Abitreff

Es war kurz vor sechs, als Matthias erschöpft die Haustür aufschloss und sich erst einmal den Schweiß von der Stirn wischte. Fahrradfahren ist zwar gut für die Kondition und man kann damit auch seine Figur einigermaßen in Form halten, aber bei Temperaturen um die 30°-Marke ist dieses körperliche Unterfangen dann doch eine eher transpirationsfördernde Angelegenheit.
Ordentlich stellte er seine Slipper zu den anderen Schuhen, die in dem kleinen Windfang schon in Reih und Glied versammelt waren. Dem 44-jährigen Oberamtsrat schlug im Flur die übliche bunte Mischung orientalischer Gerüche entgegen; die Quelle dieser durchaus positiven Geruchsbelästigung konnte – wie immer – nur die Küche sein. Der Brillenträger lehnte sich lässig an den Türrahmen und betrachtete genüsslich den nackten Rücken der Person, die da, nur mit einer Boxershorts bekleidet, an der Arbeitsplatte stand und Zwiebeln hackte, auf dem Herd standen zwei Töpfe und eine Pfanne.

„Hast du an den Spinat gedacht?“ Cihad warf einen kurzen Blick über die Schulter.

Erschrocken fuhr der Leiter des Rechnungsprüfungsamtes zusammen, dachte er doch, er wäre bisher unentdeckt geblieben. „Habe ich, mein Engel, habe ich! Allerdings hättest du mir auch sagen können, dass der Penny heute dichtmacht, die bauen um und sind jetzt schon am Ausräumen. Ich habe nur noch Rahmspinat bekommen, was anderes gab es nicht mehr. Ich hoffe, das geht in Ordnung.“

„Der ohne Blubb wäre zwar besser gewesen, aber …“ Lachend kam der Sohn eines Berbers auf seinen Mann zu. „… in der Not … gib schon her!“

Matthias hielt ihm die Packung von Popeyes Lieblingsgemüse hin. „Was gibt es denn eigentlich?“

„Kichererbsen-Spinat-Suppe.“ Der 22 Jahre junge Marokkaner grinste.

Der Leiter des städtischen Controllings verzog leicht das Gesicht. „Bei diesem Wetter Spinat?“

„Ist was Leichtes!“ Cihad griff erneut zum Messer.

Matthias ging auf den jungen Mann zu, legte seine Hände auf dessen Hüften und zog ihn an sich ran. „Wenn ich es mir recht überlege, können wir auch auf das Essen verzichten und direkt zum Nachtisch übergehen: Ich nehme den Koch!“

„Du kannst auch wohl nur an das Eine denken!“ Ein gespielter Vorwurf lag in seiner Stimme.

„Sorry, aber ich bin nur ein Mann und kann nicht anders! Wenn ich dich sehe, dann …“ Der städtische Beamte ließ seine Finger langsam unter das Bündchen der Boxer gleiten, zog sie halb nach unten, um die darunterliegenden Apfelbäckchen zu kneten. „… muss ich einfach daran denken … und wenn ich nicht daran denke, dann träume ich davon!“

Der hochgewachsene Jüngling entzog sich den Liebkosungen des Älteren nicht; nein, im Gegenteil, er drückte sich noch stärker an seinen Liebsten, wollte ihn und seine Wärme doch spüren. Als Matthias dann auch noch seine Zunge einsetzte, sie auf Cihads Wirbelsäule tanzen ließ, um dann die feuchten Stellen mit seinem Atem gekonnt zu kühlen, fuhr ein Schauer nach dem anderen durch den Körper des dunkelhaarigen Sohns der Wüste. Cihad wand sich wie eine Schlange, denn zur Stimulation auf seinem Rücken kam in dem Moment noch ein zärtliches Streicheln auf der Vorderseite.
„Schatz! Wenn du so weitermachst, dann … dann …“ Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, denn der Deutsch-Marokkaner nahm jetzt deutlicher und intensiver den Geruch des Beamten wahr und frischer Schweiß ließ ihn einfach verrückt werden vor Geilheit. Er brauchte kein Poppers, keine chemischen Stimulanzien, keine Aphrodisiaka, ihm reichte allein dieser natürliche Duft, um in Fahrt zu kommen, und er war auf dem besten Wege, den Zeitplan für den heutigen Abend über den Haufen zu werfen.

„Dann was?“ Matthias hauchte diese Worte mehr als er sie sprach. „Dann was, Habibi?“

„Dann … dann hätten wir Ulrich und Stefan nicht zum Essen mit anschließender Urlaubsplanung, sondern gleich zu einer Orgie einladen sollen.“ Auch wenn es ihm mehr als schwerfiel, er ließ von seinem Mann ab und wandte sich wieder den Töpfen zu.

Die vier Freunde wollten Mitte September in die US of A, aber das genaue Ziel stand noch nicht fest: der tiefe Süden, der Indian Summer, die legendäre Route 66 oder Nationalpark-Hopping standen auf der Auswahlliste. Der Brillenträger verzog belustigt sein Gesicht. „Wie ich Ulrich kenne, würde der sofort mitmachen, aber Stefan? Der trauert doch noch immer seinem Michael hinterher, obwohl dieser elende Stricher ihn nach Strich und Faden verarscht hat: Räumt erst das gemeinsame Konto leer, macht sich dann aus dem Staub und nimmt dabei auch noch die halbe Wohnungseinrichtung mit, während sein Freund im Krankenhaus liegt!“

„Und deshalb müssen wir Stefan auch wieder aufbauen! Aber apropos Geld: Hast du …“ Der Sohn der Wüste drehte sich plötzlich um. „… noch ein heimliches Konto, von dem ich nichts weiß?“

Der an den Schläfen ergraute Beamte stutzte. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„Da hat heute ein Typ für dich angerufen und sich mit Deutsche Bank Dresden gemeldet. Den Namen habe ich zwar nicht richtig verstanden, aber irgendetwas mit E.“ Arabische Augen funkelten ihn an.

Der Kommunalbeamte zog den Koch zu sich heran, küsste ihn leidenschaftlich. „Das kann nur Elmar gewesen sein, denn … außer ihm kenne ich niemanden aus Dresden.“

„Und wer ist dieser Elmar?“ Hörte man da Eifersucht? „Etwa ein Ex von dir?“

Matthias strich seinem Liebsten durch das fast schwarze Haar, das bis zu seinen Schultern reichte. „Wir sind zwar ein paar Mal im Bett gelandet, aber das ist schon Jahre her. Elmar kenne ich schon seit der Grundschule, haben später zusammen Abi gemacht. Eigentlich ist er ein ganz lieber und netter Mensch, aber auch eine Schrankschwuchtel, wie sie im Buche steht.“

„Und wieso ruft er dich jetzt an? Will er etwa wieder mit dir …“ Cihad war nun eindeutig gereizt.

Der Brillenträger atmete tief durch, nur gut, dass der feurige Araber eine Minute vorher das Messer beiseitegelegt hatte. „Es geht wohl um das Klassentreffen am Samstag, haben ja silbernes Jubiläum. Wenn du es genau wissen möchtest, ich habe ihn seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen.“

„Und warum nicht?“ Der Mann aus dem Antiatlas hatte sich anscheinend wieder gefangen.

Der Angesprochene zuckte nur leidenschaftslos mit den Schultern. „Er lebt mit Frau und Kind in Sachsen, also nicht gerade um die Ecke. Außerdem … ich war ja schon eh immer etwas offener mit meiner sexuellen Orientierung, aber Elmar? Elmar konnte oder wollte wohl vielleicht nicht aus dem selbst gemauerten Gefängnis heraus und hat daher das gemacht, was seine ach so treu sorgenden Eltern von ihrem ach so wohlerzogenen Sohn erwartet haben: Bundeswehr, Banklehre, Hochzeit, Eigenheim … die traute Familienidylle halt!“

„Und das im modernen Europa? Ich dachte schon, nur bei uns Arabern bestimmt die Familie über das Liebesleben ihrer Kinder.“ Man konnte eine leichte Resignation in seiner Stimme hören.

Ein gequältes Lächeln huschte über das Gesicht des Staatsdieners. „Wo denkst du hin? Wir leben in einer von Landwirtschaft geprägten Stadt, zudem noch ziemlich katholisch! Als meine Eltern 1972 hier gebaut haben, war ich der erste Evangele im katholischen Kindergarten und auch einer der ersten Schüler, die die damals noch katholische Grundschule im Dorf aufnehmen musste, sonst hätte man ihr die staatliche Förderung gestrichen. Elmars Cousine Petra, die nur drei Straßen von uns entfernt wohnte, durfte plötzlich nicht mehr mit uns fahren, nur weil unsere Mütter mal gemeinsam vor dem Schulhof standen und auf uns warteten. Bei dem Gespräch kam heraus, dass wir ein anderes Gesangbuch haben. Ewiggestrige gibt es auch hier, zwar nicht mehr ganz so viele wie damals, aber es gibt sie leider immer noch!“

„Und wie kam es, dass ihr dann doch … im Bett gelandet seid?“ Jetzt sprach eindeutig die Neugier.

Matthias rieb sich das Kinn, längst verschwunden geglaubte Erinnerungen kamen wieder hoch. „Das war 1992, beim zweiten Abi-Treffen, nach fünf Jahren. Der Wirt hatte irgendwann die Hähne hochgedreht, wollte wohl Feierabend machen. Aber wir wollten mit ein paar Leuten noch weiter um die Häuser ziehen, unser Wiedersehen feiern. Im Taxi ging er mir das erste Mal an die Wäsche, aber das hätte ja auch noch Zufall sein können, wir saßen schließlich zu dritt hinten. Auf dem Klo im Jonathan hat er mir beim Pissen an den Schwanz gefasst und später, im Blueberry, kam dann sein überraschendes Geständnis, dass auch er …“

Der Araber ließ von seinen Vorbereitungen ab. „Und da seid ihr im Bett gelandet?“

„Nein, nicht direkt. Wir haben zwar etwas gefummelt und er ist auch gekommen, aber ich hatte an dem Abend eindeutig zu viel getrunken, bei mir lief also nichts mehr.“ Sanft strich er seinem Liebsten über die Wange. „Auf seinem Rückweg hat er dann – nach sieben Kilometern Fahrt – eine Pause bei mir eingelegt und da ist es dann passiert: Zwar nicht so romantisch, wie man das üblicherweise in Romanen lesen kann, aber wir waren beide befriedigt.“

„Dann hast du also seit 20 Jahren eine Affäre mit ihm?“ Cihad pürierte die Kichererbsen mit dem Zauberstab, daher bekam die Suppe ihre Cremigkeit. „Wann wolltest du mir das erzählen?“

„Amiri, da gibt es nicht viel zu erzählen: Zu einer Affäre gehören nun mal immer zwei Personen und ich bin keiner der Beteiligten! Gut, Elmar hat mich ab und an besucht, wenn er hier bei seinen Eltern war und ich Zeit und Lust hatte, aber mehr ist da wirklich nicht gelaufen: Es war nur Sex, nicht mehr!“ Matthias bemühte sich um Schadensbegrenzung, auch wenn er sich selbst keiner Schuld bewusst war. „Wenn es hochkommt, waren es elf oder zwölf Schäferstündchen in den ganzen Jahren. Was meinst du, wie angepisst er beim letzten Treffen vor fünf Jahren reagiert hat, als ich ihm sagte, wir könnten diesmal nicht Bienchen und Blümchen spielten: Ich war da ja noch mit Jens zusammen und in einer Beziehung bin ich treu, wie du weißt!“

„Ich weiß, Shamsi, deshalb liebe ich dich ja auch, denn wir machen alles gemeinsam.“ Ihre Lippen berührten sich nur kurz, denn die Suppe blubberte kräftig.

„Ich dich auch!“ Ihre Hände umschlossen einander. „Und, ob du es glaubst oder nicht, aber seit dem letzten Treffen herrscht mehr oder minder Funkstille zwischen uns, es sei denn, du betrachtest eine E-Mail zum Geburtstag oder eine Weihnachtskarte als Beweis meiner Untreue.“

„Wallahi! Lass uns den Typen einfach vergessen!“ Ein erneuter Kuss erfolgte, diesmal nur länger.

„Können wir machen, aber …“ Matthias grinste den Studenten der Arabistik an. „… aber du kannst ihn gerne auch persönlich kennenlernen, ich habe keine Geheimnisse vor dir.“

„Von Partnern stand aber nichts auf der Einladung zu deinem Abi-Treffen.“ Verwunderung lag in den arabischen Augen. „Wie soll ich ihm dann begegnen?“

„Ganz einfach: Du spielst am Samstag Taxi und holst mich einfach ab!“

+++

Zwei Tage später, am Donnerstag, frühstückte der oberste Rechnungsprüfer der Stadt zum ersten Mal seit Monaten wieder alleine, Matthias hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, seinen Prinzen aus dem Morgenland zu wecken. Normalerweise nahmen sie gemeinsam die erste Mahlzeit des Tages ein und verließen dann auch zusammen das Haus. Matthias setzte Cihad am Bahnhof ab, damit dieser zur Uni kam, er selber fuhr weiter in sein Büro.
Der Kleine, wie er den hochgewachsenen Berber gerne bezeichnete, hatte sich die Ruhe aber redlich verdient: Die vorlesungsfreie Zeit hatte zwar schon vor zwei Wochen begonnen, aber gestern hatte er seine letzte Klausur geschrieben. Da der Student jedoch ab Montag ein sechswöchiges Praktikum bei der Deutsch-Arabischen-Kulturgesellschaft antreten würde, sollte er die Zeit bis dahin noch einmal richtig ausspannen.

Am späten Vormittag erwachte Cihad, die Müllabfuhr war mal wieder lauter als nötig gewesen. So sehr er auch nach seinem Bettnachbarn suchte, dessen Lagerstatt war leer und verwaist. Langsam stand er auf und machte sich, wie Allah ihn erschaffen, auf ins Badezimmer, um sich zu erleichtern. Dann führten ihn seine Schritte in Richtung Küche, denn neben Kaffeedurst verspürte er ein flaues Gefühl in der Magengegend, profan auch Hunger genannt: Zwei Weißbrotscheiben wanderten in den Toaster und ein Ei in den Eierkocher.
Es war Ramadan: Wäre er ein gläubiger Muslim gewesen, so wäre ihm, wenn er sich richtig erinnerte, selbst der Verzehr trockenen Brotes um diese Uhrzeit verboten gewesen, aber er war alles andere als fromm. Gut, er glaubte zwar an ein göttliches Wesen, aber die Art und Weise, wie der Glaube seiner Väter ihn behandelt hatte, ließ ihn auch jetzt noch, nach über drei Jahren, zusammenzucken und wütend werden. Was ist das für eine Religion, die das Verhalten eines Menschen in den Vordergrund rückte, den Menschen selber aber außen vor ließ? Er liebte nun einmal Männer, konnte mit der weiblichen Hälfte der Weltbevölkerung nichts anfangen, jedenfalls nicht im sexuellen Sinne.
Wäre er in Tazemmourt, seinem Heimatdorf in der Provinz Taroudannt, geblieben und hätte dort nur die einfache Dorfschule besucht, sein Weltbild würde heute wohl anders aussehen, aber es war ausgerechnet sein Vater gewesen, der ihn, Cihad Ibrahim Benlimane, seinen zweitgeborenen Sohn, auf die CAS, die amerikanische Schule in Casablanca, geschickte hatte. Dort lernte er wohl die falschen Dinge und die falschen Fragen zu stellen, jedenfalls für seinen religiösen Vater.
Seine etwas andere Lebensauffassung, seine ziemlich westlich beeinflusste Art, führte oft zum Streit, besonders mit seinem Vater. Damit hätte er ja noch leben können, aber als seine Eltern ihn am Tag nach der feierlichen Verleihung des International Baccalaureate mit seinem Zimmergenossen Rob Adams nackt im Bett und bei gewissen Tätigkeiten erwischt hatten, war das Tischtuch endgültig zerschnitten und Holland in Not.
Wie einen Schwerverbrecher nahmen sie ihn mit zurück in die marokkanische Provinz. Seine Familie, besonders die männlichen Mitglieder, wollten ihn von dieser perversen und sündigen Krankheit heilen, ihn auf den rechten Pfad der Tugend zurückführen. Zum großen Eklat kam es, als es auch dort zu einem Vorfall der zwischenmenschlichen Art kam. Man prügelte auf ihn ein, trat ihn mit Füßen, drückte Zigaretten auf ihm aus und warf ihn dann, nach mehr als vier Stunden körperlicher Tortur, in den Straßengraben; selbst die Gnade der Erlösung, um die er gebettelt hatte, wurde ihm verwehrt; seine Leute wollten ihn leiden sehen.

