Er war wohl auf der Suche nach einem Nest, einer Zuflucht. Er blieb ganze zwei Wochen und in der Zeit entstanden auch die ersten Bilder für den Bildband und die Ausstellung. Enrico war ein Naturtalent vor der Linse, als ob er nie etwas anderes in seinem Leben gemacht hätte.“
Das Wasser war warm. „Er wäre wahrscheinlich noch länger geblieben, aber es kam zu dem einzigen Streit, den wir in der ganzen Zeit hatten. Ich habe ihn in flagranti erwischt, wie er …“

„… sie bestohlen hat?!“ War das eine Frage der Verteidigerin oder ein Vorurteil?

Ich schaute die Dame entgeistert an. „Nein, Enrico war zwar Prostituierter, aber nicht jeder Stricher ist auch gleichzeitig ein Dieb. Wenn er in den Supermarkt ging und für mich einkaufte, lagen Bon und Wechselgeld später auf dem Küchentresen, selbst wenn es nur 23 Cent waren. Er ging nie an mein Portemonnaie, selbst wenn es offen auf dem Tisch lag.“ Ich wandte mich wieder dem Richtertisch zu. „Ich habe ihn mit einer Frau erwischt, in meinem Bett! Ich habe zwar nichts gegen Frauen, aber das war mir dann doch zu viel! Das Mädchen, das er bei sich hatte und mit dem er – na, sie wissen schon – sah auch nicht gerade vertrauenserweckend aus. Ich vermute, er hat sie auf dem Drogenstrich aufgegabelt und sie hat ihn wohl an eine Nennschwester aus dem Heim erinnert.“

„Hatten sie nicht gerade gesagt, sie hätten Zweifel an seiner Lebensgeschichte gehabt?“ Die Brille mit dem Goldrand war wieder auf der Nase.

Ich nickte. „Stimmt, aber eine Bedingung für den langen Aufenthalt war absolute Offenheit und Ehrlichkeit, von daher … Außerdem blieb er seit diesem Zeitpunkt bei einer Geschichte und die war in sich auch rund. Sein Vater starb bei einem Unfall, als seine Mutter mit seinem Bruder schwanger war. Sie kam wohl mit dem Verlust nicht zurecht und sprach dann dem Alkohol zu. Das Jugendamt nahm ihr später die Kinder weg, sie kamen in getrennte Pflegefamilien, für Enrico voll ein Griff ins Klo: Ein Pflegevater missbrauchte ihn, ein anderer schlug ihn krankenhausreif. Er landete schlussendlich im Heim und geriet auf die schiefe Bahn. Mit 16 ist er nach Berlin und da auf dem Strich gelandet. Es gab wohl einige Probleme mit der Polizei und er tauchte dann in Köln wieder auf, wo ich ihn …“

„Das stimmt aber so nicht!“ Eine Stimme aus dem Hintergrund meldete sich, ich drehte mich um und erschrak: Da saß eine zweite Ausgabe von Enrico, nur mit Brille und mittellangem Haar. „Unsere Mutter starb an Lungenkrebs und der Alte war der Säufer, der das Weite suchte.“

„Herr Jublinski!“ Der Chefrichter schien ungehalten. „Bitte keine Zwischenrufe! Wir sind hier weder bei Barbara Salesch noch bei einer dieser anderen unsäglichen Gerichtsshows. Wenn sie etwas zu einer Aussage eines anderen Zeugen beizutragen haben, dann können sie das mit Handzeichen andeuten, ich werde sie dann schon fragen.“

„Ist ja gut! Ich wollte es ja nur gesagt haben.“ Hörte ich da ein Schmollen in seiner Stimme?

„Dann bist du wohl Justin?“ Ich lachte den Knaben an. „Viel hat dein Bruder zwar nicht über dich erzählt, aber ihr habt eine ungeheure Ähnlichkeit, richtig erschreckend!“

„Herr Kleeve, das Gleiche gilt auch für sie: Bitte keine Zwiegespräche mit der Zeugenbank!“ Der Oberrichter grummelte immer noch. „Wenn sie dann bitte weiter berichten wollten?“

Ich drehte mich wieder um und lächelte verhalten. „Aber gerne doch. Wo war ich?“

„Vor dem Exkurs in die Lebensgeschichte? Bei dem drogensüchtigen Mädchen und dem Streit, den sie mit dem späteren Opfer hatten.“ Die Brille mit Goldrand wurde mal wieder in der Hand gehalten.

„Nach dem Streit wegen Nadine, so hieß das Mädchen, war erst einmal Funkstille, er war angepisst, ich war es auch. Aber nach anderthalb Wochen haben wir uns ausgesprochen.“ Ich massierte mein Kinn. „Er schien wirklich vernarrt in sie zu sein, denn er kümmerte sich rührend um die Kleine, besonders als sie schwanger wurde; sie war so etwas wie eine kleine Prinzessin für ihn!“

„Dann war das Opfer also gar nicht schwul?“ Dreitagebart hatte Fragezeichen in den Augen.

Ich zuckte mit den Schultern. „Die meisten Lustdiener aus Südeuropa sind heterosexuell und schicken das mit Sex verdiente Geld in die Heimat, unterstützen damit Frau und Kind, aber Enrico? Enrico war dann doch eher homo- als bisexuell, denn, bis auf das eine Mal, wo ich ihn erwischt habe, ist mit Nadine nicht viel gelaufen, jedenfalls habe ich diesbezüglich nichts bemerkt. Die Zwei benahmen sich aber auch eher wie Bruder und Schwester und nicht wie Freund und Freundin.“
Ich trank einen Schluck des ziemlich warmen Wassers. „Es ging sogar so weit, dass er die kleine Einliegerwohnung, die neben meinem Studio liegt, für sie anmietete. Da Nadine, aus welchem Grund auch immer, da nicht einziehen wollte, hat er die Wohnung dann unter der Woche für sich genutzt und ging da wohl auch seinem Gewerbe nach, die Wochenenden verbrachte er weiterhin in Köln.“

„Dass sie sich der Förderung der Prostitution schuldig gemacht haben, ist ihnen wohl klar, oder?“ Der gegelte Typ war mir wirklich zuwider!

Statt meiner antwortete der Staatsanwalt. „Herr Kollege! Was ein Mieter in seinen Räumen macht, ist nicht Sache des Vermieters. Auch wenn Herr Kleeve gewusst haben sollte, dass das Opfer dort der Prostitution nachgeht, es liegt kein § 180a StGB vor, höchstens ein Verstoß gegen eine etwaige Sperrbezirksverordnung. Es wäre somit maximal eine Ordnungswidrigkeit und die ist verjährt!“

„Aber wir hätten dann doch eine mögliche Steuerhinterziehung!“ Die Kotelette grinste mich fies an. „Haben sie die Mieteinnahmen auch angegeben?“

„Ich wüsste nicht, was die Steuererklärung des Herrn Kleeve mit dem Tod des Enrico Jublinski zu tun hat, Herr Kollege!“ Der dickliche Staatsanwalt geriet in Rage. „Wollen sie etwa behaupten, der Zeuge Kleeve hätte wegen ein paar unrichtiger Angaben in seiner Steuererklärung einen Killer engagiert? Er selber war ja außer Landes!“

„Ich meine ja nur, dass …“ Der Angesprochene ruderte zurück.

Der Vertreter der Anklage funkelte böse in Richtung Verteidigung. „Bleiben sie bei den Fakten, Herr Kollege! Nur Fakten zählen, keine Meinungen!“

„Haben sie nicht versucht, Herrn Jublinski ganz in Düsseldorf zu halten?“ Die Richterin wieder!

Ich blickte die Dame an. „Ich habe sogar mit Engelszungen geredet, aber leider ohne Erfolg! Ich habe versucht, ihn zur Abendschule zu bewegen, um wenigstens den Hauptschulabschluss nachzumachen, aber Fehlanzeige! Er wollte nichts mit Ämtern zu tun haben, sich auch nicht anmelden, denn er hatte Angst, dass dann irgendwelche Haftbefehle, die wohl noch gegen ihn vorlagen, vollstreckt werden würden.“ Ich trank einen Schluck. „Er sollte sich arbeitslos melden, um eine Krankenversicherung zu haben, aber selbst Hartz IV wollte er nicht. Auch die Lehrstelle als Fotograf, die ich ihm anbot, lehnte er in Bausch und Bogen ab: Auf dem Strich könne er mehr Geld verdienen als Azubi, er müsse sich ja um Nadine und deren Nachwuchs kümmern.“

„War er denn der Vater?“ Die Frage kam vom Staatsanwalt.

„Ich habe zwar vom Kinderkriegen keine Ahnung, aber …“ Ich grinste ihn an. „… an ein Frühchen glaube ich dann doch nicht, es sei denn, der Fötus ist bereits nach sechs Monaten Schwangerschaft fast sieben Pfund schwer und über 50 Zentimeter groß. Das waren die Daten, die mir Enrico nach der Entbindung des Jungen mitgeteilt hatte.“

Die Frau in der Richterrobe grinste. „Sieben Pfund? Das war dann ein ganz schöner Wonneproppen, dass können sie mir glauben!“

„Sofort und unbesehen!“ Ich lachte sie an. „Enrico war richtig enthusiastisch, richtig aufgekratzt, aber dann kam für ihn die große Ernüchterung: Nadine gab das Kind nach einem Monat zur Adoption frei. Was soll ich sagen? Enrico ließ sie fallen und fiel dabei selber in ein großes Loch.“

„Und wie kam er da wieder raus?“ Die Brille mit Goldrand war wieder auf der Nase.

Ich zuckte mit den Schultern. „Nur sehr schwer, ich habe versucht, ihn abzulenken: Erst waren wir eine Woche auf Malta, dann haben wir die Arbeiten an dem Bildband wieder aufgenommen. Er war erst Feuer und Flamme, fast wieder ganz der alte Enrico, den man nur lieb haben konnte, aber, als das Buch dann fertig war und in Druck ging, wurde er wieder fahrig, hatte zu nichts Lust mehr. Die eigentliche Buchvorstellung ging ja noch gut über die Bühne, aber die Promo-Tour? Da musste ich bitten und betteln, dass er überhaupt seinen Arsch bewegte und mit mir kam.“

„Wie sah denn die Werbetour aus?“ Dreitagebart war neugierig.

„Die Vorstellung des Buches war Mitte Dezember, im Januar waren wir dann ein Wochenende in Hamburg und Berlin, an einem zweiten in München und Stuttgart. Im Februar kamen Frankfurt, Köln und Dortmund. Die Termine im März sagte er komplett ab, erst im April, zu Ostern also, kam er mit zur Vernissage nach Essen. Aber zu dem Zeitpunkt …“ Ich leerte das Glas. „… war er alles andere als ein verlässlicher Zeitgenosse. Ich glaube, es war auf der Fahrt nach Dortmund, da hat er mir erzählt, er hätte in Köln einen gewissen Ben Sowieso kennen gelernt, der ihn regelrecht vergöttern würde.“

Der Hauptrichter lugte über seine Brille. „Hat er diesen Ben näher beschrieben?“

„Leider nein!“ Ich schüttelte den Kopf. „Das Einzige, was ich von ihm weiß, ist, er hätte einige Läden im Ruhrgebiet und wäre auch an Lokalen in Berlin und München beteiligt. Mir kam das Ganze zwar suspekt vor, aber Enrico war der Meinung, er hätte mit diesen Typen das große Los gezogen.“

„Und dann?“ Die Brille mit Goldrand wurde mal wieder als Winkelement missbraucht.

Trauer legte sich in meinem Blick. „Nach Essen habe ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, wir telefonierten zwar noch einige Male, aber alle Gespräche drehten sich um diesen ominösen Ben, der ihn ganz und gar in Beschlag nahm. Das Letzte, das ich von ihm hörte, war eine Nachricht auf meinem AB: Er würde es zu meinem 40.sten Geburtstag nicht schaffen, Ben wollte mit ihm nach Rom.“

„Und das war das letzte Lebenszeichen von ihm?“ Die Stimme der einzigen Volljuristin im Kollegium hörte sich belegt an. „Wie haben Sie reagiert?“

Ich atmete tief durch. „Ich war sauer, aber was sollte ich machen? Enrico hatte schon immer seinen eigenen Kopf, man konnte ihn nicht anbinden. Allerdings … vor Ben war er zuverlässiger. Aber, um den ersten Teil der Frage zu beantworten, das war nicht die letzte Nachricht von ihm.“

„Wie?“ Häuptling Silberlocke bekam große Augen.

Ich griff wieder in meine Innentasche und holte drei Briefe hervor, die ich auf den Tisch legte. „Er hat mir noch geschrieben, aber antworten? Antworten konnte ich leider nicht darauf! Ich wusste nicht, wie ich ihn hätte erreichen können, eine Adresse hatte ich leider nicht!“

„Das Opfer hat ihnen geschrieben?“ Die Stimme des Staatsanwalts überschlug sich fast.

Ich nickte. „Ja, hat er. Wollen sie die Briefe sehen?“

„Gerne!“ Das war alles, was er sagte.

Der gegelte Anwalt sprang auf. „Ich protestiere auf das Schärfste! Der Zeuge kann die Briefe auch selbst geschrieben haben.“

„Herr Verteidiger, ich darf Sie daran erinnern, dass der Zeuge auf ihren Antrag hin geladen wurde. Wenn er neues Beweismaterial beibringt, dann werden wir dies auch berücksichtigen.“ Dem Mann der Staatsanwaltschaft schien die Hutschnur zu platzen. „Man kann ja nötigenfalls mittels eines Sachverständigen klären, wer die Briefe schlussendlich geschrieben hat.“ Er blickte mich intensiv an. „Herr Kleeve, würden sie die Briefe bitte dem Gericht übergeben?“

Ich nahm die Umschläge, erhob mich und brachte sie zum Richtertisch. Nach einem wohlwollenden Nicken des Vorsitzenden begab ich mich wieder auf meinen angestammten Platz. Silberlocke hatte den ersten Brief wohl schon überflogen, räusperte sich. „Dann werden die Briefe jetzt durch Verlesen in Augenschein genommen.“

„Herr Vorsitzender, ich stelle hiermit folgenden Beweisantrag: Die durch den Zeugen Kleeve vorgelegten Briefe sollen durch einen Schriftsachverständigen auf ihre Echtheit überprüft werden.“ Der Verteidiger stand immer noch. „Die Urheberschaft durch das Opfer wird bestritten, außerdem könnte, solange wir vom Inhalt keine Kenntnis haben, der höchstpersönliche Lebensbereich meines Mandanten durch das Verlesen verletzt werden.“

Der etwas dickliche Vertreter der Anklage hatte sich ebenfalls erhoben und winkte nur lapidar ab. „Herr Kollege! Wenn das Opfer an den Zeugen einen Brief schreibt, wo ist da die Privatsphären ihres Mandanten betroffen? Herr Kleeve präsentiert uns Schreiben, die ausdrücklich an ihn gerichtet sind und er ist mit der Verlesung einverstanden, also wo ist das Problem? Dass Briefe vom Opfer existieren, wusste ich nicht, aber da sie jetzt da sind, handelt es sich um präsente Beweismittel. Soll ich den Beweisantrag schriftlich stellen?“

Die drei Berufsrichter steckten kurz ihre Köpfe zusammen, tuschelten miteinander. Der Häuptling richtete sich auf, blickte an mir vorbei auf die Zeugenbank. „Herr Jublinski, könnten sie einmal einen Blick auf die Briefe werfen, ob das die Handschrift ihres Bruders ist?“

Der Angesprochene stand auf, ging zum Richtertisch, warf einen Blick auf die ihm gereichten Seiten. „Ja, das ist seine Handschrift meines Bruders, da bin ich mir sicher.“ Er nestelte an einer Jacke, holte ebenfalls einen Umschlag heraus. „Hier, das ist der letzte Brief von ihm, zu meinem 17.ten Geburtstag; den habe ich immer bei mir. Sie können gerne vergleichen!“

„Danke!“ Die Silberlocke wirkte fast schüchtern, als er das Erinnerungsstück entgegen nahm.

Kotelette saß mittlerweile wieder. „Herr Vorsitzender! Was ist nun mit meinem Beweisantrag?“

„Moment! Es ergeht folgender Beschluss: Erstens …“ Er blickte zu seiner Protokolldame. „… das Gericht zieht sich zur Beratung über die Beweisanträge von Verteidigung und Staatsanwaltschaft zurück. Zweitens: Die Hauptverhandlung wird für 20 Minuten unterbrochen.“ Er schaute nun mich an. „Herr Kleeve, sie sind noch nicht entlassen! Wir sehen uns gleich wieder!“

Ich wusste nicht, wie mir geschah. „Wenn sie meinen!“

Die Richter verließen durch eine Tür hinter ihnen den Sitzungssaal, fast alle Anwesenden erhoben sich, ich tat es ihnen nach. Am Ausgang tippte mir jemand auf die Schulter, ich drehte mich um, es war die zweite Ausgabe von Enrico. „Darf ich sie mal kurz sprechen?“

„Aber immer doch, ich würde nur gerne eine Zigarette …“ Warum war ich so gehemmt?