Die Nachrichten im Lokalradio verkündeten nicht viel Neues, seit Tagen waberten Gerüchte um einen Vergabeskandal beim Bau der neuen Stadtbücherei durch die örtliche Presse, aber nichts Genaues wusste man nicht. Matthias hatte auch nichts erwähnt, aber für ihn endete die Arbeit in der Regel mit dem Verlassen des Rathauses, Akten brachte er nie mit. Die einzig interessante Meldung war, dass die Polizei in den frühen Morgenstunden bei einer Razzia gegen Rechts auch Wohnungen und Häuser in der Stadt durchsucht hatte.

Er hatte es sich gerade am Pool gemütlich gemacht, als das Telefon klingelte. „Benlimane-Richard!“

„Hier auch!“ Sein Gatte meldete sich. „Na? Gut aus dem Bett gekommen?“

„Habe dich vermisst! Warum hast du mich schlafen lassen?“

Ein Lächeln war zu hören. „Du sahst so göttlich aus, wie du so ruhig geschlafen hast, da habe ich es einfach nicht übers Herz gebracht, dich zu wecken, Habibi.“ Ein Räusperer erfolgte. „Aber deshalb rufe ich nicht an: Wir müssen unsere Pläne für heute Abend ändern.“

Das hörte sich so gar nicht nach seinem Matze an, denn eigentlich wollten sie abends erst ins Kino und anschließend auf ein Bier ins Blueberry, die einzig schwule Kneipe der Stadt. „Und warum?“

„Wir hatten gerade Besuch von Polizei und Staatsanwaltschaft.“ Matthias sprach leise.

„War es wegen der Nazis? Kam gerade im Radio!“ Der Berber stutzte.

„Nein, man hat die Piepenkötter verhaftet.“ Seine Stimme wurde noch leiser, verkam fast zu einem Flüstern, als er seinem Gatten die ganze Geschichte erzählte. Dorothea Piepenkötter, mit halber Stelle Leiterin der Vergabestelle und mit der anderen Hälfte Vorsitzende des Personalrats, war wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und der Vorteilsannahme verhaftet worden.
Matthias selbst hatte den Stein ins Rollen gebracht. Dank des Orkantiefs ‚Ulli’ war zu Jahresbeginn eine der Tannen seines Nachbarn auf das Dach des Schwimmbads gefallen und hatte dabei etliche Pfannen in Mitleidenschaft gezogen, die nun dringend ersetzt werden mussten. Die Versicherung des Nachbarn übernahm den Schaden, bat aber, aufgrund der Vielzahl der Schadensfälle, um aktive Unterstützung bei der Regulierung derselben. Der Beamte fragte daraufhin – von seinem dienstlichen Rechner aus – bei einigen Dachdeckern an, ob diese überhaupt noch Kapazitäten für seinen Schaden freihätten. Einer der Angeschriebenen fragte zurück, ob man diesen Auftrag mit dem „städtischen Gutschriftskonto“ verrechnen könne, denn nur dann würde man ein Angebot abgeben.
Dem Controller kam diese Rückfrage mehr als nur etwas merkwürdig vor. Er stellte Nachforschungen an, stieß dabei auf Ungereimtheiten und informierte letztlich seinen Dezernatsleiter, den neuen Stadtkämmerer Jochem Grementhal. Später schaltete man dann auch den Oberbürgermeister ein und zusammen mit diesem und den Leitern des Personal- und des Rechtsamtes beschloss man, in geheimer Sitzung versteht sich, das Verfahren an die zuständige Stelle der Bezirksregierung und die Staatsanwaltschaft abzugeben; das war vor zweieinhalb Monaten.
Der Controller stöhnte. „Grementhal hat für heute Nachmittag erst einmal eine Amtsleiterkonferenz anberaumt und danach geht es zum OB, Ende offen.“

„Also heute kein Huhn mit Backpflaumen, Honig und Zimt, Habibi?“

„Jedenfalls nicht für mich. Ich werde mich wohl mit einer Currywurst begnügen müssen, so ich denn überhaupt aus dem Amt komme. Der ermittelnde Staatsanwalt will mich gleich auch noch sprechen.“

„Tja, dann weiß ich schon, was es morgen Abend geben wird.“ Cihad versuchte, das Beste aus der Situation zu machen, auch wenn es ihm schwerfiel. „Aber was soll ich nun mit dem Tag anfangen?“

„Du kannst doch auch allein ins Kino gehen, die Karten sind ja reserviert.“

„Amiri, schon vergessen? Wir wollten in einen Gruselfilm!“ Seine Aufregung war gespielt. „Bei wem soll ich mich bitteschön ankuscheln und wer hält mir die Augen zu, wenn es zu hart wird?“

Matthias lachte. „Auch wieder wahr. Rufst du gleich das Kino an und sagst die Reservierung ab?“

„Werde ich machen.“ Der Sohn der Wüste überlegte kurz. „Ich werde wohl ins Fitnessstudio und was für meinen Körper tun!“

„Wieso? Dein Körper ist perfekt!“ Verwunderung am anderen Ende der Leitung war zu vernehmen.

Der Student lachte. „Danke für die Blumen, aber … ich muss echt mal wieder was an mir machen, denn mein Gatte fordert mich in letzter Zeit nur einseitig!“

„Wie denn das?“ Der städtische Bedienstete wirkte erstaunt.

Der Berber grinste frech. „Auf ihm reiten darf ich nicht mehr, er nimmt mich nur noch, wenn ich auf dem Bauch liege und die Beine breitmache. Wahrscheinlich mag er meinen Anblick nicht mehr!“

„Schatz! Du spinnst!“ Der Amtsleiter schüttelte grinsend seinen Kopf. „Aber geh du ruhig ins Studio und power dich richtig aus. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich entscheiden, auf welche deiner zwei ziemlich reizvollen Seiten ich dich dann drehen werde, Shamsi!“

„Wie meinst du das denn jetzt?“ Nun war der Sohn der Wüste leicht ratlos.

Sein Gegenüber lachte ins Telefon. „Nun, ich kann dich nehmen wie gestern, aber … ich hätte auch mal wieder Lust, auf meinem Kamel durch die Wüste zu reiten! Du verstehst?“

„Habibi, du bist ein Ferkel!“ Cihad gluckste. „Ana tihibbik!“

„Ich dich auch, Amiri! Ich dich auch!“

Im Cardiobereich des Studios herrschte, wohl aufgrund der erhöhten Temperaturen, die für den gebürtigen Marokkaner kein großes Problem darstellten, eine fast gähnende Leere: Nur fünf weitere Sportler, drei davon weiblichen Geschlechts, waren mit ihm im Raum, er hatte also die freie Auswahl. Cihad entschied sich für das neue Laufband, das Heiner, der Eigentümer der Fitnessoase, vor einem halben Jahr angeschafft hatte und bei dem man sogar das Bergablaufen simulieren konnte.
Nach einem fünf Kilometer langen Geländelauf und einer Viertelstunde auf dem Ergometer verließ den arabischen Studenten dann aber doch die Lust nach weiterer sportlicher Betätigung; er war einfach nur geschafft und reif für die Dusche. Zwar geriet er nicht so leicht ins Schwitzen wie sein Matthias, aber er, das Kind der Wüste, musste sich – wenn auch nur ungern – eingestehen, dass er sich mittlerweile an mitteleuropäische Temperaturen gewöhnt hatte. Gegenüber Heiner, der heute Abend Thekendienst hatte, schob er allerdings seine Müdigkeit auf die Art der Hitze.

In der Umkleide traf er auf Cem, der wohl Spinning gemacht hatte, der junge Türke steckte jedenfalls noch halb in seinem Radlerdress. Der ungefähr Gleichaltrige gehörte zwar nicht zur prollhaften Bosporusfraktion, die sonst im Studio ihr Unwesen treibt, aber viel miteinander gesprochen hatten die beiden bis jetzt auch nicht. Gut, ab und an hatten sich ihre Blicke gekreuzt, blieben manchmal auch länger als unbedingt nötig aufeinander liegen, aber angesprochen? Richtig angesprochen hatten sie sich – bis jetzt – noch nicht.
Während Cihad sich unbekümmert seiner Trainingssachen entledigte, sie einfach auf den Boden warf, war sein Gegenüber krampfhaft damit beschäftigt, die enge Radlerhose von den verschwitzten Beinen zu bekommen, ohne die darunterliegende Unterkleidung mit nach unten zu bewegen. Der Student grinste, denn auch nach vier oder fünf Versuchen war dieses Unterfangen noch nicht von Erfolg gekrönt.
Er räusperte sich, als der junge Türke einen neuen Versuch startete. „Zieh das Ding doch komplett aus und steig dann wieder in deine Unterhose; ist erheblich einfacher!“

Entgeistert blickte ihn der Angesprochene an. „Das … das geht nicht! Du würdest mich dann ja …“

„Keine Angst, du hast nichts, was ich nicht auch habe! Aber keine Panik, ich bin jetzt sowieso einen Raum weiter, es wird dich also niemand beobachten.“ Lächelnd deutete er auf die Tür zum Duschbereich und machte sich, nur mit einem Handtuch über der Schulter und Badelatschen an den Füßen, auf in Richtung Wasserberieselungsanlage. Es dauerte keine drei Minuten, dann war der Platz neben dem Berber besetzt.
Als er sich den Schaum aus den Haaren gespült hatte, bekam er fast einen Lachanfall. Cem stand, wie es sich für einen guten Muslim gehört, in Unterhose neben ihm. Allerdings war das Stück Stoff, dass da seine Körpermitte bedeckte, ziemlich knapp bemessen und durch das Wasser fast transparent. „Du zeigst ja mehr als du verdeckst! Ob das in dieser Art korrekt ist?“

Der Türke mit dem netten Gesicht zuckte erst kurz zusammen, grinste dann aber. „Man soll seine Scham immer bedecken, sagt jedenfalls meine Mutter. Aber über die Art der Bedeckung hat sie sich nie ausgelassen. Ihr Leute aus dem Atlas seid da ja wohl etwas freizügiger, wie ich sehen kann.“

„Sorry, wie das in Marokko ist, kann ich dir auch nicht genau sagen.“ Cihad zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Meine Eltern schickten mich mit sechs auf die amerikanische Schule in Casablanca, ins Internat. Wir duschten nach dem Sport immer alle nackt, egal ob Christ, Jude oder Moslem, egal ob Araber, Berber, Amerikaner, Brite oder Japaner; von daher kenne ich es nicht anders.“

„Dann bist du also doch nicht der dumme Kameltreiber aus der Wüste, für den dich alle anderen hier halten?“ Cem verteilte eine Portion Shampoo in seinen Haaren. „Du hast ja kaum ein Wort mit uns Jungs gesprochen, als du hier angefangen hast.“

Cihad verließ den eigentlichen Duschbereich und begann, sich abzutrocknen. „Gesprochen habe ich nicht, weil ich da die Sprache noch nicht konnte, ich musste Deutsch erst lernen.“

„Wie viele Sprachen kannst du denn?“ Neugierig blickte er ihn an.

„Zu Hause sprachen wir entweder marokkanisches Arabisch oder Tamazight mit den Leuten aus dem Dorf, in der Schule kamen dann Englisch und Französisch dazu. Deutsch habe ich hier gelernt und jetzt, an der Uni, mache ich noch einen Sprachkurs in Farsi, für Türkisch hatten sich zu wenig Leute gemeldet.“ Das Handtuch lag mittlerweile wieder auf den Schultern.

„Boah ey, das ist echt eine Menge. Dann ist der ältere Mann, mit dem du hier öfters auftauchst, wohl dein Deutschlehrer?“ Auch die Dusche des Türken wurde jetzt abgestellt.

Der Student grinste leicht. „Matthias hat mir auch Deutschunterricht gegeben, das stimmt.“

„Auch?“ Cem begann, sich ebenfalls trocken zu legen. „Was denn noch?“

Cihad fuhr sich entnervt durch seine Haare. „Was willst du denn genau von mir wissen?“

„Äh …“ Diese direkte Art der Ansprache verschreckte den jungen Türken. „… also …“

„Also was?“ Die Augen des Berbers funkelten.

„Nun, man erzählt sich, dass du und … dieser Mann, dieser Matthias, dass ihr … naja … du sollst …“ Verlegen schaute er sein Gegenüber an, der Blick verharrte aber in der Körpermitte.

„Was soll ich denn bitteschön sein? Sein Lustsklave etwa, den er sich auf dem Souk von Marrakesch für acht Kamele gekauft hat?“ Dem Türken fehlten wohl noch immer die Worte, er starrte ihn weiter an und schwieg. „Du kannst den anderen ruhig sagen, dass ich schwul bin und mit einem Mann – nein – mit meinem Mann zusammenlebe. Ich bin alles, aber ganz gewiss nicht sein Lustsklave!“

Cem verstand nur noch Bahnhof, denn mit einem Outing hatte er nicht gerechnet. „Wie? Du bist mit ihm freiwillig zusammen? Er … er ist doch so viel älter!“

„Wenn du es genau wissen willst, es sind 22 Jahre, aber das Alter spielte nie eine Rolle. Matthias hat mir das Leben gerettet und mich wieder aufgebaut, als ich total am Boden lag und nur noch sterben wollte; ich habe Allah sogar um den Tod angefleht, die Schmerzen und Qualen, die ich meiner Familie zu verdanken hatte, sollten endlich aufhören.“ Der Wüstensohn knallte die Tür zum Duschraum zu.

Der Osmane beeilte sich, dem Berber zu folgen. Als er ihn in der Umkleide eingeholt hatte, legte er seine Hand auf dessen Schulter. „Was zum Teufel hast du da gerade gesagt? Du hast Gott um deinen eigenen Tod gebeten?“

„Habe ich!“ Cihad schluchzte. „Als meine Familie erfahren hatte, dass ich schwul bin, bin ich durch die Hölle gegangen. Am Ende haben mich meine lieben Cousins fast totgeprügelt und mich dann in einen Straßengraben geworfen wie einen räudigen Köter. Matthias fand mich durch Zufall, versorgte mich notdürftig und fuhr mich zum nächsten Arzt. Der aber wollte mir – wohl aus Angst vor meinem Vater – nicht helfen. Mein Vater ist nämlich ein sehr einflussreicher Mann in der Region, meiner – nein seiner – Familie gehört eine der größten Arganölmanufakturen in ganz Marokko. Als auch der zweite Doktor mir nicht helfen wollte, hat mich Matze wieder in seinen Wagen verfrachtet und ist mit mir nach Agadir zu einer deutschen Ärztin gefahren, die hat mich dann gerettet.“

„Krass!“ Mittlerweile lagen beide Hände des Türken auf Cihads Schultern.

„Matze hat das Hospital bezahlt, ohne mich zu kennen und ohne zu wissen, was eigentlich passiert war. Ich sollte mich noch schonen, bräuchte noch Pflege, hat jedenfalls diese Ärztin gesagt, aber als junger Marokkaner zusammen mit einem älteren Ausländer in einem marokkanischen Hotel? Vergiss es!“ Tränen der Wut und Verzweiflung flossen seine Wangen herab. „Matthias hat, als er mit mir aus dem Krankenhaus kam und das Hotel uns nicht ins Zimmer lassen wollte, erst den Rezeptionschef zusammengefaltet und dann den Hoteldirektor strammstehen lassen. Wir kamen schließlich dann doch auf unser Zimmer, wurden aber höflichst aufgefordert, uns doch eine neue Bleibe zu suchen, man wäre ja kein billiges Stundenhotel.“

„Was … was habt ihr dann gemacht?“ Die beiden Köpfe berührten sich fast.

„Ich habe ja nur gelegen und die meiste Zeit geschlafen, war vollgedröhnt mit Schmerzmitteln. Was Matthias genau gemacht hat, weiß ich nicht, aber nach einer Woche saßen wir im Flieger und mein neues Leben hier begann, weg von all der Feindseligkeit.“ Cihad ging wieder etwas auf Abstand. „Erst als wir hier in Deutschland waren, sind wir dann so richtig …“

„Was?“ Neugier lag in dem Wort.

Der Araber deutete nach unten, die Unterhose des jungen Türken war jetzt zwar fast wieder trocken, aber deutlich ausgebeulter als noch unter der Dusche. „… zusammengekommen, sind miteinander ins Bett gegangen und haben uns geliebt. Wie … wie soll ich es sagen? Ich liebe ihn nicht, weil er mir das Leben gerettet hat, bin also nicht aus bloßer Dankbarkeit mit ihm zusammen. Nein, ich liebe ihn, weil er mir gezeigt hat, dass man immer zu sich stehen muss, weil ich ihm vertrauen kann, weil er mein Fels ist, mein sicherer Hafen. Da spielt das Alter wirklich keine Rolle.“

„Entschuldige, ich war blöd!“ Cem schluchzte fast. „Wenn ich das nur vorher gewusst hätte!“

„Was wäre dann gewesen? Hättest du mit deinen Leuten dann etwa nicht über mich geredet? Über den Kameltreiber aus der Wüste, der angeblich das Betthäschen eines alten Mannes ist?“ Der Berber ging zu seinem Spind und begann, sein Straßenoutfit herauszuholen. „Und was machst du jetzt, wo du es weißt?“

Die Frage konnte der junge Türke auch nicht beantworten, er verlagerte verlegen sein Gewicht von einem Bein auf das andere. „Nun, ich … äh … verdammt … ich weiß auch nicht …“

„Kann es sein, dass du vielleicht auch …“ Cihad blickte den Türken intensiv an.

Erschrocken fuhr dieser zusammen. „Das Ich was?“

„Na, dass du auch eher auf Männer abfährst? Oder wie soll ich das da verstehen?“ Cihad grinste und deutete auf den immer noch deutlich gespannten Stoff, der das osmanische Krummschwert vor fremden Blicken schützen sollte.

Cem wirkte immer noch fahriger. „Und … und was … was wäre, wenn es so wäre?“

„Dann wäre es auch nicht schlimm, du bist ja nicht alleine: Es gibt mehr als zwei schwule Muslime auf dieser Erde!“ Der Student holte eine Visitenkarte aus seiner Jacke. „Hier, wenn du mal reden willst, so von schwulem Türken zu schwulem Berber, sag einfach Bescheid. Aber nicht erschrecken, wenn Matthias rangeht: Wir haben nur einen gaymeinsamen Anschluss.“

„Könnten wir das … eventuell gleich machen? Oder hast du schon andere Pläne?“ Der Türke schaute sich intensiv die Bodenfliesen an. „Denn ich weiß echt nicht, ob ich morgen noch den Mut aufbringen würde, dich anzurufen.“

„Kein Thema, ich warte dann draußen … vor dem Studio.“ Cihad stieg in seine Jeans.

Cem blickte ihn verwundert an. „Wieso?“

„Es kann ja durchaus sein, dass du, der stolze Türke, nicht mit dem schwulen Araber gesehen werden möchtest. Was sollten deine Leute sagen?“ Er kniff ihm grinsend ein Auge zu.

Der Angesprochene stutzte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. „So schlimm ist das auch wieder nicht. Erstens ist kaum einer da, der was sagen könnte, und zweitens, wer kann schon etwas dagegen haben, wenn zwei Muslime gemeinsam zum Fastenbrechen gehen? Und genau das werde ich auch gleich meiner Mutter erzählen, wenn ich sie anrufe. Ich brauche ja einen Grund, warum ich noch nicht nach Hause komme.“

„Du bringst mich auf eine Idee!“ Der Berber zog sich sein Shirt über. „Ich warte dann am Tresen.“

Als er sein Wasser, das er vor dem Training getrunken hatte, bezahlt hatte, griff der Student nach seinem Mobilknochen und drückte die Kurzwahl Zwei; Matze Mobil. Nach zweimaligem Läuten nahm sein Gatte ab. „Hallo Schatz! Na, wie war dein Sport?“

„Ganz gut, Engelchen! Wo steckst du gerade?“

„Ich bin gerade rein und warte auf dich, Habibi. Oder soll ich dich abholen?“

„Nein, ich habe eine Mitfahrgelegenheit.“ Der Mann aus dem Antiatlas räusperte sich. „Aber mit der … mit der komme ich gleich zum Fastenbrechen.“

Man konnte deutlich hören, wie Matthias scharf die Luft einsog. „Du kommst was? Und mit wem?“

„Du kennst Cem? Den Türken aus der Spinning-Klasse?“

„Ach, du meinst den Süßen, der bei der Volksbank arbeitet? Ungefähr eins achtzig …“ Es folgte eine kurze Personenbeschreibung, Matthias war halt ein sehr guter Beobachter.

„Genau den! Er hat sich mir gegenüber gerade geoutet und will nun etwas reden.“ Der Berber wirkte gelöst. „Könntest du zwei Pizzen in den Ofen schieben? Ich hab ja nichts vorbereitet.“

Matthias atmete tief durch, denn jetzt durchkreuzte sein Gatte seine Pläne; er hatte sich schon so auf den Kamelritt gefreut. „Mache ich, Shamsi, mache ich, aber … es werden drei Teigscheiben werden, denn ich habe nämlich auch noch nichts gegessen, außer einer Currywurst nach dem Besuch des Staatsanwalts. Aber könnt ihr noch beim Penny am Ligusterpark anhalten?“

„Warum sollten wir?“ Die Verwunderung war nun aufseiten des Berbers.

Der Kommunalbeamte grinste. „Wir haben keine Datteln mehr im Haus, Amiri. Und wenn schon jemand zum Fastenbrechen kommt, dann solltest du auch ein guter Gastgeber sein, oder?“

„Du denkst einfach an alles!“ Cihad lächelte, denn die Palmenfrucht dient oft als Auftakt eines abendlichen Mahls im Ramadan.

Keine 20 Minuten später saßen die drei Männer um den Wohnzimmertisch versammelt und begannen, die Pizzen zu vertilgen. Die Stimmung konnte man durchaus als merkwürdig bezeichnen: Cem, im Studio noch voller Tatendrang und Elan, erschien jetzt irgendwie bedrückt und verschlossen; das Gespräch stockte mehr als es lief. Matthias beendete als Erster sein Mahl. „So, ich werde euch jetzt verlassen, damit ihr ungestört reden könnt, denn … alte Leute stören bei solchen Gesprächen.“

„Quatsch! Cihad wird dir sicherlich schon erzählt haben, weshalb ich hier bin.“ Der Banker blickte ihn verschüchtert an. „Und wenn nicht, wird er es spätestens dann tun, wenn ich wieder weg bin, also … du kannst ruhig bleiben.“

„Cem, ich danke dir für dein Vertrauen. Ich weiß, dass das, was du jetzt vorhast, nicht einfach für dich sein wird, aber glaube mir: Hinterher wird es dir besser gehen.“ Matthias griff nach seinem Weinglas.

Der Banker stutzte. „Oder ich werde tot sein!“

„Nicht so pessimistisch, junger Freund.“ Der städtische Controller legte seinen Kopf schief, schaute den jungen Türken intensiv an. „Ein Geständnis führt nicht zwangsläufig zur Todesstrafe und was hast du schon groß zu gestehen? Du bist kein gewalttätiger Massenmörder, du stehst nur auf Männer und das kommt in den besten Familien vor und führt manchmal sogar bis hin zum Rauchen. Von daher? Du brauchst also nichts Schlimmes zu befürchten.“

„Aber ich verrate meine Familie und werde hinterher alleine sein!“ Er zögerte etwas. „Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe!“

„Das kannst du natürlich machen, du bist ein freier Mann und das hier ist kein Gefängnis und wir nicht die Wärter. Du kannst versuchen, die Sache nur mit dir selbst auszumachen, so alleine im stillen Kämmerlein, aber …“ Der Beamte trank einen Schluck. „… sei mir bitte nicht böse, aber ich glaube nicht, dass du dann mit dir ins Reine kommen wirst.“

Der Banker hatte Fragezeichen in den Augen. „Wieso? Ich habe bis jetzt immer alles erreicht.“

„Mag sein, aber …“ Matthias zögerte kurz. „… es geht bei der Entscheidung nicht darum, ob du dir einen Neu- oder doch lieber den Jahreswagen kaufen solltest, es … es ist eher die Frage, welchen Weg du künftig einschlagen willst. Auf beiden Strecken gibt es Schlaglöcher und Unwegsamkeiten, aber es ist immer einfacher, Dritte für das eigene Scheitern verantwortlich zu machen. Die Frage ist relativ simpel: Spielst du jetzt Pfadfinder und übernimmst selbst die Verantwortung oder wählst du die leichte Variante und gehst den Weg, von dem andere Leute wollen, dass du ihn gehst.“

Schrecken war auf das Gesicht des Gastes geschrieben. „Wie soll der aussehen?“

„Wahrscheinlich wirst du heiraten, vielleicht ein oder zwei Kinder zeugen, nach außen hin auf ‚heile Familie‘ machen, aber in deinem Inneren? In deinem Innern wirst du einsam sein, dich nach der Umarmung eines Mannes, selbst nach einem intensiven Blick sehnen. Du wirst auf Parkplätze fahren, in Pornokinos gehen und dort anonymen Sex haben. Aber …“ Matthias blickte den Banker an. „… aber wenn dein Orgasmus abgeebbt ist, werden dich sofort wieder Gewissensbisse plagen: Hat dich jemand gesehen? Jemand beobachtet? Deinen Wagen erkannt? Wie erkläre ich meiner Frau, dass ich einen Tripper habe? Von anderen Sachen will ich gar nicht erst reden, aber … es ist deine Entscheidung, welche Route du nehmen willst. Nimm mal Cihad als Beispiel.“

Der junge Türke bekam große Augen. „Was ist mit ihm?“

„Was meinst du, wie sein Lebensweg ausgesehen hätte, wenn seine Eltern ihn damals nicht bei gewissen Spielchen erwischt hätten?“ Der Controller blickte seinen Liebsten an, der zwar erst schluckte, dann aber doch zustimmend nickte. „Es wäre ungefähr so abgelaufen: Cihad geht zurück in die Provinz, sein Vater hat ja Geld in seine Ausbildung investiert und will jetzt die Früchte seiner Saat ernten: Er wird verheiratet, sein Vater bestimmt, mit wem er sich paart, mit wem er sich trifft, was für Geschäfte er macht, einfach alles. Freier Wille? Eigene Wünsche? Fehlanzeige! Er wird ein physisches und psychisches Wrack, da andere Menschen und nicht er selbst über sein Leben bestimmen. Er wäre nie glücklich geworden, denn seine gesamte Umgebung wäre von anderen Wracks bestimmt worden, für die Konventionen mehr zählen als menschliche Seelen.“

„Aber … aber so muss es doch nicht ablaufen, oder?“ Verzweiflung lag in seiner Stimme.

Matthias zuckte mit den Schultern. „Nicht zwangsläufig, es kann noch schlimmer enden!“

„Wie?“

„Ich hab damals in Bonn mit dem Studium angefangen, hatte ein kleines Apartment in der Bonner Nordstadt, ziemlich internationale Nachbarschaft: Türken, Kurden, Inder, Iren, Amis … ein ziemlich bunter Haufen. Erhan betrieb im Viertel die Lotto-Annahmestelle, war damals ungefähr so alt wie ich heute. Ich hab damals für ihn ein paar Briefe formuliert, Schreiben für eine Versicherung und so, nichts Weltbewegendes, aber … wir wurden Freunde oder gute Bekannte oder wie immer du das nennen möchtest.“ Der Brillenträger schüttete sich etwas Wein nach. „Ich kannte seine ganze Familie: seine Frau, seine Mutter, seine vier Kinder. Tja, eines Tages fragte er, ob ich gut in Mathe wäre, denn sein Sohn Servet hätte darin Probleme und er könne dem Gymnasiasten nicht helfen.“

„Was hat das mit mir zu tun?“ Der Banker wirkte ungeduldig.

Matthias trank einen Schluck. „Moment, dazu komme ich gleich. Das mathematische Problem war relativ schnell gelöst, es war ein einfacher Denkfehler, aber … während der Nachhilfe lernte ich Servet besser kennen: Er war genauso schwul wie ich und wir haben uns schlussendlich verbündet: Ich habe ihm und seinem Freund ab und an meine Wohnung überlassen, damit sie ungestört sein konnten. Was ging es mich auch an? Ich bekam Geld für die Nachhilfe, die ich nicht gab, und die zwei hatten ihren Spaß, allen war also gedient! Er hat mir nie verraten, mit wem er da, aber …“ Der Beamte schluckte. „… aber eines Tages kam es durch einen dummen Zufall heraus: Ich erzählte Erhan vom Wochenende bei meinen Eltern, meine Oma hatte sich die Schulter ausgekugelt. Aber, was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste: Servet hatte mich mal wieder als Ausrede gebraucht, um mit seinem Liebsten zusammen zu sein. Angeblich wäre er bei mir gewesen, zum Üben für eine Klausur. Tja, dadurch flog die Sache ist auf und zwei Tage später hat er sich dann umgebracht.“

„Krass!“ Cem wirkte mitgenommen.