Mein Gegenüber lachte. „Ich auch!“

Gemeinsam verließen wir das Gebäude, ich hatte keine Lust, erst einen Raucherraum zu suchen. Als wir in der Kälte standen, uns gegenseitig mit Feuer versorgt hatten, lächelten wir uns an. „Du bist also Enricos Bruder?“

„Der bin ich!“ Der junge Mann grinste. „Und du warst sein Lover?“

Ich inhalierte tief. „Ich wäre es gerne gewesen, aber … Enrico ließ niemanden nah genug an sich heran, um diesen Status zu erreichen. Da war immer eine gewisse Distanz zwischen uns.“

„Auch beim Sex?“ Der Brillenträger war wirklich keck!

Ich musste grinsen. „Beim zwischenmenschlichen Spiel kannte dein Bruder keine Grenzen, es war … heftig, wenn man das so sagen kann. Aber im zwischenmenschlichen Bereich, also immer dann, wenn es privater und intimer wurde, konnte dein Bruder ganz gut abblocken. Im Bett war er die größte Sau, im Gespräch die keuscheste Nonne!“

Der Jüngling wirkte leicht verlegen. „Hätte ich jetzt gar nicht gedacht. Bei mir ist es umgekehrt.“

Ich war erstaunt. „Wie meinst du das denn jetzt?“

„So, wie ich es gesagt habe: Bei Gesprächen gehe ich gerne aus mir heraus, habe eine große Klappe, aber im Bett? Da bin ich eher einfach gestrickt.“ Er gluckste. „Hab halt nicht so die Erfahrung.“

Ich winkte ab. „Erfahrungen sammelt man mit der Zeit, aber im zwischenmenschlichen Bereich kommt es – meiner Ansicht nach – eher auf die Grundeinstellung an: Ist man in der Lage, offen und ehrlich, also ohne Hintergedanken, auf seinen Partner zuzugehen?“

„Und Enrico konnte das nicht?“ Er blickte mich verwundert an.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber das lag wahrscheinlich an seiner Lebensgeschichte, an seinen Erfahrungen, die er gesammelt hat. Was meinst du, wie er herumgeeiert ist, wenn es persönlicher wurde? Über Politik konnte man mit ihm reden, ohne Probleme, stundenlang und mit wachsender Begeisterung! Aber wehe, man hat über Familie gesprochen! Ich habe mehr als eine Version seiner Geschichte von ihm gehört. Erst als ich ihm die Pistole auf die Brust setzte, wurde er deutlicher, aber das …“ Ich blickte ihm tief in die Augen. „… aber das war ja auch gelogen, wie ich heute durch dich erfahren habe. Ich nehme es ihm noch nicht einmal übel, dass er mich angeflunkert hat, Enrico war halt so, aber ich bin doch irgendwie auch enttäuscht.“

„Dass er dir nicht das gleiche Vertrauen entgegen gebracht hat, das du ihm gezeigt hast? Meinst du das?“ Er rieb sich die Nase.

Ich nickte. „Stimmt. Grundlage jeder Beziehung, egal ob zwischen Mann und Mann oder Mann und Frau oder Frau und Frau, ist – meiner Erfahrung nach – die absolute Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber dem Partner: Das ist das A und O einer guten Beziehung.“

„Stimmt auffallend! Aber ich glaube, so langsam müssten wir wieder rein.“ Er grinste mich an.

Ich schaute mit Schrecken auf die Uhr. „Wo du Recht hast, hast du Recht; wir haben noch knapp fünf Minuten, dann müssen wir wieder im Saal sein.“

„Dann lass uns mal.“ Er trat die Zigarette auf dem Pflaster aus. „Aber ich muss mich erst noch entschuldigen, ich war – wieder einmal – zu forsch!“

Ich rieb mir verwundert die Augen. „Sorry, aber ich kann jetzt nicht ganz folgen! Was meinst du?“

„Ich habe dich die ganze Zeit geduzt, obwohl du mir das Du nicht angeboten hast!“ Verlegenheit machte sich auf seinem Gesicht breit, er verlagerte sein Gewicht von einem Bein zum anderen.

Ich konnte nur meinen Kopf schütteln. „Justin, wo ist das Problem? Wäre Enrico nur etwas offener gewesen, aus uns wäre, da bin ich mir sicher, ein Paar geworden. Somit wären wir so etwas wie verschwägert, da ist das Du wohl mehr als angebracht. Findest du nicht?“

„Doch schon!“ Er lächelte. „Aber wir sollten das, nur für uns, noch besiegeln!“

„Und wie?“ Ich blickte ihn neugierig an. „Bier zum Anstoßen habe ich leider nicht dabei!“

Er trat einen Schritt auf mich zu, spitzte seine Lippen und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Ich brauchte einen Augenblick, um die Situation gänzlich zu erfassen, dann aber öffnete ich die Lippen, legte meine Linke auf seinen Hinterkopf, zog ihn langsam zu mir heran. Seine Zunge eroberte meinen Mundraum, aber auch mein Gegenangriff war erfolgreich.
Als wir uns gelöst hatten, lachte er mich an. „Noch drei Minuten! Nun mal los, werter Schwager!“

„Nach dir, lieber Schwager!“ Ich fand ihn einfach nur süß.

Im Saal angekommen saßen die meisten Zuschauer schon wieder auf ihren Plätzen, der Angeklagte, samt Verteidigungsmannschaft und Bewacher, war auch schon wieder anwesend, der Staatsanwalt saß ebenfalls auf seinem Platz, nur das hohe Gericht glänzte noch durch Abwesenheit. Es dauerte etwas, aber dann ging die Tür auf und der hohe Spruchkörper zog im Gänsemarsch wieder ein. Man erhob sich, bis der oberste Robenträger sich räusperte. „Die Verhandlung gegen Benedikt Hartenberg wegen Totschlags wird hiermit fortgesetzt. Nehmen sie bitte Platz.“ Jeder im Saal setzte sich, ich mich auf den Zeugenstuhl.
„Nach Beratung hat das Gericht beschlossen, die durch den Zeugen Kleeve vorgelegten Briefe in Augenschein zu nehmen. Das Gericht geht, nach der Bestätigung durch den Zeugen Justin Jublinski und der vorgelegten Vergleichsprobe der Handschrift des Opfers, von der Echtheit der Briefe aus. Der Beweisantrag der Verteidigung wird daher verworfen, da ihm auch das Geschmäckle einer möglichen Prozessverschleppung anhaftet. Dem Antrag der Staatsanwaltschaft war jedoch stattzugeben, da die Beweiserhebung nicht unzulässig ist, ich verweise auf § 245 Absatz 2 StPO.“ Er blickte sich um. „Ich darf dann beginnen?“ Ich blickte nach vorne, der Brief war mittlerweile in einer Klarsichtfolie verpackt, er rückte sich die Brille zurecht. „Herr Kleeve, ist JFK ihr Spitzname?“

Ich nickte pflichtbewusst. „So werde ich nicht nur von Freunden und in der Szene genannt, es ist auch mein Markenzeichen als Fotograf.“