Der Brillenträger zuckte. „Deshalb sage ich ja: Reden hilft! Wir sind für dich da, wenn du es willst, aber dann du musst auch mit uns reden, denn sonst? Sonst bringt das nicht viel!“

„Du bist hier unter Freunden!“ Cihad legte seine Hand auf den Arm des Türken.

Der Banker wirkte immer noch unentschlossen. „Aber? Ihr kennt mich doch gar nicht!“

„Das ändern wir doch gerade!“ Der Berber grinste den Türken an. „Hast du nicht deiner Mutter gesagt, du isst heute Abend bei Freunden aus dem Studio? Was soll sie von unserer Gastfreundschaft halten, wenn du nach einer halben Stunde schon wieder bei ihr auf der Matte stehst?“

Man merkte, er war hin und her gerissen. „Ihr meint wirklich?“

„Meinen wir! Betrachte mich einfach als gleichaltrigen Leidensgenossen und Matze als weisen Mann aus dem Abendland, die Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben.“ Die Hand des Studenten hatte die des Türken erreicht, umschloss sie, wollte ihn dadurch wohl beruhigen.

„Na dann …“

Die Lebensgeschichte des Gastes war schnell erzählt: Geboren im städtischen Luisen-Krankenhaus, Kindergarten und Grundschule am Böckenberg, dann Ebert-Realschule und schließlich Lehre bei der Volksbank. Er wurde als Jahrgangsbester übernommen und macht jetzt auf der Abendschule sein Abitur nach. Eine ältere Schwester, die in Berlin Pädagogik studiert, und ein jüngerer Bruder, der den Obst- und Gemüseladen seines Vaters eines Tages übernehmen soll. Die Mutter engagiert sich seit zwei Jahren im Pasta-Club, einer Stadtteil-Initiative ähnlich der Arche, der Vater sitzt für die SPD in der Bezirksvertretung, wird als Kandidat für den Rat gehandelt.
Sein soziales Umfeld hingegen ist nicht ganz so harmonisch, viele Freunde hat er nicht: Für sein türkisches Umfeld ist er zu deutsch, für seine deutsche Umgebung ist er zu türkisch. Außerdem galt er schon immer als Streber und mit denen will ja keiner, weder Deutscher noch Türke, etwas zu tun haben. Als sein Vater mit der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft annahm – er wollte seinen Söhnen wohl den Dienst im türkischen Militär ersparen – kam es zu einem Bruch: Der Bruder seiner Mutter verstieß seine einzige Schwester und deren gesamte Familie für alle Zeiten.
Dass Cem eher dem eigenen Geschlecht zugeneigt ist, entdeckte er so mit 16 oder 17, die Teile zwischen den Beinen seiner Handballfreunde waren einfach interessanter und aufregender als die aufkeimenden Brüste seiner Tanzpartnerinnen. Er war zwar unsicher, denn der konservative Lehrer in der Koranschule hatte nur von der Sünde der mannmännlichen Liebe gesprochen und er hatte diese Worte aufgesogen, ohne sie großartig zu hinterfragen. Er wollte – typisch Streber – seinem Lehrer gefallen, auch wenn er nicht alles verstand, was dieser sagte.

„Ich sollte eigentlich eine Nichte meines Onkels heiraten, wir waren einander versprochen, aber … das hat sich ja – Gott sei Dank – erledigt. Aber die Fragen und Anspielungen meiner Mutter werden in letzter Zeit immer stärker, mein Vater wollte mich sogar schon mal in den Puff schicken, damit ich Erfahrungen sammeln kann. Wenn ich mich jetzt offenbaren würde, ich würde sie nur enttäuschen und auch noch den Rest meiner Familie verlieren.“

„Cem, ich glaube nicht, dass deine Eltern negativ reagieren würden, denn sie scheinen im Hier und Jetzt angekommen zu sein, sonst würden sie deine Schwester ja nicht alleine in einer fremden Stadt studieren lassen.“ Matthias grinste. „Sie sind deinem Onkel um mindestens 200 Jahre voraus.“

„Wie meinst du das denn jetzt?“

Der Beamte stöhnte. „Ganz einfach: Dem Islam fehlt das Zeitalter der Aufklärung, aber nicht nur an den Muslimen, an einigen christlichen Vereinigungen in den USA ist sie diese Ära leider auch vorbeigegangen, aber egal. Was ich eigentlich sagen will, ist …“ Matthias grinste den Gast leicht an. „Ich bin zwar kein Theologe, aber Juden, Christen und Moslems glauben eigentlich alle an den gleichen Gott. Aus Sicht des Islams ist Jesus der Vorgänger von Mohammed, die Christen glauben also nur an einen falschen Propheten. Aber, das ist nun einmal Fakt, die drei großen monotheistischen Religionen haben die gleichen Wurzeln, wenn man das so sagen kann. Hast du dich mal gefragt, woher der unsägliche Hass auf Schwule kommt?“

„Ehrlich gesagt: nein!“ Der Banker zuckte mit den Schultern.

Der Kommunalbeamte nahm seine Brille ab. „Bei den alten Griechen war die mannmännliche Liebe normal, es gehörte einfach zum guten Ton, dass ein junger Mann einen älteren Freund hatte, der ihn anleitete, ihm alles beibrachte, ihm ein väterlicher Freund war, ihn in die Dinge des Lebens, auch die der Liebe einführte. Es war kein Problem, wenn diese besondere Männerfreundschaft andauerte, für den allgemeinen Fortbestand war ja gesorgt. Wieso also diese Homophobie bei den Juden?“

„Ich weiß es nicht!“ Der Mann des Geldes zuckte nur mit den Schultern.

Der Rechnungsprüfer spielte mit seinen Augengläsern. „Ich auch nicht, aber betrachten wir doch mal die Gegebenheiten vor 3000 Jahren: Der Monotheismus war damals ein Novum, die Juden also eine Art Sekte. Was macht eine Gruppe, die an etwas Ausgefallenes, etwas Anderes glaubt und von allen Seiten nur von Feinden umlagert ist? Sie probiert erst einmal, ihre eigene Art zu erhalten: Der Sex wird reduziert, dient nur noch der Arterhaltung und nicht mehr dem Vergnügen der Beteiligten. Wenn ein Mann bei einem Manne liegt, kann er dabei zwar viel Spaß haben, aber er kann dabei keine Nachkommen zeugen, dient also nicht mehr dem Fortbestand. Also, was macht man? Man verbietet dieses unselige Treiben!“

Der Student nickte. „Klingt logisch!“

„Die Christen, quasi eine Abspaltung der Juden, sehen sich mit der gleichen Problematik konfrontiert: der Glaube an den Einen gegen die Vielzahl der römischen Götter. Die Christen siegen schlussendlich. Dann kommt Mohammed, der Prophet, der ist aber auch von Feinden umgeben und stößt daher ins gleiche Horn: Er ist gegen den Spaß und nur auf den Erhalt bedacht.“ Matthias leerte sein Glas. „Die Geschichte geht weiter: Die Christen, mittlerweile erfolgreiche Nachfolger der Römer – die Juden spielen im Weltgeschehen nur noch eine eher untergeordnete Rolle – fangen plötzlich an, sich auf ihr griechisches Erbe, die Wege ihrer Kultur, zu besinnen. Das Ergebnis ist ein Umdenken: Es ist ja doch nicht ganz so schlimm, wenn ein Mann einen Mann liebt, mit ihm zusammen ist.“

„Ist das nicht etwas weit hergeholt?“ Der junge Türke blickte verwundert. „Schwulenhass gibt es auch hier und schwule Lebenspartner sind Eheleuten noch längst nicht gleichgestellt.“

Der Beamte schüttelte seinen Kopf. „Da hast du zwar wahr, wir haben noch lange nicht das Paradies auf Erden, aber ohne die Aufklärung wäre ein Umdenken überhaupt nicht möglich gewesen. Dieser Weg ist hart und steinig und braucht auch seine Zeit, oftmals zeigt er sich nur in Kleinigkeiten, die man kaum realisiert, aber irgendwann erkennt man das gesamte Mosaik. Nur ein kleines Beispiel: David kämpft gegen Goliath, der Kleine besiegt den Großen. Aber David war Jude und müsste daher – gemäß der Tradition – beschnitten gewesen sein. Aber wie stellt Michelangelo den Kämpfer dar? Mit Vorhaut! Also im griechischen Sinne!“

„Mag ja sein! Aber wie soll mir das jetzt helfen?“ Die Frage des Bankers war berechtigt.

„Betrachte doch einfach mal die gesamten Mosaiksteine deiner Familie! Dein Vater sitzt heute in der Bezirksvertretung, wird als Ratskandidat gehandelt, deine Mutter ist karitativ tätig, deine Schwester studiert auswärts.“ Matthias grinste. „Es ist egal, ob dein Vater die deutsche Staatsangehörigkeit nur angenommen hat, um hier gewählt werden zu können oder um dir und deinem Bruder das türkische Militär zu ersparen, es kommt nur darauf an, dass er diesen Schritt getan hat! Deutscher wird man ja nicht über Nacht, er wird sich diesen Schritt lange und reiflich überlegt haben, seiner Familie von seinem Plan berichtet haben. Aber, viel wichtiger, er hat sich entschlossen, diesen Schritt zu Ende zu gehen, auch wenn er mit einer ablehnenden Haltung seiner Umgebung rechnen konnte.“

Cem nicke nachdenklich. „Und was soll ich deiner Ansicht nach machen?“

„Du solltest deinen Eltern sagen, was du fühlst, was du empfindest, wie du tickst!“

„Ich soll mich also outen und den Rauswurf riskieren?“ Cem blickte den Controller ungläubig an.

„Betrachte die Gegebenheiten und ziehe die richtigen Schlüsse daraus.“ Der Brillenträger stöhnte, der junge Türke war störrischer als ein bockiger Esel. „Dein Outing kann nur positiv verlaufen, denn für deine Mutter wirst du immer ihr kleiner, geliebter Sohn bleiben, egal was du machst. Sie wird dich immer lieben, egal ob du liebender Familienvater oder brutaler Massenmörder wirst, denn eine Mutter ist immer – na ja, jedenfalls meistens – auf der Seite ihres Kükens! Gut, bei Vätern sieht es etwas anders aus, aber erstens zahlt sich Aufrichtigkeit immer aus und zweitens würde dein Rauswurf gleichzeitig auch das Aus seiner politischen Karriere bedeuten.“

Cem wirkte irritiert. „Wie kommst du jetzt auf diesen Trichter?“

„Dass man der Jugend auch immer alles erklären muss!“ Matthias seufzte. „Logik! Simple Logik!“

„Sorry, Habibi, aber so ganz kann ich dir im Moment auch nicht folgen.“

„Also, Cems Vater sitzt in der Bezirksvertretung, ist somit politischer Mandatsträger, wenn auch nur ein ganz kleines Rädchen im Getriebe, aber immerhin ein Rädchen. Um vom Volk gewählt werden zu können, muss man zuerst von einer Partei aufgestellt werden und dazu muss man Deutscher sein.“ Der kommunale Beamte schenkte sich nach und blickte den jungen Türken intensiv an. „Um hier politische Verantwortung übernehmen zu können, riskierte dein Vater den Bruch mit der Familie. Es hat sich ausgezahlt, er wurde erst nominiert und dann gewählt. Er hat sich seinen lang gehegten Traum verwirklicht, die Qualen waren also nicht umsonst. Jetzt aber kommt es! Er will diesen Schritt ja auch zukünftig nicht bereuen, will weiterhin – vor sich selber und seiner Familie – gut dastehen, also muss er wiedergewählt werden! Dazu muss er allerdings aber erst wieder aufgestellt werden.“ Der Brillenträger trank einen Schluck. „Auch wenn – subjektiv gesprochen – kein Mitglied des Aufstellungsgremiums einen schwulen Sohn haben möchte, so stellt doch der Rauswurf eines schwulen Sohnes – objektiv gesprochen – einen Akt der nicht tolerierbaren Intoleranz dar. Und nun frage ich euch: Welche Partei, die um Wählerstimmen buhlt, kann es sich heute noch leisten, einen objektiv intoleranten Kandidaten für irgendeine Wahl aufzustellen?“

„Keine!?“ Cem hatte augenscheinlich verstanden.

Matthias gluckste. „By George! You got it!“

„Aber … aber was passiert, wenn er doch … anders reagiert?“ Unsicherheit war wieder zu spüren.

Der Beamte grinste. „Dann solltest du einige Hilfstruppen an deiner Seite haben, die ihn wieder auf den richtigen Pfad der Tugend führen. Sprich also erst einmal mit deiner Schwester, dann mit deinem Bruder. Wissen die beiden Bescheid, kannst du es deiner Mutter sagen und zusammen dann dem vermeintlichen Familienoberhaupt.“

„Nesrin weiß es seit zwei Jahren.“ Cem wirkte gelöst. „Sie drängt mich auch schon lange.“

„Dann passt es ja! Kleine Brüder stellen normalerweise keine große Gefahr dar, also ist der nächste Schritt Operation Mama.“ Matze lachte. „Und? Du bist erwachsen, verdienst dein eigenes Geld. Mehr als rauswerfen können sie dich nicht und für den Fall hätte ich noch eine kleine Einliegerwohnung im Angebot. Also? Wo ist jetzt das große Problem? Nötigenfalls könntest du auch eine kleine Notlüge gebrauchen, allerdings … müssten dazu die Voraussetzungen vorliegen.“

„Die wie aussehen sollen?“ Die Laune des Bankers stieg.

„Tja, dazu müsste ich erstens wissen, was du wirklich in der Hose hast und zweitens, ob du eher a oder p beim Ficken bist.“ Der Beamte grinste Cem frech an. „Von Servet weiß ich nämlich, dass bei den Türken auch ein Schwuler als Mann gelten kann, wenn er der aktive Part beim AV ist; nur der Gefickte ist – im wahrsten Sinne des Wortes – in den Arsch gekniffen. Also? Wie sieht es aus?“

Cem wurde leicht rot. „Naja, ich habe XL und …“

„Ist der in der Zwischenzeit gewachsen?“ Cihad konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Du hattest zwar unter der Dusche eine Unterhose an, aber deiner dürfte nicht größer als meiner sein und ich habe knappe 19 Zentimeter, also maximal L!“

Der Banker kam sich ertappt vor, atmete tief durch. „Ok, es sind 17,6!“

„Und wie sieht es damit aus?“ Matthias formte mit Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand einen Kreis, den Mittelfinger seiner Rechten ließ er darin immer wieder eintauchen.