„Dann wollen wir mal!“ Er räusperte sich erneut und begann seinen Vortrag. „Köln, am zweiten Mai 2007. Hi JFK, ich weiß, ich bin ein Arsch, es tut mir wirklich leid, dass ich mich in letzter Zeit so rar gemacht habe, aber ich musste über einige Dinge in meinem Leben nachdenken. Düsseldorf ist nichts mehr für mich, zu viele Gedanken an Nadine und das Kind, dass die Schlampe einfach weggegeben hat. Aber mit der Bitch will ich Dich jetzt nicht nerven, Du hattest immer Deine Probleme mit ihr. Aber mit Deiner Skepsis hast Du Recht behalten, ich war wohl zu blauäugig.
Ben hat mir letzte Woche einen Job in einem seiner Läden angeboten, ich werde also Barkeeper in einem seiner Betriebe. Er hat gesagt, ich könnte auch bei ihm wohnen. Ich glaube, ich nehme das Angebot an, ich will endlich von der Straße weg. Fühl Dich umarmt und geknuddelt – Dein Enrico – PS: Meine neue Handynummer lautet …“
Er blickte in dir Runde, legte das Papier beiseite und nahm die nächste Klarsichthülle in die Hand. „Köln am 15.05.2007. Hi JFK, danke für Deine SMS. Wie war Dubai? Wenigstens bei dir scheint alles rund zu laufen, bei mir sieht es nicht so gut aus. Ben hat mir zwar einen neuen Pass besorgt, ich heiße jetzt David Husselmann, aber er will plötzlich den doppelten Preis dafür haben, dieses Arsch! Den versprochenen Barkeeperposten gab es auch nicht, ich muss für ihn die Beine breitmachen, also wieder auf den Strich! Warum habe ich dich für ihn verlassen? Ich bin ein Idiot!
Der Arsch verlangt außerdem 500 Miete pro Woche für das Zimmer, ich schulde ihm jetzt also knapp 7.000 Euro! Warum gerate ich immer an die falschen Leute? Das Handy hat er mir abgenommen, ich komme mir vor wie im Knast. Er will mich morgen nach München bringen, um da meinen Arsch anzubieten, da wäre ich Frischfleisch. Fühl Dich trotzdem umarmt und geknuddelt! Dein Enrico.“
Fast mechanisch griff er sich den letzten Brief. „Irgendwo auf der Autobahn, Datum vom 15.06.2007. Hi JFK, ob Du es glaubst oder nicht: Das Arsch hat tatsächlich einen mobilen Puff mit allem Komfort, getarnt als normaler Caravan. Ben fährt und ich sitze hinten und schreibe Dir.
Es gibt endlich etwas Positives zu berichten: Ich hatte in München einen Stammfreier, einen reichen Araber, der mich freikaufen will! Ben scheint einverstanden zu sein, denn seitdem Ibrahim (das ist der Araber) ihm den Vorschlag gemacht hat, bin ich nur noch sein privater Lustsklave. Aber ich hab schon Schlimmeres erlebt: Seine acht Zentimeter (mehr hat er wirklich nicht in der Hose!) tun nicht weh, auch wenn er rammelt wie eine Nähmaschine. Schlimmer ist, dass er mich immer erst mit dem Gürtel oder der Peitsche traktiert, um überhaupt noch einen hochzukriegen.
Wir sind auf dem Weg in sein Wochenendhaus im Bergischen. Ich soll ihm und seinen Freunden dort als Lustobjekt für das ganzes Wochenende dienen, Ben nannte es meine letzte Diensthandlung. Egal! Montag hat der Spuk endlich ein Ende und dann geht es mit Ibrahim endlich in die Freiheit. Wegen meiner Sachen, die noch bei Dir in der Einliegerwohnung liegen, melde ich mich. In Liebe – Dein Enrico – PS: Ich hab nur noch eine 40 Cent Briefmarke, ich hoffe, Du verzeihst mir das Nachporto! E.“

Der Angeklagte schlug mit der Hand auf den Tisch. „Ich fasse es nicht! Der kleine Schwanzlutscher hat Briefe geschrieben! Nach einem zweiten Handy habe ich ja gesucht, aber Briefe?“

„War das der Anfang eines Geständnisses?“ Die Frage des Vorsitzenden war kühl und nüchtern.

Der Versicherungsmensch sprang auf. „Leck‘ mich!“

„Es ergeht folgender Beschluss: Gegen den Angeklagten wird wegen ungebührlichen Verhaltens ein Ordnungsgeld in Höhe von 1.000 Euro beziehungsweise vier Tage Ordnungshaft angeordnet. Herr Hartenberg, sie dürfen hier weder Zeugen noch das Gericht beleidigen! Ist das jetzt klar?“
Statt einer Antwort griff der Versicherungsmensch nach dem Glas, das vor ihm stand, und warf es in Richtung Richterbank. Die beiden Beamten reagierten erst, als es krachend auf dem Boden aufschlug und in tausend Teile zersplitterte. Silberlocke blieb überraschend ruhig.
„Es ergeht dann ein weiterer Beschluss: Gegen den Angeklagten Hartenberg wird ein erneutes Ordnungsgeld in Höhe von 2.000 Euro beziehungsweise acht Tage Ordnungshaft angeordnet, ferner wird hiermit die Fesselung des Angeklagten angeordnet. Meine Herren, legen sie ihm Handschellen an!“ Die Uniformierten kamen der Aufforderung nach. „Herr Hartenberg, noch so eine Entgleisung und wir machen in ihrer Abwesenheit weiter.“ Er machte sich ein paar Notizen. „Gibt es zu den Briefen Anträge oder Erklärungen? Herr Staatsanwalt? Herr Verteidiger?“

Es herrschte absolute Ruhe. Die beiden Bänke tuschelten intensiv, aber die Beratungen am Tisch der Staatsanwaltschaft verliefen aber schneller. „Aufgrund der neuen Beweislage ist es jetzt wohl kein Totschlag mehr, sondern eher Mord. Bezüglich dieser Qualifizierung reicht – nach Ansicht der Staatsanwaltschaft – ein Hinweis auf § 265 Absatz 2 StPO.“ Der Anklagevertreter räusperte sich. „Außerdem kommen jetzt Delikte wie Urkundenfälschung, gefährliche Körperverletzung, eventuell sogar auch schwere Körperverletzung zur Anklage hinzu, ferner die Ausbeutung von Prostituierten und Zuhälterei. Man könnte zwar einen Teil nach § 266 StPO [Nachtragsanklage] heute schon mitverhandeln, aber ich glaube nicht, dass der Angeklagte dem zustimmen würde. Auch sehe ich noch Ermittlungsbedarf hinsichtlich der §§ 180a [Ausbeutung von Prostituierten], 181a [Zuhälterei], 267 [Urkundenfälschung]. Von daher werden wir uns wohl alle bald wiedersehen.“

Der Mann mit der Goldrandbrille blickte zur Anklagebank. „Was sagt die Verteidigung?“

Diesmal war es die Dame, die die Stimme erhob. „Einer Nachtragsanklage hätten wir natürlich nicht zugestimmt, aber wir beantragen nach § 265 Absatz 3 die Aussetzung des Verfahrens.“

Silberlocke zog die Augenbrauen hoch, blickte zur anderen Seite. Der Staatsanwalt hatte wohl damit gerechnet, denn seine Antwort kam prompt. „Frau Kollegin! Was machen sie? Sie brennen hier eine Nebelkerze nach der anderen ab! Erst war es ein Stricher, der unliebsame Konkurrenz ausschaltete, dann war es ein Freier, der das Opfer im Sexrausch tötete und dem ihr Mandant nur half, die Leiche zu beseitigen. Heute sollte der Zeuge Kleeve als eifersüchtiger Täter herhalten, aber auch dieser Versuch ging deutlich in die Hose.“
Er goss sich etwas Wasser aus der vor ihm stehenden Karaffe in sein Glas, trank einen Schluck. „Was sie hier versuchen, ist doch offenkundig; Sie wollen den Prozess nur unnötig in die Länge ziehen. Die am Opfer gefundenen DNA-Spuren ihres Mandanten, die in der Hose des Opfers gefundene Tankquittung von der Autobahn, die mit der Kreditkarte ihres Mandanten bezahlt wurde, die Blutspuren im Kofferraum des Wagens ihres Mandanten, den nur er und keine Anderer fuhr, belegen doch eindeutig, dass nur ihr Mandant der Täter sein kann.“

„Plädieren sie jetzt schon?“ Der gegelte Anwalt grinste den Staatsanwalt frech an.

Der Angesprochene winkte ab. „Herr Kollege, auch sie sollten wissen: Die Schlussvorträge kommen erst nach dem Ende der Beweisaufnahme. Würde das Gericht jedoch ihrem Antrag folgen, müssten wir den gesamten Prozess ja noch einmal komplett neu aufrollen.“

„Meine Herren, ich störe ja nur ungern ihr Zwiegespräch, aber sind noch Fragen an den Zeugen Kleeve? Anträge auf Vereidigung?“ Silberlocke blickte in die Runde.

Die Verteidigerin schien düpiert zu sein. „Wir haben keine Fragen mehr!“

„Ich auch nicht!“ Der Anklagevertreter konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen.

Der Vorsitzende schaute mich intensiv an. „Dann bleibt der Zeuge unvereidigt. Herr Kleeve, sie sind hiermit entlassen. Sie können jetzt entweder gehen oder, wenn sie möchten, sich nach hinten auf die Zeugenbank setzen, ihre Entscheidung.“

„Na, dann schaue ich mir den Rest auch noch an, ist ja schließlich meine erste Verhandlung, die ich live miterlebe.“ Ich erhob mich, nur um mich sofort wieder neben Justin zu setzen.