Mit Cems gesunder Gesichtsfarbe hätte man Werbung für Rotbäckchen machen können. „Aktiv!“

„Wirklich?“

Der Banker räusperte sich, blickte den Berber an. „Ja, wenn ich es doch sage!“

„Na, die Türken auf den Blauen Seiten sind ja auch alle immer nur rein aktiv unterwegs. Aber wenn du sie bläst und ihnen dabei etwas an der Rosette spielst, leicht daran leckst, dann …“ Cihad blickte verträumt. „… dann können es zwei Drittel kaum erwarten, endlich ihre Beine breitzumachen.“

„Und woher hast du diese Erkenntnis?“ Der Banker wirkte unsicher. „Ihr seid doch ein Paar!“

Der Controller grinste. „Sind wir, aber ab und an spielen wir auch zu dritt oder zu viert. Ist ja nur Sex und etwas Spaß sollte man sich gönnen, denn wie heißt es so schön? Variatio delectat, Abwechslung erfreut! Wenn ich dir jetzt einen blasen würde und Cihad würde dich lecken, ich glaube, du würdest schnurren wie ein Kätzchen.“

„Ich … ich …“ Gibt es eine Steigerung von roten Bäckchen?

Der Berber lachte. „Ist doch nichts Schlimmes dabei, wenn man passiv ist und das auch genießt. Bei zwei Typen aus dem Studio, die du ebenfalls kennst, war es anfangs auch so: Die haben sich erst ziemlich geziert, so nach dem Motto ‚In meinen Arsch kommt keiner rein!‘, aber später? Die beiden konnten nicht genug kriegen, bei einem waren wir sogar gleichzeitig drinnen. Das war echt mega, kann ich dir sagen! Gut, bei Mu…“

„Schatz! Keine Namen bitte!“ Matthias verzog kurz das Gesicht. „Einer unserer Spielkameraden … er wollte absolut nur von einem beschnittenen Schwanz bestiegen werden, ich kam also nicht infrage. Hat aber trotzdem Spaß gemacht, der Gute blies besser als ein Staubsauger.“

„Dann durftest du ja auch mal ran!“ Der Banker grinste den Studenten an.

Der Wüstensohn schüttelte mit dem Kopf. „Meinst du, nur weil ich der Jüngere bin und aus Marokko komme, bin ich bei uns das Bückstück? Sorry, aber da muss ich dich leider enttäuschen, lieber Cem. Matthias und ich? Wir sind beide flexibel, mal fickt er mich, mal parke ich bei ihm ein, je nach Lust und Laune. Wie schon gesagt: Abwechslung erfreut!“ Er stupste ihn in die Seite. „Aber du hast Matzes Frage noch nicht beantwortet!“

„Verdammt! Ja!“ Nun war es raus! „Ich lasse mich lieber ficken, als dass ich selber …“

„Und? War das jetzt so schwer?“ Der Berber legte seine Hand auf Cems Oberschenkel.

Der Banker atmete tief durch. „Nein, aber …“

„Aber was?“ Matthias grinste den Gast an.

Der Türke blickte zu Boden. „Jetzt bin ich aufgegeilt und rattig, aber …“

„Aber was?“ Cihads Hand fuhr höher.

Der Banker blickte erst den Controller, dann den Studenten an. „Ich … ich … ich bin nicht gespült!“

„Ich auch nicht!“ Cihad küsste den Türken auf die Wange. „Aber das kann man schnell ändern: Wir haben ein großes Bad. Wenn du also willst, dann können wir …“

„Habibi, vielleicht möchte er dabei lieber alleine sein?“ Matthias blickte die beiden auf der Couch an.

„Mir ist das egal! Aber …“ Cem kniff dem Berber in dessen Kronjuwelen. „… aber wenn dann alle!“

Der Student schaute etwas verwundert. „Alle? Auch Matthias?“

Cem erhob sich grinsend, ging auf den Controller zu, griff nach seiner Hand und zog ihn aus dem Sessel. Matthias hatte damit wohl nicht gerechnet, er stolperte fast in die Arme des Bankers, der, neben seinen Lippen, sofort seine Hände über den Rücken gleiten ließ, um sie auf dem Hintern zur Ruhe kommen zu lassen. Er kniff in die Backen des Beamten, küsste ihn kurz und drehte sich dann zu Cihad um. „Ich will ja meinen Vater nicht unnötig anlügen müssen, wenn ich ihm erzähle, ich hätte zuletzt einen deutschen Beamtenarsch gefickt.“

Der Freitag verlief eigentlich in normalen Bahnen, allerdings nur bis Mittag. Matthias war gerade im Begriff, den Griffel fallen zulassen, als sein Telefon klingelte: Stadtkämmerer Grementhal war am anderen Ende der Leitung. Sein Dienstherr informierte ihn darüber, dass Holger Heinken, der Leiter der Stadtkasse, im Zuge der gestrigen Razzia gegen Rechts in Gewahrsam genommen worden war. Man hatte ein paar Waffen und einige nicht ganz legale Bücher bei ihm – respektive in seiner Garage und auf seinem Dachboden – gefunden. Die Beurlaubung vom Amt war dem Übeltäter zwar schon mitgeteilt worden, aber nun wäre eine weitere Notsitzung fällig.
Cihad war, was man sich unschwer vorstellen kann, nicht ganz so erbaut über diese Entwicklung, bedeutete diese Nachricht doch, dass er die gemeinsame Arbeit im Garten nun alleine würde erledigen müssen. Er stöhnte zwar laut, mähte dann aber dennoch brav den großen Rasen, zupfte vertrocknete Blumenblätter aus Rabatten, schnitt sogar einige Sträucher und säuberte am Schluss auch noch Bürgersteig und Auffahrt.
Normalerweise läuteten er und sein Matthias das Wochenende mit einer gemeinsamen Runde im Pool ein, sie ließen sich treiben, den lieben Gott einen guten Mann sein, aber das war hier und jetzt ja leider nicht möglich. Der Berber duschte und beschloss, anstatt selbst den Löffel zu schwingen, sich vom König der Burger bekochen zu lassen. Er hatte gerade die erste Rindfleischscheibe im Brotmantel verzehrt, als sich sein Gatte erneut meldete.
Die Nachricht, die ihn ereilte, war nicht vielversprechend: Matthias befand sich jetzt in großer Runde mit dem Oberbürgermeister, den Leitern des Personal- und des Rechtsamtes, auch zwei Vertreter der Bezirksregierung waren anwesend. Ein genaues Ende dieser zweiten Krisenrunde innerhalb von zwei Tagen konnte der Brillenträger nicht abschätzen, er bat nur um Verzeihung; man bliebe in Kontakt.

Da er eh schon in der Stadt war, beschloss der Sohn des Berbers, kurz auf ein Bier ins Blueberrys zu gehen. Für ihn war es zwar ungewohnt, dieses Etablissement allein aufzusuchen, er fühlte sich – ohne seinen Mann an seiner Seite – unwohl in diesem Anbahnungstempel sexueller Spiele. Es war oft zu offensichtlich, was die Besucher eigentlich haben wollten: Es ging ihnen nicht um tiefgründige Gespräche, es ging ihnen meistens nur um das Eine!
Der Wirt begrüßt ihn zwar höflich, wollte wissen, wie es ihm gehe, fragte dieses oder erkundigte sich nach jenem, aber der Student wusste genau, dass das Interesse nicht ehrlich war, es war nur der dürftigen Besucheranzahl geschuldet. Außer ihm waren nur fünf weitere Gäste zu diesem ziemlich frühen Zeitpunkt in dem Lokal versammelt, es war kurz vor neun. Drei Gesichter erkannte er von früheren Besuchen wieder: Gunnar und Thomas, zwei Krankenpfleger aus dem gegenüberliegenden Luisen-Krankenhaus, tranken wohl ihr wohlverdientes Feierabendbier und Gerd, ein etwas schmieriger Handelsvertreter mit Halbglatze, war in Begleitung eines weiblichen Wesens. Nur den jungen Typen, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als er selber, der am Info-Brett stand und die Aushänge las, hatte er hier noch nicht gesehen.
Cihad trank in aller Ruhe seine Gerstenkaltschale. Leicht amüsiert registrierte er, wie der Blick des Fremden immer wieder zwischen ihm und dem aufgehängten Lesestoff hin und her wanderte: Der Knabe wollte wohl auch nur seinen Spaß haben, war wohl auf der Suche nach Entspannung. Sollte er ihn ansprechen und dadurch dieser lächerlichen Farce des Anmachens ein Ende bereiten?
Der Typ war neu hier und er war jung, also bestes Frischfleisch für die Massen. Der Mann aus dem Antiatlas hielt kurz inne. Sollte er den Neuling retten? Wer zu einem solchen Zeitpunkt ein solches Etablissement aufsuchte, der kannte sich wahrscheinlich nicht mit den Gepflogenheiten der Szene aus. Er hatte seit seiner Flucht vor seiner Familie auch so Einiges lernen müssen, aber Matthias war ein guter Lehrer, der seinem Schüler nichts Böses wollte, eher das Gegenteil war der Fall.
Die beiden waren zwar – ganz offiziell – Mann und Mann, aber eben auch nur Männer, Männer mit Gefühlen und Gelüsten. Und um eben diesen Begierden tapfer begegnen zu können, hatten sie eine Übereinkunft getroffen: Anmachen ist erlaubt, Anfassen geht auch, aber nie einen Orgasmus ohne Anwesenheit des Partners. Man spielte, wenn überhaupt, nur zu dritt.

Der Mann hinter dem Tresen stellte ihm ein neues Bier hin. Allerdings war nach dem ersten Schluck das Fassungsvermögen seiner Blase im roten Bereich und verlangte nach Entleerung. Allah sei Dank, die Wasserspiele waren leer, er stellte sich an das letzte Pinkelbecken, öffnete seinen Hosenstall. Cihad hatte zwar keine Schwierigkeiten, seine Notdurft in Gegenwart von Matthias zu befriedigen, der hatte ihn schon in weit schlimmeren Situationen gesehen, aber war ein Fremder anwesend, der ihn auch nur eventuell dabei beobachten könnte, irgendein Schalter in seinem Gehirn wurde umgelegt und aus dem sprudelnden Quell wurde ein tröpfelndes Rinnsal.
Der erste Strahl hatte gerade der weißen Emaille Hallo gesagt, als sich die Tür öffnete und der Frischling die Räumlichkeiten betrat. ‚Herr! Lass ihn in eine Kabine gehen!‘ Das Stoßgebet des Berbers wurde allerdings nicht erhört, der Blonde mit den schulterlangen Haaren stellte sich neben ihm an das Pissoir und tat es ihm nach. Der Sohn der Wüste stöhnte innerlich, aber er wollte sich auch nicht die Blöße geben und fluchtartig den Raum verlassen.

Es geschah, was in solchen Situationen immer geschieht, man tauschte Blicke aus, die mit der Zeit intensiver wurden. Auch das Ergebnis dieser Besichtigung war vorprogrammiert: Die Wasserspender versteiften sich langsam. Dem Studenten wurde es irgendwann zu dumm, er konnte sowieso nicht mehr das Ziel verfolgen, weswegen er eigentlich hier war, also schaute er seinen Nebenmann direkt an. Er wollte den Knaben ja sowieso ansprechen und ihn aus möglichen Gefahren retten, also warum das nicht hier und jetzt erledigen? „Na? Gefällt er dir? Du kannst ihn gerne mal anfassen, wenn du willst: Das Teil beißt nicht!“

Der Angesprochene zuckte zwar zusammen, murmelte etwas Unverständliches, aber seine Hand streckte sich nach dem arabischen Anhängsel. Vorsichtig, kaum spürbar, betasteten lange Finger die 19 Zentimeter, die der Student mittlerweile zwischen seinen Beinen hatte. Die Kuppen fuhren zuerst nach oben, spielten mit dem Schlitz, um dann auf der ordentlich gestutzten Oase zur Ruhe zu kommen. „Ist das geil!“

„Ich darf dann ja auch mal, oder?“ Der Student leckte sich die Lippen und, ohne eine Antwort abzuwarten, spielte seine linke Hand mit der zurückgezogenen Vorhaut seines Nebenmannes. Die Bewegungen, die seine Finger ausführten, waren weder hart noch fordernd, aber nach zwei oder drei Streichen krümmte sich der Jüngling, stöhnte laut auf. Da, wo eben noch gelbe Flüssigkeit das Licht der Welt erblickt hatte, war es nun weißer Schleim, der auf das Produkt aus dem Haus Ideal Standard traf. Der Student wirkte irgendwie fassungslos. „Was war das denn?“

„Sorry, aber …“ Der Jüngling rang immer noch nach Atem. „… aber … das war einfach zu viel für mich, auch wenn es mehr als wunderschön war. Danke!“

„Gern geschehen,“ Cihad kratzte sich am Kinn. „Man sagt ja, dass Türken Schnellspritzer sind, aber so schnell? Ich hab dich doch kaum berührt und du …“

„Ich weiß, und es tut mir auch leid, dass ich deine Berührungen nicht länger genießen konnte, aber seit über zwei Jahren bist du der erste Mann, der meinen Schwanz berührt hat.“ Der Jüngling wirkte niedergeschlagen. „Es war einfach nur schön, auch wenn es viel zu kurz war!“

„Man kann es ja wiederholen!“ Der Student hielt dem anderen seine Hand hin. „Ich bin Cihad.“

„Christopher.“ Immer noch mit offenen Hosen hielt man oberhalb der Gürtellinie Händchen. Aber irgendwann, nach gefühlten Ewigkeiten, löste der junge Mann die Verbindung und ließ seinen Arm wieder in Richtung arabischer Körpermitte wandern. „Du sollst ja auch Spaß haben.“

Der Student wehrte die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, brüsk ab. „Lass mal besser! Nichts gegen dich, aber … ich muss die Sache sowieso beichten, will sie nicht noch schlimmer machen.“

Christopher schaute sein Gegenüber irritiert an. „Wie? Du erzählst deinem Pfaffen doch nicht etwa, dass du jemandem in einer Schwulenkneipe einen runtergeholt hast?“

„Nein, ich bin kein Katholik, aber …“ Der Berber versuchte, sein immer noch fast einsatzbereites Verkehrsgerät in seiner Hose zu verstauen. „… aber ich werde es meinem Liebsten sagen.“

„Wie jetzt? Du hast einen Freund?“ Verwirrung lag in der Stimme.

„Keinen Freund! Ich bin verheiratet.“ Cihad schüttelte den Kopf. „Gut, vor dem Gesetz ist Matthias nur mein Lebenspartner, aber für mich ist er mein Mann.“

„Und dann lässt du dich auf dem Klo betatschen?“ War das jetzt ein Vorwurf?

Der Student zuckte mit den Schultern. „Wir sind ein Paar, leben mehr oder minder monogam, aber wir sind schwul, von daher … also: Anfassen ist erlaubt, aber kein Orgasmus ohne die Anwesenheit des Partners. Ich konnte ja nicht wissen, dass du so schnell …“

„Stimmt, du konntest ja nicht ahnen, dass ich mehr oder minder zwei Jahre eingesperrt war.“

„Wie meinst du das denn jetzt?“ Der Deutsch-Marokkaner machte seine Hose zu.

Auch der Blonde begann mit dem Einpacken. „Meine Mutter hat mich erwischt, wie ich mit dem Sohn des Nachbarn …, na, du weißt schon, seitdem … überwacht sie jeden meiner Schritte.“

„Und was machst du denn hier? So ohne … Wachhund?“

„Eigentlich sollte mein Vater an diesem Wochenende diese Aufgabe übernehmen, aber mein Alter ist eigentlich ganz in Ordnung: Wir besuchen Oma und Opa, außerdem hat er noch einen Termin hier. Aber Oma liegt im Hospital und er weiß, dass ich Krankenhäuser nicht mag, allein vom Geruch wird mir übel. Paps drückte mir nach dem Anstandsbesuch am Krankenbett einen Zwanziger in die Hand und meinte, ich solle mir einen schönen Abend machen.“

Es war zwar kein Hochdeutsch, was der Jüngling sprach, aber der Sohn der Wüste konnte ihn dennoch gut verstehen. „Und? Weiß dein Vater denn, wo du jetzt steckst?“

„Gott bewahre! Auch wenn er mehr Verständnis hat, aber bei uns hat meine Mutter die Hosen an, er ist eigentlich ein ganz armes Würstchen. Aber Oma ist genauso!“ Er betätigte die Spülung.

Cihad legte den Arm um ihn. „Du! Ich würde gerne die ganze Geschichte hören, aber nicht hier auf dem Klo. Das ist irgendwie der falsche Ort.“

„Stimmt! Lass uns zum Tresen gehen und da weiter quatschen.“ Christopher gluckste. „Dort dürfte es sicherlich gemütlicher sein als hier, auch wenn wir da nicht unter uns sein werden.“

Der Berber hielt kurz inne. „Äh, andere Frage: Wann musst du eigentlich wieder zuhause sein?“

Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. „Papa meinte, ich soll einen der Nachtbusse nehmen, die würden bis 3:00 Uhr fahren. Von daher? Ich habe also noch mindestens fünf Stunden Zeit.“

„Das ist gut, denn ich hätte dich gerne als Entlastungszeugen an meiner Seite. Wenn ich Matthias die Geschichte erzähle.“ Cihad setzte einen Dackelblick auf. „Der glaubt mir nie, dass du so schnell …“

Der Student schloss die Haustür auf, der Eingangsbereich lag zwar im Dunkeln, aus der Ferne jedoch war Musik zu hören, sein Gatte war also schon daheim. Er zog sich die Schuhe aus und bedeutete Christopher, ihm zu folgen. Je näher die beiden dem Poolbereich kamen, desto lauter wurden die Klänge, die an ihre Ohren drangen. Matthias hatte seine Entspannungsmusik aufgelegt, Maria Callas live in concert‘.

Der Berber betrat den Poolbereich, entledigte sich aber vor der Tür noch seiner Socken. Der Gast mit dem komischen Akzent tat es ihm nach. Der Raum lag fast im Dunkeln, hinter dem kleinen Tresen leuchtete nur die Anzeige der Anlage, ansonsten verliehen vier Windlichter, eines auf dem Tisch neben der Liege, auf der er seinen Mann vermutete, die restlichen verteilt, dem Spaßbereich des Hauses eine fast surrealistische Atmosphäre. Nachdem sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten, ging Cihad auf die Chaiselongue zu. Sanft stupste er den Liegenden an. „Hallo Shamsi!“

„Habibi!“ Matthias schüttelte kurz den Kopf, anscheinend war er eingenickt gewesen. „Wo warst du? Ich hab versucht, dich zu erreichen, aber … es ging nur die Mailbox ran!“

Der Wüstensohn griff in seine Hosentasche, holte sein mobiles Kommunikationsgerät hervor und ging näher an die Lichtquelle. Ein leicht verlegenes Grinsen legte sich auf sein Gesicht. „Ähm, der Akku ist leer, hab ich gar nicht bemerkt. Ich glaub, ich brauch beizeiten mal wieder ein neues Handy.“ Er beugte sich zu seinem Gatten herunter, umarmte und küsste ihn.

Als sich ihre Lippen wieder voneinander gelöst hatten, zuckte der oberste Zahlenkontrolleur der Stadt erschrocken zusammen, hatte er doch jetzt erst den dritten Mann, der schräg hinter seinem Liebsten stand, entdeckt. „Amiri! Du hättest ja auch was sagen können! Ich liege hier nackt auf dem Präsentierteller und du bringst Gäste mit! Was soll der nun von mir halten?“

„Schatz! Das ist Christopher …“ Cihad deutete auf den Blonden, dann folgte eine Geste in die andere Richtung. „Christopher, das ist Matze, mein Mann.“

Bevor sich die Angesprochenen die Hände reichen konnten, erhob sich der Beamte und versuchte, den seidenen Morgenmantel, den er trug, noch etwas zurechtzurücken, er wollte wohl die Würde des Hausherren nicht zu sehr ramponieren. Allerdings war das Unterfangen wegen des fehlenden Gürtels nicht ganz so erfolgreich. „Hallo Chris.“

„N ‘Abend!“ Man spürte eine plötzliche Verlegenheit.

Der Brillenträger blickte Cihad an. „Engelchen? Kannst du mir verraten, weshalb du einen Gast …“

„Schatz! Ich muss dir was beichten!“ Der Berber wirkte plötzlich unsicher.

Der Beamte setzte sich, achtete diesmal aber auf die Bedeckung seiner Körpermitte. „Und was?“

„Er hat mir einen runtergeholt, ohne … ohne dass du dabei warst.“ Der Blonde war schneller.

Matthias schüttelte sich verdutzt, blickte seinen Mann an. „Du hast was gemacht?“

„Ich war nach Burger King noch auf ein Bier im Blueberrys, da hab ich auch Chris getroffen. Ich musste mal für Wüstensöhne und …“ Der Student suchte anscheinend etwas auf dem Boden.

„… dann stand Chris da und ihr habt euch auf die Schwänze gestarrt, die dann härter wurden, um dann schließlich Hand anzulegen. So in etwa?“ Sauer wirkte Matthias nicht wirklich.

„Nee, ich stand da und Chris kam rein, aber der Rest stimmt.“ Der Berber schüttelte sein langes Haupthaar. „Nachdem er mir dann lange genug auf den Piepmatz gestarrt hatte, meinte ich, er könne ruhig mal anfassen, was er dann auch tat. Ich hab seinen dann auch … Tja, nach zwei oder drei Bewegungen kam er dann auch schon.“

„Wen willst du verarschen? Einem alten Trapper pisst man nicht in seine Flinte! So schnell kommt kein Mensch! Das …“ Matthias blickte seinen Gatten ziemlich verstört an. „… ist einfach unmöglich.“

„Doch ist es! Ich kann es sogar beweisen!“ Christopher beeilte sich, neben dem reuigen Sünder Aufstellung zu nehmen, nestelte erst an seinem Gürtel, zog sich dann die Jeans samt Boxer in die Kniekehlen und präsentierte dem Hausherren seinen Zauberstab. „Hier!“

Matthias war mehr als verwundert. „Tja, ähm, zwar ein netter Prügel, aber für meinen Geschmack etwas zu dicht bewaldet. Du solltest mehr auf dein Äußeres achten, mein lieber Chris.“

„Pack ihn an und wichs mich etwas!“ Der blonde Jüngling bettelte fast.

„Wieso sollte ich?“

„Weil ich dir was beweisen will!“

Der Kommunalbeamte war sich erst unsicher, ob er dieser, wenn auch verlockenden, Aufforderung nachkommen sollte. Schickten ihn die beiden Ende Juli in den April? Aber es konnte sich ja um keine Aufzeichnung der Versteckten Kamera oder anderer Sendungen ähnlichen Charakters handeln, eine Filmcrew war jedenfalls nicht anwesend. Matthias griff nach dem ihm dargebotenen Teil.
Er hielt den ihm dargebotenen Stift ruhig und sanft in der Hand, hatte noch keine Elektronen an seine Finger geschickt, um mit ihnen irgendwelche Aktionen zu starten, da bemerkte er, wie das Anhängsel sich zusehend versteifte und langsam, fast wie von selbst, die volle Einsatzfähigkeit erreichte, er schätzte es auf 18 Zentimeter Länge, der Durchmesser entsprach ungefähr einer Zweieuromünze. ‚Gut, der wird wohl noch nicht so oft mit anderen gespielt haben!‘ Viel mehr dachte der Brillenträger nicht, als er seinen Fingern den Befehl gab, sich langsam in Bewegung zu setzen.
Das Aroma, das dem Mann aus dem Rathaus in die Nase strömte, war eine Mischung aus Urin und und Sperma. Anscheinend hatte sich dieser Christopher nach seinem Abgang nicht richtig sauber gemacht, aber es war gerade dieser Geruch, der Matthias unvorsichtig werden ließ. Er stoppte seine Hand auf halbem Wege, die Kuppe war gerade freigelegt. Er ließ seine Zunge über das helle Fleisch tanzen und kurz in den Schlitz eintauchen, dann ging er mit dem Kopf wieder zurück. Die Aussicht war hervorragend, der Brillenträger hatte alles im Blick. Seine Linke kam nun auch zum Einsatz und tätschelte den ziemlich schwer herunterhängenden Beutel.
Christophers Teil war steifer als steif, soviel war sicher. Matthias packte jetzt etwas fester zu, eine zweite Wichsbewegung erfolgte, diesmal etwas schneller. Der Atem des Blonden beschleunigte sich. ‚Was geht denn hier ab?‘ Der Beamte war nun vollends irritiert, aber er setzte sein Werk fort. Die Streiche drei und vier erfolgten. Der Beamte erhöhte erneut den Druck, sowohl den auf den Wanderstab als auch auf den dazugehörenden Beutel. Ein Keuchen war zu hören. Fünf, sechs, sieben! Der blond gelockte Adonis krümmte sich leicht. Acht, neun, zehn! Der Knabe begann zu zittern, erst das rechte Bein, dann folgte die linke Extremität. ‚Der will doch wohl nicht schon etwa?‘ Elf!
Der Controller ahnte die Gefahr, die da gleich auf ihn zukommen würde, aber er war unfähig, etwas dagegen zu tun. Wie hypnotisiert starrte er auf die Schlange, die er da bearbeitete. Zwölf! „Jaaaaaa!“ Der erste Schuss des weißen Goldes traf die Nase des Beamten, Treffer zwei und drei verkleisterten ihm das linke Auge. Der junge Mann hatte tatsächlich weniger als eine Minute gebraucht, um seinen Saft in die Freiheit zu entlassen. So was hatte er auch noch nicht erlebt.

Der Brillenträger ließ sich ermattet nach hinten fallen, der weiße Saft folgte den Gesetzen der Schwerkraft. Er leckte sich kurz über die Lippen, der Glibber war fast geschmacklos. „Könnte man mir mal ein Tuch reichen?“

Anstatt eines Textils spürte er plötzlich das Kreisen einer Zunge auf seinem Gesicht. Der Beamte öffnete ein Auge, der Engel mit dem lockigen Haaren leckte die Spuren seines Ausbruchs ab. Ihre Lippen trafen sich, er lächelte verschmitzt. „Ich glaube, deine Zunge kann das auch, oder?“

„Bestimmt!“ Cihad schien zu grinsen, genau sehen konnte Matthias immer noch nicht, er genoss einfach die Reinigung. Allerdings wurde diese kurz unterbrochen, der Sohn der Wüste hatte erst sich sämtlicher Kleidung entledigt und tat dieses jetzt auch bei dem blonden Engel. Als Christophers Oberkörper frei jeder Faser war, drückte der Student den Gast wieder zu seinem Gatten, er sollte sein Werk ja vollenden.

Die innige Verbindung wurde plötzlich jäh unterbrochen, der Mann mit den Locken blickte nach unten. „Was … was machst du da?“

„Du machst meinen Mann sauber und ich mache das Gleiche bei dir!“ Der Student lachte und dockte wieder an, polierte mit seiner Zunge das jugendliche Schwert. Je länger diese Reinigungsprozedur jedoch dauerte, desto deutlicher wurden die Anzeichen einer erneuten Kampfbereitschaft. Cihad entließ das pochende Fleisch in die Freiheit, robbte ein Stück zurück, schaute nach oben. „Sag jetzt nicht, du kannst schon wieder?“

Das Gesichtspeeling war mittlerweile beendet. Der Gast mit der ungewohnten Aussprache zog die Schultern zusammen. „Schlimm?“

„Schlimm nicht, nur … nur etwas ungewöhnlich.“ Matthias gluckste. „Wir sollten deinem Teil aber dennoch etwas Ruhe gönnen. Du sollst uns ja nicht zusammenbrechen.“

„Wie? Ihr wollt schon aufhören?“ Enttäuschung war zu hören.

Der Beamte schüttelte den Kopf. „Christopher, davon habe ich nichts gesagt, wir sollten …“

„Ich hab mir meinen ersten richtigen Sex auch etwas anders vorgestellt, so zu zweit, romantisch, mit Kerzenlicht und Kuschelmusik.“ Seine Stimme wirkte brüchig. „Aber … aber jetzt?“

„OK, die Callas ist nicht gerade bekannt für Kuschelrock, aber … die Musik kann man ändern.“ Cihad hatte sich erhoben und steuerte die kleine Bar an. „Kerzen brennen auch, also …“ Die musikalische Untermalung wurde gestoppt, die CD gewechselt, anstelle der klassischen Töne erfüllte jetzt jazzige Loungemusik den Pool. „So, das hätten wir. Und wer kann schon sagen, sein erstes Mal war ein Dreier? Ich kenne keinen! Du etwa, Habibi?“

„Mir ist auch keiner bekannt.“ Der Beamte streichelte über die Brust des Gastes. „Wenn du willst, stoppen wir hier und jetzt, denn … dein Erstes Mal solltest du genießen.“

„Wie jetzt?“ Der Blonde wirkte mehr als verwirrt.

Matthias deutete nach unten. „Du könntest dich jetzt um mein Teil kümmern und Cihad spielt mit deiner Kirsche, oder du legst dich einfach hin und ich massiere dich.“

„Das kann er ziemlich gut.“ Der Berber hatte die Liege wieder erreicht.

Der Controller nahm das Gesicht des Gastes in seine Hände, drückte ihm einen leichten Kuss auf die Stirn. „Es ist dein Erstes Mal, du bestimmst die Musik!“

„Echt jetzt?“ Verwunderung machte sich auf seinem Gesicht breit.

Der Student nickte. „Echt! Der erste richtige Sex mit einem Mann sollte unvergesslich sein! Meinen würde ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen.“

„Wie war der?“ Hörte man da Neugier?