„Dann ergeht hiermit folgender Beschluss: Die Sitzung wird …“ Der Hauptrichter suchte den Blick zu seiner Protokollführerin. „… zwecks Beratung über den Aussetzungsantrag und Mittagspause bis 13:00 Uhr unterbrochen.“

Justin lächelte mich an. „Werter Schwager? Lust auf eine Currywurst?“

„Aber selbstverständlich!“ Ich erhob mich und gemeinsam verließen wir den Sitzungssaal.

Nach einem Blick in den Himmel, die Wolken hatten sich an diesem Septembermorgen arg zusammengezogen und es sah nach Regen aus, disponierten wir um: Aus der Erfindung der Berlinerin Herta Heuwer an einem Stehimbiss wurde eine italienische Teigscheibe in einer Pizzeria. In dem Lokal, das wir nach kurzem Fußmarsch erreichten, wunderte ich mich etwas über die hohe Anzahl der Zweiertische, aber anscheinend hatte man sich als gute Alternative zur Gerichtskantine etabliert; dort ist man ja auch entweder alleine oder maximal zu zweit.
Wir waren zwar nicht die ersten Gäste, hatten aber dennoch fast freie Platzwahl; Justin deutete auf einen Tisch an der Wand. „Nehmen wir den?“

Ich nickte und wir steuerten auf den Essplatz zu. Nach dem Setzen betrachtete ich ihn noch einmal genauer, die Ähnlichkeit mit Enrico war wirklich erschreckend. „Man könnte fast meinen, ihr wärt Zwillinge gewesen, du und Enrico; ich meine, bis auf die Brille sieht man äußerlich kaum einen Unterschied, die Haare lasse ich mal außen vor.“

„Das liegt bei uns wohl in den Genen.“ Ein Grübchen zeigte sich auf seiner rechten Wange, als er mich sanft anlächelte. „Mama und Tante Margret wurden auch immer verwechselt. Aber ein paar Unterschiede gibt es dann doch zwischen ihm und mir.“

„Welche da wären?“ Ich wurde neugierig.

Ein verlegener Blick traf mich. „Eine Narbe vom Skateboardfahren am Unterarm und ich habe etwas mehr in der Hose als er, mindestens anderthalb Zentimeter, außerdem bin ich beschnitten.“

Ich musste schlucken, Enrico war mit knapp zwei Dezimetern gesegnet gewesen. „Oups, da werden aber einige Frauen Probleme kriegen. Wenn ich da an das Teil deines Bruders denke …“

„Welche Frauen?“ Er griente mich an. „Nicht nur Enrico stand auf Männer, ich tue es auch!“

Sein Outing kam etwas überraschend, aber der Zungenkuss vom Vormittag war nicht von schlechten Eltern gewesen. „Das hat dein Bruder nie erwähnt, dass du auch …“

„Naja, er wusste nicht, dass ich bei unseren Spielereien geblieben bin.“ Er spielte verlegen mit dem Besteck. „Er hat mich ja auf den Geschmack gebracht, als wir uns die zehn Quadratmeter bei Tante Margret geteilt haben.“

Welche Neuigkeiten würde ich noch erfahren? „Ihr habt zusammen in einem Zimmer gewohnt?“

„Ja, nachdem Mama damals an Krebs gestorben war, ich war 12, Enrico anderthalb Jahre älter, hat uns Tante Margret aufgenommen. Allerdings mussten wir uns ein Zimmer teilen und wenn der eine …, dann hat der andere das natürlich mitgekriegt.“ Eine leichte Röte stieg in sein Gesicht. „Und dann haben wir es halt oft zusammen gemacht, war spaßiger! Und, ehe du fragst, wir haben auch gefickt, aber ich habe ihn entjungfert, später erst wurde er dann auch bei mir aktiv.“

Die Offenheit war erschreckend. „Dann stimmte das mit dem Heim wohl auch nicht?“

„Nicht so ganz, …“ In diesem Moment trat der Kellner an den Tisch, reichte uns die Karten und erkundigte sich nach den Getränkewünschen. Ich wollte, wie üblich, ein Altbier bestellen, aber wir waren ja in Köln! Der Einfachheit halber orderte ich ein Pils, ich hatte wirklich keine Lust auf eine mögliche Diskussion mit dem Ober, dessen Schürze ein Aufdruck einer Kölner Brauerei zierte. Ich kann diesen Disput sowieso nicht so recht nachvollziehen, Alt und Kölsch sind beides obergärige Biere, haben fast die gleiche Stammwürze, nur der Anteil an Darrmalz ist unterschiedlich. Ohne die Speisenkarte eines Blickes zu würdigen, wollte ich eine mittlere Prosciutto mit Zwiebeln zum Mittag, Justin wählte eine kleine Funghi mit doppelt Käse und ebenfalls ein untergäriges Bier.
Als die Bedienung außer Hörweite war, nahm sein Gesicht ernste Züge an. „Mit 15 geriet Enrico in die falschen Kreise: Ladendiebstahl, Schlägereien, Schwarzfahren, zwar alles nur Kleinigkeiten, aber auch die können zu einem richtigen Berg anwachsen. Trotz Unterstützung vom Jugendamt wurde unsere Tante nicht mehr so richtig fertig mit ihm. Er sollte eigentlich in eine betreute Wohngruppe, stand dann aber bei einem Überfall auf eine Tankstelle Schmiere und wurde erwischt. Um nicht wieder in den Knast zu müssen, ist er dann nach Berlin. Den Rest kennst du.“

„Darf ich fragen, warum du nicht …“ Ich blickte ihn an. „Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst, die Frage ist ja wirklich ziemlich privat.“

„Ich bin nicht Enrico, also warum sollte ich dir nicht antworten?“ Er blickte mich direkt an. „Ich habe das eigentlich nur Tante Margret und ihrer christlichen Einstellung zu verdanken. Nach Mamas Tod zogen wir ja von Rathenow zu ihr nach Brandenburg an der Havel und sie meldete mich dort einfach zum Konfirmationsunterricht an. Dadurch bin ich in eine kirchliche Jugendgruppe und weg von der Straße, auf der Enrico sich seine Zeit vertrieb.“

„Wie ging es dann weiter?“ Ich wollte noch mehr über ihn erfahren.

Er zuckte mit den Schultern. „Mama war es egal, welche Noten wir nach Hause brachten, sie war am Ende ja auch zu schwach. Tante Margret hat immer unsere Hausaufgaben kontrolliert, da mussten wir für die Schule lernen. Auch wenn ich es damals gehasst habe, aber Dank ihr schaffte ich den Sprung zum Gymnasium und mit 19 auch mein Abi, zwar nur mit 2,9, aber immerhin.“

Der Kellner brachte uns die Getränke, wir stießen an. „Und was hast du mit dem Abi gemacht?“

„Bis jetzt noch nichts, ich war erst zwei Jahre beim Bund, habe dann noch für einen Auslandseinsatz verlängert und jobbe jetzt in einem Getränkemarkt.“ Er lachte mich an. „Ab Oktober studiere ich dann Informatik an der FH in Brandenburg, bleibe also in der Heimat.“

Der Kellner brachte uns die Teigscheiben, deren Vorläufer schon bei den alten Etruskern auf den Tisch kam. Die Pizza war zwar nicht hitverdächtig, aber mehr als genießbar, ich habe schon schlechter gegessen. Ich blickte ihn neugierig an. „Kommst du eigentlich zu jedem Verhandlungstag nach Köln?“

„Nein!“ Er schüttelte den Kopf. „Meine eigene Ladung war erst für den zweiten Verhandlungstag, also vor knapp einem Monat. Ich hatte mir da ein Hotel hier genommen, denn ich sollte um 9:00 Uhr schon aussagen. Wie der Staatsanwalt mir erklärte, sagt das Opfer oder der nächste Angehörige immer als erster Zeuge aus.“ Die Regelung war mir neu, aber ich bin auch kein Jurist. „Aber viel konnte ich dem Gericht über Enrico auch nicht erzählen, ich hatte ja schon seit Anfang 2005 keinen Kontakt mehr zu ihm. Ab und an klingelte er zwar kurz durch oder schrieb eine Karte, die letzte kam zu Ostern 2007 aus Düsseldorf, aber das war es dann auch schon. Die Sache mit dieser Nadine war komplett neu für mich, er hat sie nie mit einem Wort erwähnt.“

„Hör mir bloß mit der Tante auf! Wenn ich nur daran denke: Dein Bruder nackt auf ihr und voll in Aktion?“ Ich schüttelte mich. „Mir rollen sich noch heute die Zehennägel auf. Nichts gegen Frauen, aber die hätte man erst in Domestos baden sollen, die war so … ne … die Bettwäsche, in denen es die beiden …, die habe ich sofort verbrannt! Aber ich habe dich unterbrochen; Entschuldigung!“

„Kein Problem. Auf der Rückfahrt nach Brandenburg wurde mir eins klar: Ich kannte mein Bruder und das Leben, das er führte, gar nicht. Auch wenn es sich jetzt dumm anhört, aber ich wollte ihn wieder kennenlernen. Deshalb rief ich den Staatsanwalt an und habe mir den Terminplan geben lassen.“ Auf seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung.

Ich lächelte ihn sanft an. „Das hört sich gar nicht so abwegig an, ich hätte es genauso getan. Aber ich kann nicht verstehen, wie dein Bruder diesem Ben auf den Leim gehen konnte: Um solche Männer hat er früher immer einen riesengroßen Bogen gemacht.“

„Das glaube ich dir sofort, aber viel über Enricos Leben habe ich nicht erfahren, wenn ich ehrlich sein soll. Ich kam dann zur zweiten Prozesswoche wieder, hatte mir hier eine kleine Pension gesucht, aber die erste Woche konnte man total vergessen, da machten nur die Leute von der Polizei und der Spurensicherung ihre Aussagen.“ Er tupfte sich den Mund ab. „In der zweiten Woche wurde es dann interessanter, aber das erwies sich, im Nachhinein, auch als Reinfall. Es ging nicht mehr um meinen Bruder, sondern nur noch um diesen Ben! Tja, dann erwähnte der Freier die Vernissage in Essen und nannte deinen Namen und das Enrico wohl deine Muse gewesen wäre. Der eklige Verteidiger sprang sofort darauf an und bestand auf deiner Ladung. Dann war eine Woche Pause, ich bin wieder nach Hause und gestern dann zurück. Eigentlich sollten in zwei Tagen die Plädoyers erfolgen, aber wie jetzt der Zeitplan aussehen wird, weiß ich auch nicht, ich werde mich überraschen lassen.“

„Wer war denn der Freier?“ Neugierig war ich zwar nicht, aber wissen wollte ich es schon.

Der angehende Student grübelte kurz. „So ein geschniegelter Lackaffe, ziemlich affektiert, gegelte, schwarze Haare, einfach nur bah! War hier mal in der Lokalpolitik tätig, wohl ein ziemlich hohes Tier, ist dann aber nach einem Skandal in der Versenkung verschwunden. Der Name? Moment, ich habe es gleich! Josef war der Vorname, dann irgendein Baum … Buche oder so!“

„Joseph Hainbucher?“ Ich schaute ihn irritiert an.

Er kratze sich am Kinn. „Ja, so hieß er! Kennst du ihn?“

„Leider! Ich sollte für ihn und seine Gruppierung ‚Unser Köln‘ mal Wahlkampfaufnahmen machen, aber den Auftrag habe ich dankend abgelehnt: Ich mache keine Bilder für Nazis!“ Ich atmete tief durch. „Der Typ ist nach außen hin biederer Familienvater, aber schwul wie ein Rudel Friseure. Dass der an Enrico Interesse hatte, wundert mich nicht: Für einen langen Schwanz ging der meilenweit!“

Er grinste verschmitzt. „Dann hätte ich also Chancen gehabt?“

„Bestimmt, aber nicht nur bei dem!“ Ich lachte ihn an.

Der straßenköterblonde Brillenträger stutzte. „Bei wem denn noch?“

„Der Typ am Nebentisch starrt uns die ganze Zeit schon an.“ Ich deutete mit dem Finger in die Richtung. „Mich kann er wohl nicht meinen, das ist wohl eher deine Liga.“

Justin schaute sich diskret um. „Meinst du den Monteur in dem blauen Overall?“

„Nein, den blassen Typ am Tisch daneben. Scheint wohl Anwalt zu sein, denn über dem freien Stuhl liegt eine Robe.“ Ich grinste. „Wenn er Richter oder Staatsanwalt wäre, würde er wohl nicht mit dem Juristenkittel durch die Gegend laufen, oder?“

„Das klingt logisch! Ich kann es ja mal versuchen!“ Auch der angehende Student griente.

Ich verdrehte die Augen. „Willst du etwa in Enricos Fußstapfen treten?“

„Um Gottes Willen! Ein Stricher in der Familie ist mehr als genug und wo das endet, haben wir ja gesehen!“ Er hob abwährend die Hand. „Ich will monogam leben und nicht von Blüte zu Blüte …“

„Naja, aber ab und mal Naschen ist erlaubt, oder?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.

Justin schüttelte sein weises Haupt. „Als Single ja, aber als Paar? Da dann nur zusammen!“

„Der Typ, der dich mal kriegt, der kann sich glücklich schätzen. Oder bist du schon liiert?“ Ich winkte den Kellner heran, wir hatten noch eine halbe Stunde bis zur Wiedereröffnung.

Justin griente. „Ich bin Single, denn in Brandenburg den passenden Partner zu finden ist nahezu unmöglich, jedenfalls bei meinem Geschmack, was Männer angeht!“

Der Mann mit der schwarzen Weste kam an unseren Tisch. „Haben Sie noch einen Wunsch?“

„Ja, sogar zwei Begehren. Bringen sie uns bitte noch zwei Espresso und zwei Grappa und dem Herren dort am Nebentisch …“ ich deutete in Richtung des blassen Robenträgers. „… dem bringen sie auch einen Grappa. Und dann hätte ich gerne die Rechnung.“

„Wird erledigt.“ Er zog grinsend ab.

Mein Gegenüber stutze. „Was hast du vor?“

„Der Typ zieht dich mit den Augen ja jetzt schon aus und du wolltest was versuchen, werter Schwager.“ Ich musste grinsen. „Und so schlecht sieht er doch nun auch nicht wieder aus, oder?“

Er verzog sein Gesicht. „Willst du Kuppler spielen?“

„Gott bewahre! Wenn, dann würde ich mich nur selbst verkuppeln und keinen anderen!“ Ich grinste.

Der Kellner brachte uns die Türkentränke und das klare Destillat, präsentierte mir die Rechnung. Das Essen war wirklich günstig, etwas über 20 Euronen für Speisen und Getränke. Ich gab ihm 25 mit dem Bemerken, es würde passen. Auf dem Rückweg kredenzte er dem Robenträger das für ihn georderte Glas. Der Mann mit der ziemlich hellen Gesichtsfarbe schaute verlegen in unsere Richtung, kam dann aber, mit Glas in der Hand, an unseren Tisch.
„Danke für den Grappa.“ Sein Deutsch hatte einen leichten französischen Akzent, einfach süß.

Wir stießen an. Sein Gesicht wies leichte asiatische Gesichtszüge auf. „Gern geschehen.“

„Ich muss mich entschuldigen, aber …“ Der Anwalt, ich schätzte ihn auf um die 30, wirkte verlegen. „… es ist eigentlich nicht meine Art, Leute so direkt anzuschauen, aber …“

„Aber was?“ Justin strich sich keck durch das straßenköterblonde Haar.

Der französische Asiate oder asiatische Franzose wechselte das Standbein. „Ich will ihnen ja nicht zu Nahe treten, aber sind sie das Fotomodell aus ‚Der Stricher David‘?“

„Und wenn es so wäre?“ Justin leckte sich lasziv über die Lippen.

„Nichts, es ist nur …“ Endlich kam etwas Farbe ich die asiatischen Gesichtszüge. „Mein Freund hat mir den Bildband zum Geburtstag geschenkt und die Bilder sind einfach nur … magnifique. Ich wollte, jemand würde mich auch mal so … in Szene setzen.“

„Das ist doch kein Problem. Mein JFK ist ein sehr guter und einfühlsamer Fotograf und gegen Geld knipst er fast alles, nur keine Nazis!“ Justin hielt ihm seine Hand hin. „David ist nur ein Pseudonym für die Öffentlichkeit, eigentlich heiße ich Justin.“

„Angenehm, je suis Thierry, Thierry Boulanger.“ Hielten die Zwei vor meinen Augen Händchen?

Justin löste die Verbindung, griff nach seiner Tasse. „Also Thierry, wenn du ganz lieb bist, wird mein JFK dich ablichten. Die Bilder sollen wohl für deinen Freund sein, oder?“

„Oui, denn Olaf … Olaf studiert jetzt in Budapest, wir sehen uns nur alle paar Wochen!“ Glücklich schien er mit der Situation nicht zu sein, aber wer führt schon gerne Fernbeziehungen.