Cihad rümpfte die Nase. „Es war in den Ferien, ich war so 16. Einer der Söhne unseres Vorarbeiters, Hamid, war gerade auf Heimaturlaub vom Militär, er war bei der Marine, ein Bild von einem Mann, sage ich dir. Ich war sofort hin und weg. Er fickte mich im Ziegenstall und, als er fertig war, ging er einfach, ich kam nicht einmal. Ich fühlte mich einfach nur … gebraucht und abartig! Ich wollte keinen Sex mehr, mit niemandem und nie mehr.“

„Und wie kam es dann, dass du … naja … dass du dabei geblieben bist?“

„Schuld war Rob Adams, der kam nach diesen unsäglichen Ferien zu uns in die Stufe.“ Er lächelte Christopher verschüchtert an. „Es hat zwar gedauert, bis wir im Bett landeten, aber das war dann mein Erstes Mal. Und … ehe du fragst; der Vorfall mit Hamid? Das … das war nur Druckabbau seinerseits, also außerhalb der Wertung; habe ich später jedenfalls so für mich beschlossen.“

Der Blonde kratzte sich am Kinn. „Okay! Aber … was ist eigentlich ‚meine Kirsche‘? Matthias sagte …“

Der Berber lachte. „Dein Loch!“

„Wie? Mein … mein Loch?“

„Yepp!“ Der Student ließ seine Finger über den Rücken des Gastes tanzen und im Tal der Könige stoppen. „Cherry heißt auch Jungfräulichkeit. Wenn man sagt ‚to pop one’s cherry‘ bedeutet das also jemanden entjungfern. Naja, und bei Schwulen? Da ist es halt eine der vielen Umschreibungen, die nicht im Wörterbuch stehen.“

Der Blonde überlegte kurz, grinste dann aber Cihad an und leckte sich die Lippen. „Na, dann kümmer dich mal um meine Kirsche.“

Cihad wirkte erst überrascht, aber er tat dann doch, wie ihm geheißen. Christopher war derweil nach unten gerutscht, kümmerte sich intensiv um den Griffel des Beamten und streckte dabei seinen leicht birnenförmigen Hintern hervor. Die Hände des Berbers zogen die Backen auseinander, um seiner Zunge im engen, bewaldeten Tal mehr Platz zu schaffen. Der Student griff kurz durch die Beine und spürte wieder harten Marmor.
Nach fünf oder sechs Minuten Zungenbehandlung sprang der junge Mann plötzlich auf, die Nase des Berbers erlitt dabei jedoch keinen bleibenden Schaden, und er stellte sich breitbeinig über die Liege. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und der Sohn der Wüste griff sich den Stab des Beamten und dirigierte ihn in Richtung des sich langsam senkenden Hinterns. Die Vereinigung stand kurz bevor. Matthias‘ Kuppe hatte gerade das Tor aufgestoßen, war noch nicht ganz in der heiligen Halle verschwunden, da warf sich der blonde Engel zurück, sackte so noch etwas tiefer auf den Stempel des Beamten, aber gleichzeitig feuerte er auch aus allen Rohren.
Nachdem der Gast einigermaßen wieder zu Atem gekommen war, setzte er sich, zur Überraschung aller, selbstständig wieder in Bewegung. Auf und ab, erst ganz langsam, dann aber erfolgte das Muskelspiel in immer schnelleren Abständen, er ritt wie ein gelernter Rodeoreiter auf dem sich nun windenden Beamten. Cihad traute kaum seinen Augen, versuchte er doch immer seinen Abgang so lange wie möglich hinauszuzögern, denn er wusste genau, nach dem Moment der höchsten Freunde fiel er in ein tiefes Loch, wollte nicht mehr gefüllt sein, sondern nur noch kuscheln, die Wärme und die Nähe seines Mannes spüren. Aber Christopher war offensichtlich anders gestrickt.
Matthias genoss die Enge des ihm dargebotenen Kanals, allerdings war der Druck, der auf sein bestes Teil ausgeübt wurde, enorm; lange würde er wohl nicht standhaft bleiben können. Als die Bewegungen schneller wurden, die Kolbenhübe immer tiefer, konnte er nur noch stöhnen, aber mehr als „Ich … geil … ja …“ brachte er nicht über seine Lippen.
Matthias nahm alle Kraft, die er noch aufbringen konnte, zusammen und schrie die Warnung vor der drohenden Vulkaneruption heraus. Aber anstatt aufzuspringen, ließ Christopher sich noch tiefer auf ihn sinken und zog seinen Muskelring noch stärker zusammen. Er spürte deutlich die fünf Schübe der weißen Lava, die der Beamte in sein jungfräuliches Loch pumpte.

Matthias war nass geschwitzt. Als er einigermaßen wieder bei Sinnen war, griff er nach dem Hals des Blonden, zog ihn zu sich herunter. Lippen berührten sich. Zungenspitze traf auf Zungenspitze. Durch die Bewegung nach vorne ploppte der Füller des Beamten aus seinem schützenden Futteral. Aber der Fremde schien ein Nimmersatt zu sein. Während seine Lippen mit denen des Brillenträgers beschäftigt waren, griff seine Rechte nach hinten, suchte wohl nach dem Stab des Beduinen.
Cihad betrachtete die Szene erst mit Unglauben, dann aber, als die Fingerspitzen des Blonden seine freie Kuppe aufgespürt hatten, folgte er ihnen willig wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Sein Gatte hatte gute Vorarbeit geleistet, das Loch war offen wie ein Scheunentor. Matthias‘ Prügel war zwar nicht ganz so lang wie sein eigener Sahnespender, aber dafür war er etwas dicker, zwar nicht ganz rund, eher leicht rechteckig, aber er liebte das Anhängsel seines Mannes. Er ließ sich zwar auch von anderen nehmen, aber am liebsten war es ihm dann doch, wenn sich sein Matthias, sein Mann, sein Geliebter und Freund, in ihm verewigte.
Der Sohn eines Berbers durchpflügte nun die Wüste, die ihn eingeladen hatte. Er spürte an seiner Spitze die volle Hinterlassenschaft seines Gatten. Es war, als hätte man ihm eine Droge gegeben, eine verbotene Substanz in die Blutbahn gespritzt; es war ein ganz besonderer Kick für ihn, in ein volles Loch einzutauchen. Er trieb sein Kamel an. Plötzlich scheute es, bäumte sich auf, um dann wieder weiter durch die sandigen Berge zu traben. Er griff nach vorn, Christophers Kuppe war wieder einmal mehr als feucht. Hatte er etwa schon wieder?
Das engelhafte Wesen mit dem komischen Akzent und der Beamte küssten sich, ihre Gesichter schienen zu verschmelzen. Je mehr sie verschmolzen, desto enger wurde der Ring aus Muskeln, der sich um Cihads bestes Stück zog; lange würde er auch nicht mehr aushalten können. Der Absolvent der CAS tat sein Bestes. Die Krönung wäre gewesen, wenn Matthias jetzt noch zu ihm gestoßen wäre, aber dazu war es schon zu spät, er war schon zu nah an der rettenden Oase. Er wollte zwar seinen Wüstensaft in die Freiheit entlassen, aber eine erneute Muskelkontraktion machte ihm einen Strich durch seine Rechnung: Anstatt auf offenem Feld versprüht zu werden, vermischte sich sein Saft nun mit dem seines Gatten. Er brach auf dem Rücken des Gastes zusammen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die Sauerstoffaufnahmerate hatte sich halbwegs wieder normalisiert, wurden Matthias die zwei Personen, die – mehr oder minder – auf ihm lagen, einfach zu schwer. Er stieß sie von sich, sprang auf, entledigte sich seines Bademantels. Der städtische Beamte machte vier oder fünf Schritte, sprang in das kühle Nass, tauchte unter, nicht nur, um die Spuren der gerade erlebten Vulkanausbrüche zu beseitigen. Nach ein paar Bewegungen im Wasser fand er auf die Füße und sah die zwei Personen, die immer noch auf der Liege lagen. „Was ist los? Kommt ins Wasser!“

Cihad und Christopher folgten dieser Aufforderung, kurze Zeit später waren zwei menschliche Einschläge zu vernehmen. Die drei Männer planschten mehr als sie schwammen, aber das tat dem Spaß keinen Abbruch. Sie neckten sich, sie tauchten sich unter, sie betasteten sich über und unter Wasser, kurz gesagt, es war ziemlich kurzweilig, was sie da taten.
Der Beamte stieg zuerst aus dem Wasser, reichte erst seinem Gatten und dann dem Gast die Hand, um ihnen aus dem Wasser zu helfen. Als er sich wieder auf seiner Liege ausgestreckt hatte, blickte er den blonden Jüngling an, der ihm gegenübersaß. „Also Christopher, dass gerade war … echt spitze!“

„Fand ich auch!“ Er lachte über beide Backen. „You popped my cherry!“

„Wie jetzt?“ Matthias wirkte leicht ratlos.

Cihad grinste. „Habibi! ‚You‘ ist zweite Person, sowohl im Singular wie auch im Plural! Wir haben ihn beide zum Manne gemacht, mein Engel!“

„Und wir haben keine Morgengabe vorbereitet! Sorry, aber hätte ich gewusst, dass ich heute noch jemanden die Unschuld raube, hätte ich einen Kuchen gebacken.“ Er grinste den Gast frech an. „Aber eins muss ich dir sagen, lieber Christopher: Du spritzt schneller als so manch ein notgeiler Türke!“

Der Angesprochene konnte wohl nicht viel mit dem letzten Teil der Aussage anfangen, zuckte nur mit den Schultern. „Ich weiß zwar nicht, wie schnell oder wie langsam unsere südosteuropäischen Mitbürger ihre Wichse verteilen, ich hatte noch nie das Vergnügen, aber … was soll ich auch anderes machen? Seit mehr als zwei Jahren darf ich nur in der Fantasie spielen, aber heute? Heute bin ich mit gleich zwei nackten Männern zusammen, habe Spaß bis zum Gehtnichtmehr und bin endlich keine Jungfrau mehr. Ich fühle mich einfach nur sau geil; ich wollte, es könnte immer so sein!“ Er seufzte herzergreifend. „Auch wenn es kitschig klingen mag, ich wollte, ich könnte die Zeit anhalten.“

Der Beamte rieb sich verwundert die Augen. „Wie jetzt? Du willst mir doch jetzt nicht erzählen, du hättest dich bis jetzt … nur mit der Hand vergnügt?“

„Doch, ist leider so!“ Er seufzte. „Gut, Jenny, die Tochter unserer Putzfrau, hat mir einen Dildo besorgt, mit dem ich geübt habe, aber außer dem und meiner Hand? Ich war immer nur alleine mit mir! Kurz nach meinem Geburtstag hat mich Mama erwischt, wie ich mit Timo, einem Jungen aus der Nachbarschaft, auf meinem Bett lag. Wir haben uns nur gestreichelt und geküsst, mehr ist wirklich nicht passiert, aber als sie uns sah? Sie hat einen Tobsuchtsanfall gekriegt, frag nicht nach Sonnenschein! Wir wären doch krank und abartig! Dann hat sie ihn rausgeschmissen und mich dann mit dem Kochlöffel bearbeitet. Das ist jetzt zwei Jahre her; seitdem …“

„Das glaube ich jetzt nicht!“ Der Brillenträger streckte seine Hand nach dem Gast aus, legte sie auf dessen Oberschenkel ab.

Die Beinschere wurde weiter geöffnet. „Doch! Sie hat mir sogar extra eine Entschuldigung für den Sportunterricht geschrieben, damit niemand meine blauen Flecken sehen konnte.“

„Nicht dein Ernst!“ Selbst Cihad wirkte erschrocken.

Der blonde Jüngling nickte traurig. „Doch! Für meine Mutter zählt nur der Schein, nach außen hin sind wir die heile Familie, aber nach innen? Frag‘ besser nicht! Mein Vater ist ein armes Würstchen, er schiebt eine Überstunde nach der anderen, nur um nicht zuhause zu sein. Ich bin auch lieber weg.“

„Dass eine Mutter so etwas tun kann?“ Matthias schüttelte sich. „Unglaublich!“

Christopher zuckte erneut mit den Schultern. „Sie kann! Seit damals mit Timo überwacht sie jeden meiner Schritte, ich komme mir vor … wie im Knast! Sie hat es sogar geschafft, meine Lerngruppe für das Abi zu vergraulen, niemand wollte mehr mit mir was zu tun haben. Wie würdest du dich fühlen, wenn du mit jemandem Mathe lernen möchtest, aber vorher erst ausführlich über dein Sexualleben ausgefragt wirst?“

„Nicht gut!“ Der Berber atmete tief durch. „Aber du hast dein Abi ja jetzt in der Tasche! Was willst du eigentlich damit anfangen?“

„Ich würde am liebsten Kunst studieren, so in Richtung Fotografie. Ich habe mich heimlich in Münster an der Kunstakademie beworben und sogar eine Zusage bekommen, aber ich glaube, das kann ich knicken: Mama wird das nie zulassen!“ Pure Resignation lag in seiner Stimme.

Der Berber schüttelte sich. „Wie? Du bist erwachsen, ein freier Mensch!“

„Du kennst meine Mutter nicht! Entweder ich studiere in Dresden, wo sie mich kontrollieren kann, oder ich schreibe mich hier für Logistik ein, dann übernimmt Oma die Stallwache! Hat sie bei meinem Vater auch schon gemacht, er durfte nie ein freier Mann sein!“

Matthias hatte nun beide Hände auf den Oberschenkeln des Gastes. „Ich bin zwar kein Experte in Familienrecht, aber ich habe auch mal Jura studiert. Du kannst ohne Weiteres deinen eigenen Weg gehen, Unterhalt müssen deine Eltern für dich sowieso zahlen, egal was und wo du studierst. Wenn du willst, rufe ich morgen einen befreundeten Anwalt an, der dich sofort vertreten kann.“

„Danke, aber … aber was würde das bringen?“ Trauer lag in seinen Augen. „Wo soll ich in der Zwischenzeit hin? Freunde, bei denen ich Unterschlupf finden könnte, habe ich nicht, dafür hat Mutter schon gesorgt! Und zu meinen Großeltern?“ Er schüttelte sich erneut. „Da käme ich vom Regen in die Traufe, denn die Mutter meines Vaters ist genauso ein Drache.“

Die Spitzen der kleinen Finger des Beamten hatten mittlerweile die Haarspitzen der Kronjuwelen des Gastes erreicht. Er blickte spitzbübisch zu seinem Gatten. „Schatz? Was meinst du?“

Der Berber, der neben seinem Mann saß, grinste. „Ich würde sagen, wir nehmen erst einmal den 6er und schauen dann, wie es aussieht. Kürzer geht ja immer, ankleben kann man ja schlecht!“

„Würde ich auch sagen!“ Süffisant lächelte er erst den Gast und dann seinen Liebsten an. „Bist du dann mal so nett und holst den Akkuschneider? Der müsste oben im Bad sein.“

„Wie jetzt? Was habt ihr vor?“ Christopher bekam große Augen.