Der Augenaufschlag des Brandenburgers war einfach phänomenal. „Das hört sich wirklich nicht gut an. Da werden wir uns ganz was Besonderes für … äh … Olaf und dich einfallen lassen. Schatz, reichst du ihm bitte mal deine Karte? Liebenden muss geholfen werden!“

Ich verdrehte die Augen: In welchem Film war ich denn hier? Da aber meine Geldbörse noch auf dem Tisch lag, tat ich, wie mir geheißen. „Äh, hier bitte.“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Der Anwalt betrachtete die Karte, hielt sie fast wie ein Priester eine Monstranz. „Darf ich sie dann anrufen?“

Der angehende Student schaute ihn fast strafend an. „JFK kann zwar viel, aber telepathisch kann er leider noch keine Termine ausmachen, dazu bedarf es immer noch des Telefons. Und wenn du uns jetzt entschuldigen würdest, wir müssen wieder zurück zum Gericht.“

„Aber selbstverständlich! Es hat mich gefreut, euch kennenzulernen.“ Diesmal reichte er mir zuerst die Hand. „Ich werde mich melden, versprochen.“

Ich erhob mich und Justin tat es mir gleich. „Dann noch einen guten Appetit und vielleicht bis bald.“

„Au plaisir!“ Er stand noch immer an dem Tisch, als wir schon längst den Ausgang erreicht hatten.

Ich schaute meinen Begleiter etwas mürrisch an. „Was war das denn?“

„Das war Thierry Boulanger, der Bilder für seinen Freund Olaf in Budapest haben will!“ Er lachte.

Ich grummelte. „Das meine ich nicht! Was sollte das mit ‚mein JFK‘, mein Lieber?“

„Ach das!“ Er hakte sich bei mir unter. „Hätte ich sagen sollen, mein Schwager? Dann hätte er dich vielleicht für eine Hete gehalten und wir hätten ihm die ganze Familiengeschichte erzählen müssen. War er denn nicht nach deinem Geschmack?“

Der Knabe war wirklich unglaublich, er drehte den Spieß einfach um. „Erstens ist der Kerl befreundet, aber auch wenn sein Freund im Moment in Ungarn ist, ich spiele nur ungern den Lückenbüßer. Zweitens ist mir der Typ zu jung für eine ernsthafte Beziehung.“

Justin stoppte plötzlich, ich wäre fast gestolpert. „Aber Enrico war damals noch jünger als der kleine Franzose von gerade. Hast du nicht oben im Gerichtssaal gesagt, du wärst vernarrt in ihn gewesen? Und wie war das kurz vor unserem Kuss? Wenn Enrico nur etwas offener gewesen wäre, wäre aus euch ein Paar geworden. Wie passt das denn jetzt zusammen?“

„Das ist etwas anderes!“ Warum rechtfertigte ich mich?

Er umrundete mich, blickte mir in die Augen. „Und warum ist das etwas anderes?“

„Weil …“ Herr im Himmel hilf! „… weil … dein Bruder … er … er erinnerte mich irgendwie an Thomas Lange, einen Mitschüler von mir … und meine erste Liebe!“

„Dann wolltest du mit Enrico also deine erste Liebe neu erleben?“ Er schaute mich ungläubig an.

Ich steckte mir eine Zigarette an. „Nein! Das war es nicht, es war …“

„Ja?“ Justin nahm mir den Glimmstängel ab.

Ich griff erneut in die Schachtel. „Thomas war … als seine Eltern erfahren haben, dass er schwul ist, haben sie ihn achtkantig aus dem Haus geworfen, aus dem behüteten Elternhaus direkt in die Gosse. Auch wenn ich es gewollt habe, aber ich konnte ihm damals nicht helfen, ich war ja selbst erst 17. Nach meinem Abi habe ich dann mit seinem Grabstein angestoßen.“ Ich kämpfte gegen meine Tränen. „Als ich dann deinen Bruder sah, da … da … kam alles wieder hoch und …“

Seine Hand hielt mein Kinn hoch. „Da dachtest du, diesmal könntest du helfen?“

„Ja, so in der Art. Aber … es hat … auch nicht geklappt!“ Ich schluckte.

Er zog meinen Kopf zu sich und küsste mich sanft. „Aber dich trifft doch keine Schuld! Hilfe, die einem angeboten wird, muss man auch annehmen. Du bist wirklich nicht dafür verantwortlich, wenn jemand lieber durchs Wasser watet und dabei dann nass wird, anstatt trocken über die Brücke zu gehen, die du ihm gebaut hast.“

„Du meinst wirklich …“ Ich war mir ziemlich unsicher.

Ein erneuter Kuss folgte. „Meine ich! Wenn Enrico erst nach zwei Jahren merkt, dass er dir vertrauen und sich auf dich verlassen kann, dann tut er mir leid. Ich weiß es nach knapp vier Stunden, dass du ein echter Freund bist. Und nun sollten wir uns beeilen, lieber Schwager!“

Wir zogen fast gleichzeitig mit dem Gericht ein. Häuptling Silberlocke bedeutete dem Saal, sich zu setzen. „Hiermit setzen wir die unterbrochene Hauptverhandlung gegen Benedikt Hartenberg wegen Totschlags fort. Nach Beratung durch das Gericht ergeht folgender Beschluss: Der Antrag auf Aussetzung des Verfahrens wird abgelehnt, stattdessen ergeht der rechtliche Hinweis, dass in diesem Fall auch eine Verurteilung nach § 211 StGB infrage kommt.“ Er blickte in den Saal, in dem es in dem Moment mucksmäuschenstill war.
„Als Mordmerkmale kommen hier Befriedigung des Geschlechtstriebs, Habgier, Heimtücke und Grausamkeit in Betracht, ferner liegt Verdeckungsabsicht vor.“ Die Verteidigung schrieb fleißig mit. „Diese Entscheidung dient auch der Prozessökonomie, obwohl diese nicht ausschlaggebend war. Eine Aussetzung des Verfahrens hätte gleichzeitig bedeutet, dass das OLG um eine Verlängerung der Untersuchungshaft hätte angegangen werden müssen.“
Der Vorsitzende räusperte sich, die Dame auf der Anklagebank blickte auf. „Obwohl die Strategien einer angemessenen Verteidigung in Fällen von Mord oder Totschlag fast deckungsgleich sind – so habe ich es jedenfalls vor Jahrzehnten in meinem Referendariat gelernt – sieht das Gericht jedoch die Notwendigkeit, der Verteidigung die notwendige Zeit einzuräumen, die sie braucht, um sich an die geänderte Gesamtsituation anzupassen. Von daher ergeht ein weiterer Beschluss: Der Prozess wird für die Dauer von drei Wochen unterbrochen. Wir sehen uns also am 28. dieses Monats um 9:00 Uhr in alter Frische und jugendlicher Schönheit wieder.“

Das Gericht erhob sich und auch die Zuschauer machten sich auf, den Ort des Geschehens zu verlassen. Der etwas dickliche Staatsanwalt räusperte sich.“ Herr Kleeve? Hätten Sie vielleicht mal eine Minute für mich? Ich hätte da noch einige Fragen.“

Ich schaute Justin an, der nickte; gemeinsam gingen wir dann zum Vertreter der Anklage, der dabei war, seine Akten einzupacken. „Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Sie sprachen davon, dem Opfer eine Einliegerwohnung vermietet zu haben. Meine Frage ist nun, sind noch Sachen von ihm vorhanden?“ Er blickte mich fragend an. „Es sind zwar vier Jahre ins Land gegangen, aber … wenn sie noch etwas hätten, ich wäre ihnen ziemlich dankbar.“

Ich grübelte kurz. „Was hatte Enrico da? Ein paar Bücher, CDs, Wäsche, Deko-Sachen. Ich habe das Ganze nach einem Jahr in Kisten gepackt und bei mir auf dem Dachboden eingelagert. Wenn Sie sie haben wollen? An mir soll es nicht liegen! Wann wollen sie sie abholen?“

„Nein, ich würde ihn in der nächsten Woche gerne mal meinen Referendar vorbei schicken, damit er die Sachen sichten kann. Vielleicht finden wir noch etwas, das wir gegen den Angeklagten verwenden können.“ Er grinste mich an.

Ich lächelte zurück. „Ich habe zwar keine Termine im Ausland, aber er sollte einen Tag vorher schon einmal kurz durchleuchten, dass ich auch Zeit habe. Aber ich hätte jetzt mal eine Frage.“

„Die da wie lautet?“ Der Staatsanwalt entledigte sich seiner Robe.

Ich blickte ihn etwas verlegen an. „Wie kam man eigentlich auf Enricos genaues Sterbedatum? Ich habe irgendwo mal gelesen, dass man das nach einem Monat nur noch grob schätzen kann.“

„Das stimmt, aber der Angeklagte hat zwei ganz große Fehler gemacht, die uns die Arbeit erheblich erleichtert haben.“ Der vollschlanke Mann lachte. „Hätte er den Toten einfach so verbuddelt, es wäre ziemlich schwer für uns geworden, aber er wickelte Enrico in wasserundurchlässige Teichfolie ein. Der Leichnam war fast so frisch wie am ersten Tag, selbst sämtliche DNA-Spuren vom Angeklagten sind erhalten geblieben.“

Ich musste wirklich grinsen. „Und der zweite Lapsus?“

„Er fuhr zu schnell!“ Ich verstand nur Bahnhof. „Am 18.06.2007 fuhr er mit 150 Sachen durch eine Autobahnbaustelle, dabei wird er von einer Zivilstreife erwischt. Er wird angehalten, pöbelt herum, bei der Durchsuchung des Wagens finden die Beamten 2,6 Kilo Haschisch. Er wird verhaftet, kommt in Untersuchungshaft und wird zu dreieinhalb Jahren verurteilt.“ Der Dicke kicherte. „Als er dann nach drei Jahren wieder herauskam, hatte er wohl nicht mehr an Enrico gedacht! Erst vor fünfeinhalb Monaten wurde der Leichnam bei einer Ufersäuberung von einer Gruppe Pfadfindern gefunden. Der Rest war dann einfache Polizeiarbeit, man musste nur noch eins und eins zusammenzählen.“

Als wir das Gerichtsgebäude verlassen hatten, blickten Justin und ich uns intensiv an. „Wie sehen deine Pläne denn jetzt aus?“

„Gute Frage, die Nächste bitte!“ Der straßenköterblonde Brillenträger zuckte mit den Schultern. „Ich werde wohl jetzt in meine Pensionen fahren, packen und dann heute noch in die Heimat.“

Ich wollte ein Lächeln auf meine Lippen zaubern, aber so richtig gelang es mir nicht. „Wenn du möchtest, spiele ich gerne Taxi. Ich habe heute sowieso nichts mehr vor, von daher …“

„Das wäre nett, denn es ist etwas umständlich, mit dem ganzen Gepäck erst in den Bus und dann in die U-Bahn, ich muss ja zum Hauptbahnhof.“ Das Lächeln auf seinem Gesicht sah leicht gequält aus.

Ich legte meine Hand auf seine Schulter. „Dann folge er mir mal bitte zu meinem Wagen.“

Für das Zusammenraffen seiner Sachen brauchte er keine Viertelstunde, sein Rucksack und die Sporttasche, die er bei sich hatte, landeten im Kofferraum meines Audis A6 Avant. Die Stimmung auf der Fahrt zum Bahnhof war etwas gedrückt, viel gesprochen wurde nicht. In der Komödienstraße, der Dom war schon in Sichtweite, legte er seine Linke auf meinen rechten Unterarm.
„Kannst du mal bitte rechts ranfahren?“ Seine Stimme klang brüchig.

„Sobald ich einen freien Platz finde!“ In der Kölner Altstadt kein leichtes Unterfangen, aber ich hatte mehr Glück als Verstand, denn kurz nach dem Hostel wurde direkt vor mir ein Parkplatz frei, ich hielt, ließ den anderen Wagen ausparken und stellte mich dann in die Lücke.

„Danke!“ Er drehte sich zu mir, strich mir sanft über die Wange. „Ich wollte ja durch den Prozess meinen Bruder neu kennenlernen. Aber, um ehrlich zu sein, viel näher bin ich ihm durch die ganze Verhandlung nicht gekommen, jedenfalls bis heute, bis du aufgetaucht bist und deine Aussage gemacht hast. Bei dir spielte Enrico die Hauptrolle, bei den anderen? Da war er die Leiche, das Opfer oder was weiß ich!“ Er seufzte. „Ich habe eine Bitte!“

Ich blickte ihm in die Augen. „Welche?“

„Ich würde gerne wissen, wie er bei dir gelebt hat.“ Eine Träne kullerte über seine Wange.

Ich fing sie mit dem Finger auf. „Du willst mit zu mir nach Düsseldorf?“

„Wenn es dir nichts ausmacht!“ Justin schluckte. „Aber … ich will es auch aus einem anderen Grund, nicht nur wegen Enrico. Ich will dich näher kennenlernen, aber nicht, weil du der Lover meines Bruders warst, der mir viel aus seiner Vergangenheit erzählen kann, sondern … weil … weil du …“ Er schluchzte. „… weil du du bist. Ich weiß auch nicht, wie ich es sagen soll, es ist …“

Ich zog seinen Kopf zu mir, unsere Lippen trafen sich und unsere Zungen tanzen Walzer. Die Zeit stand still, die Welt um uns herum schien sich aufzulösen, das Universum schien sich im Innenraum meines Autos zu konzentrieren. Was war los? Was war mit ihm los? Was war mit mir?
Plötzlich klopfte es an die Scheibe, ich erschrak; aus dem psychedelischen Farben, die bis gerade noch dominierten, wurde mit einem Schlag wieder das Grau des Alltags. Unsere Köpfe lösten sich, ich drehte mich um und blickte in die Augen einer Knöllchenschreiberin. Ich drückte das Knöpfchen, die Scheibe senkte sich. „Ja bitte?“

„Jungs, wenn ihr knutschen wollt, dann macht das, aber entweder fahrt ihr dazu an den Aachener Weiher oder ihr zieht euch einen Parkschein!“ Sie stemmte ihre Hände in die Hüften.

Die Antwort, auf die sie wohl wartete, kam vom Beifahrersitz. „Wir fahren, aber nicht zum Aachener Weiher, sondern nach Düsseldorf.“

„Nach Düsseldorf?“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Das wäre eigentlich Grund genug, das Ticket zu erhöhen, aber macht jetzt, dass ihr wegkommt.“

„Machen wir!“ Ich lachte sie an, startete den Motor und legte den Rückwärtsgang ein.

 

„Herr Jublinski! Da sind sie ja!“ Der Staatsanwalt wirkte irgendwie erleichtert. „Ich hatte versucht, sie letzte Woche zu erreichen, aber ich habe nur ihre Tante erwischt. Sie sind umgezogen?“

Justin grinste. „Bin ich! Ich lebe jetzt bei meinem Freund in Düsseldorf und werde da auch studieren.“

„Sind sie der Glückliche?“ Der Robenträger blickte mich fragend an.

Ich nickte lächelnd. „Gaynau, der Freund bin ich!“

„Dann wünsche ich ihnen viel Glück oder was man in einer solchen Situation auch immer wünschen mag.“ Er lachte, schaute dann Justin an. „Aber darf ich fragen, warum sie ihrem Bruder nacheifern?“

Der straßenköterblonde Student grinste. „Wieso nacheifern? Enrico wollte eine Beziehung, war aber unfähig, eine feste Bindung einzugehen. Ich wollte schon immer eine Bindung eingehen, habe aber nie den passenden Mann für eine Beziehung gefunden, bis ich JFK traf. Wir laden sie auch zur Hochzeit ein, denn sie haben uns ja mehr oder minder zusammengebracht.“

Der dickliche Vertreter der Anklage schmunzelte immer noch. „Meinen Segen haben sie, daran soll es nicht scheitern. Aber eins muss ich ihnen noch sagen! Und da bin ich leicht böse auf sie!“

Ich hob abwährend die Hände. „Wir sind uns keiner Schuld bewusst!“

„Was haben sie mit meinem Referendar gemacht? Der kam ganz verstört zurück, als er bei ihnen die Sachen des Opfers sichten sollte.“ Leichter Unmut lag in seiner Stimme, Justin blickte grinsend zu Boden. „Also! Ich höre!“

Auch ich musste mich beherrschen, den notwendigen Ernst zu wahren. „Sorry, aber unter Enricos Sachen war auch eine Kiste mit Sexspielzeug. Wir sind nur unserer Bürgerpflicht nachgekommen und haben ihm den Gebrauch erklärt. Was können wir dafür, wenn er sie live testen wollte?“

„Der Junge muss echt noch viel lernen!“ Der Anklagevertreter schüttelte den Kopf. „So geht man doch nicht mit möglichem Beweismaterial um! Aber, er kommt ja auch aus Düsseldorf!“

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