Cihad hatte sich erhoben und legte seine Rechte auf die Schulter des blonden Engels. „Tja, es ist zwar kein Gesetz, aber alle Bewohner des Hauses sind da unten entweder blank wie ich oder gestutzt wie bei Matthias. Und da du in den nächsten Monaten wohl unser Gästezimmer belegen dürftest, wäre es nicht schlecht, wenn du auch …“

„Ich werde was?“ Ungläubig starrte er den Berber an. „Das … das geht doch nicht!“

Der Student zog den jungen Mann hoch, küsste ihn. „Wieso sollte das nicht gehen? Du willst Kunst studieren, hast sogar einen Studienplatz, also … warum nutzt du diese Chance nicht? Matthias will dir nur helfen, endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Gut, mit deiner Familie könnte es etwas hart werden, aber da musst du durch. Keine Angst, wir helfen dir dabei.“

„Gut? Aber … aber wie soll das gehen?“

„Du ziehst in unser Gästezimmer und wir fahren gemeinsam nach Münster.“ Der Berber lachte. „Und wenn du wieder mal mit uns spielen willst, kein Thema. Fall du jemanden findest, für den dein Herz schlägt, ist das auch kein Problem, hier im Haus gibt es nämlich keine Regeln für nächtliche Herrenbesuche! Hauptsache ist, du stehst rechtzeitig auf, um zur Uni zu kommen … oder zur Kunstakademie, da hat Matthias ein Auge drauf. Manchmal würde ich auch lieber liegen bleiben, aber dann treibt er mich regelrecht aus dem Bett.“

Der Beamte räusperte sich. „Wir, also Cihad und ich, wir bieten dir unsere Hilfe an: Du kannst sie annehmen und glücklich werden, oder du kannst auch ‚Nein danke!‘ sagen; wir sind dir deshalb nicht böse. Es ist deine Entscheidung!“

„Ich weiß, du kannst sie treffen!“ Der Berber wuselte in den blonden Haaren. „Also tue es auch, denn sonst? Sonst wirst du es eines Tages bereuen!“

Stille trat ein, man sah, wie es in dem Blonden arbeitete. „Dann brauch ich keinen Aufsatz!“

„Wie meinst‘e denn das jetzt?“

„Die Haare da unten!“ Er deutete auf den Wildwuchs um sein Gemächt. „Alles ab! Ich will es glatt haben, so als Zeichen des Neuanfangs!“

„Ganz wie du es gerne haben möchtest!“

„Danke! Aber ich kann noch nicht sagen, wann … wann ich hier genau einziehe!“

„Wieso? Du bist doch jetzt hier!“

„Stimmt, aber ich bräuchte ein paar Sachen, die jetzt noch in Dresden sind: Abiturzeugnis, Reisepass, Sparbuch, meine Fotoausrüstung und mein Kuscheltier, … halt solche Sachen.“ Er blickte die beiden fast flehentlich an. „Und zum Anziehen brauche ich ja auch etwas, oder? Gut, hier im Haus könnte ich nötigenfalls nackt rumlaufen, macht mir nichts aus, aber ich glaube nicht, dass das im Zug oder im Hörsaal so gut kommen würde.“

„Wäre zumindest mal was Neues!“

Man besprach noch etliche Einzelheiten und gegen kurz nach drei bestieg Christopher ein Taxi, um zum großelterlichen Anwesen zu kommen. Sollte die Verspätung jemandem auffallen, so sollte er sagen, er hätte den falschen Weg von der Bushaltestelle aus eingeschlagen.

Als die beiden Lebenspartner aufwachten, war das Mittagsläuten schon lange verklungen. Cihad blickte über seinen Kaffee hinweg seinen Gatten an. „Meinst du, wir tun das Richtige?“

„Schatz, wir haben Christopher bisher nur ein Angebot gemacht, das muss er erst einmal annehmen.“ Der Beamte griff sich den Süßstoff. „Wenn er es annimmt, dann sehen wir weiter, aber das sind die Probleme von morgen, nicht die von heute! Er hat heute Nacht zwar Ja gesagt, aber wer weiß, ob er nicht in letzter Sekunde noch einen Rückzieher macht?“

„Ich an seiner Stelle? Ich würde nicht zögern! Ich war ja in der gleichen Situation!“

„Schatz, das stimmt nicht so ganz!“ Der Beamte setzte die Tasse ab.

Cihad schaute etwas verwundert. „Wie meinst du das denn jetzt?“

„Du lagst im Straßengraben und hattest – mehr oder minder – mit dem Leben schon abgeschlossen, du konntest also keine freie Entscheidung mehr treffen, ob du mitkommen wolltest oder nicht. Ich habe dich einfach mitgenommen und …“

„… mir dadurch mein Leben gerettet!“ Der Berber lächelte dankbar.

„Stimmt, aber als ich dich aufgelesen hatte, hattest du immer nur ‚Rob‘ gerufen, immer wieder. Ich dachte zuerst, du wärst Opfer eines Überfalls geworden, aber dann?“ Matthias blickte seinen Gatten intensiv an. „Als uns die Ärzte nicht helfen wollten, ich habe in deiner Brieftasche das Bild dieses Surfers entdeckt und die Widmung: ‚With luv – Rob‘. Tja, da wusste ich Bescheid!“

„Und was hättest du gemacht, wenn auf dem Bild eine Frau gewesen wäre?“

„Wohl genau das gleiche, was ich getan habe, aber nur …“ Der Brillenträger grinste den Studenten frech an. „… dann hätte ich dich wohl nicht mit nach Deutschland genommen und hätte auch nicht die beste Entscheidung meines Lebens getroffen, nämlich ja zu dir zu sagen.“

„Du! Ich liebe dich! Hab ich das heute schon gesagt?“

„Nein, aber das höre ich immer wieder gerne!“ Matthias trank einen Schluck. „Aber wir sollten jetzt etwas aufräumen und wir müssen noch einkaufen.“

„Wann musst du eigentlich los?“ Der Berber biss in seinen Toast.

„Laut Einladung fängt der Spaß schon um drei an, mit einer Schulbesichtigung und anschließendem Kaffeetrinken, danach geht es ins Kurhaus zur Zeugnisübergabe für den diesjährigen Abiturjahrgang. Die eigentliche Veranstaltung fängt erst gegen sieben an.“ Matthias lachte. „Es reicht vollkommen, wenn ich um 19:15 Uhr da aufschlage!“

„Und was machen wir bis dahin?“

Der Controller leckte sich lasziv die Lippen. „Wir könnten mal wieder durch die Wüste reiten!“

„Du auf mir oder ich auf dir?“ Cihad klimperte mit den Wimpern.

„Wir auf uns, aber …“ Der Beamte zog die Schultern zusammen. „… dann müsstest du den Einkauf wohl komplett alleine machen.“

„Damit hätte ich kein Problem, die Läden haben ja eh bis zehn auf.“

Bevor jedoch die gegenseitigen Wüstenexpeditionen unternommen werden konnten, musste erst einmal die ganz profane Hausarbeit erledigt werden. Cihad saugte Staub und schwang den Feudel, Matthias kümmerte sich derweil um die Spülmaschine, den Müll und das Altpapier. Die Grünabfälle, die sein Gatte am Vortag produziert hatte, mussten ja auch noch zur Kippe gebracht werden. Auf dem Rückweg fuhr er zur Aral-Tankstelle, sein drei Jahre alter Opel Astra Caravan hatte Durst und musste – nach vier Wochen – auch mal wieder gewaschen werden.
Dort deckte sich der Beamte auch mit zwei Zigarren und einer Packung Davidoff ein. Die Zigaretten brauchte er, der Gelegenheitsraucher, falls er mehr als zwei Bier trinken würde, denn dann würde ihn die Sucht nach Nikotin – wieder einmal – übermannen; er kannte sich ja. Und die Zigarren waren für den Fall, dass Thomas Goldmann am heutigen Abend auftauchen würde, das alte Ritual von damals sollte wiederholt werden.
Acht der 98 Abiturienten des Jahrgangs waren dem eigenen Geschlecht zugeneigt, aber nur zwei, nämlich Thomas und er, zeigten diese Veranlagung auch öffentlich. Auf dem Abiball, der damals noch nicht so vornehm ablief wie heute, tauschten sie, nach dem Entzünden, die obligatorischen Zigarren, um dann öffentlich am Inhalationsgerät des jeweils anderen zu nuckeln.

Cihad schüttete den Inhalt des Wischeimers in den Gulli, alle wischbaren Böden des Hauses waren gereinigt, mussten nur noch trocknen. Auch wenn die Haustür sperrangelweit offen stand, die Fliesen im Flur schimmerten noch Nass. Sein Weg führte ihn daher durch den Garten. Der Poolbereich bedurfte zwar keiner großartigen Reinigung, die Spuren der Rasur hatten sie direkt im Anschluss daran beseitigt, aber die gebrauchten Gläser mussten noch abgeräumt werden.
Er rückte gerade die Liegen wieder in ihre ursprüngliche Position, da entdeckte er unter einer der Ganzkörperablagen ein ledernes Behältnis. Er griff nach dem schwarzen Etwas, für ein Portemonnaie war es eindeutig zu dünn und es gehörte weder Matthias noch ihm, also konnte nur Christopher der Eigentümer sein. Er überlegte: Das Mäppchen musste dem angehenden Studenten wohl beim etwas überhasteten Ausziehen aus der Tasche gerutscht und so unter die Liege gekommen sein.

Neugier übermannte ihn. Der Student öffnete das Teil, es war eine Art Sammelstelle für Scheckkarten und ähnliche Ausweispapiere. Im obersten Fach sah er den Führerschein. Da er einen Faible für amtliche Bilder hatte, betrachtete er das wenig schmeichelhafte Konterfei des Jünglings, der gestern zum Mann wurde. Christopher Alexander Frankenberg.
Mit Schrecken fiel ihm auf, er hatte gar keine Nummer des potenziellen Hausgenossen. Man hatte es schlicht und einfach vergessen, die Erreichbarkeiten auszutauschen. Aber wozu gibt es Internet und Suchmaschinen? Auf Facebook brauchte er keine Minute und das Profil des Noch-Dresdeners war auf dem Monitor zu sehen. Er schickte ihm eine Nachricht mit seiner Telefonnummer und der Bitte um dringenden Rückruf.
Aber Cihad ging mit seinen Suchüberlegungen noch einen Schritt weiter: Wenn Christopher hier seine Großeltern besuchte, dann war die Wahrscheinlichkeit mehr als gegeben, dass diese auch Frankenberg hießen. So viele Träger dieses Namens dürfte es im Städtchen ja nicht geben, also rief er noch das elektronische Telefonbuch auf und fand vier Einträge. Die erste Nummer war besetzt, bei der zweiten nahm niemand ab. Der dritte Eintrag hatte den Zusatz Steuerberater, dort dürfte samstags wohl niemand sein, also tippte er die vierte Nummer. Es läutete.

„Frankenberg.“ Die Stimme am am anderen Ende der Leitung klang etwas brüchig.

Cihad erschrak, hatte er doch vergessen, sich eine passende Geschichte als Grund seines Anrufes einfallen zu lassen. „Äh, Cihad Benlimane-Richard hier. Entschuldigen Sie die Störung, aber ich suche einen Christopher Frankenberg.“

„Christopher? Einen Christopher gibt es hier nicht.“ Man merkte, die Dame überlegte. „Was wollen Sie denn?“

„Ich habe Papiere gefunden: Führerschein, Personalausweis.“ Diese Aussage entsprach ja auch der Wahrheit. „Dann entschuldigen Sie bitte die Störung und schönen Tag noch, Frau Frankenberg.“

„Moment, junger Mann, vielleicht kann ich ihnen ja doch helfen.“ Der Hörer wanderte von einem Ohr zum anderen. „Den einzigen Christopher Frankenberg, den ich kenne, ist der Enkel meines Schwagers, aber der wohnt in Dresden äh … also Christopher, nicht mein Schwager, der wohnt hier.“

„Dann ist er es! Laut Personalausweis wohnt … Moment!“ Er griff sich das amtliche Dokument. „Laut Perso wohnt Christopher Alexander Frankenberg in der Stübelallee.“ Cihad nannte sogar den Namen des Gymnasiums, denn den Schülerausweis des potenziellen Mitbewohners hatte er ebenfalls in den Unterlagen gefunden.

„Dann ist es mein Großneffe!“ Sie atmete tief durch. „Sie müssen entschuldigen, dass ich erst etwas vorsichtig war, aber man hört in letzter Zeit wieder so oft von diesen Anrufen, in denen betagte Senioren Geld für in Not geratene Enkel an Fremde geben sollen.“

„Stimmt!“ Der Sohn der Wüste grinste. „Hätten sie vielleicht die Nummer für mich?“

„Aber gewiss doch! Moment, ich muss nachschauen, mein Zahlengedächtnis ist nicht mehr ganz so gut wie früher.“ Die Dame kicherte. „Aber ich finde es nett, dass sie anrufen: Mir ist vor fünf Jahren mal die Handtasche geklaut worden, mit allen Papieren, als wir mit dem Kirchenchor in Berlin waren. Können Sie sich das vorstellen? Das Geld war mir ja nicht so wichtig, aber was meinen sie, was das für eine Lauferei war, ehe ich alle Unterlagen wieder zusammen hatte. … Ah, da habe ich sie! … Haben sie was zum Schreiben?“

„Aber gewiss doch.“ Er notierte die Nummer, die er nicht auf der Liste fand. Wie sich später herausstellte, war es der Privatanschluss des Steuerberaters, der nicht öffentlich zugänglich war und der nicht weit entfernt wohnte, die Straße kannte Cihad sogar. Man verabschiedete sich freundlich und Cihad tippte schon die Ziffern, aber er hielt plötzlich inne. Falls Opa Frankenberg auch so intensiv nachfragen würde, müsste seine Geschichte durchdachter sein. Die Dame eben hatte ihm – mehr oder minder – ja die Vorlage geliefert. Aber Moment! Laut Absprache war Chris ja mit dem Bus unterwegs gewesen, da kann man auch seine Papiere verlieren. Er wählte.

„Frankenberg!“ Die Stimme klang fest.

Der Deutsch-Marokkaner musste dennoch kurz schlucken. „Guten Tag, Herr Frankenberg. Cihad Benlimane-Richard, ich müsste mal ihren Enkel Christopher sprechen.“

„Meinen Enkel? Was wollen sie von dem?“

„Ich habe im Bus sein Lederetui mit seinen Papieren gefunden, also Personalausweis, Führerschein und so. Leider fand ich keine Handynummer, sonst hätte ich da angerufen.“ Der Student holte Luft. „Und ehe ich in Dresden anrufe, dachte ich, ich rufe erst mal hier alle Frankenbergs an, die im Telefonbuch stehen, und frage, ob er hier zu Besuch ist.“

„Der Junge hat seinen Kopf auch nur noch zum Haareschneiden!“ Ein Grummeln war zu hören. „Er hat noch gar nicht gesagt, dass er was verloren hat! Aber wahrscheinlich hat er das selbst noch gar nicht bemerkt: Er ist … irgendwie … durch den Wind.“

Cihad konnte sich vorstellen, woran das lag. „Soll ich vorbeikommen und ihm das Teil bringen?“

„Bitte?“ Sein Gegenüber schien verwundert. „Nee, das lassen sie mal besser! Der Junge muss endlich lernen, was es heißt, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Wenn sie jetzt das Teil bringen, wird er meinen, man muss nicht auf seine Sachen aufpassen, es gibt ja andere, die mitdenken. Er war heute Morgen in Münster und ist jetzt mit seinem Vater unterwegs, die beiden wollten erst etwas Einkaufen und dann meine Frau im Krankenhaus besuchen.“

„Mir soll das egal sein, ich hab eh noch einiges für die Uni zu erledigen.“

„Jeder muss mal seinen Gang nach Canossa antreten!“ War das Schadenfreude in seiner Stimme? „Der Junge wollte heute Abend zwar wieder ins Kino, aber erst schicke ich ihn bei ihnen vorbei. Darf ich um ihre Adresse bitten?“ Man tauschte die notwendigen Informationen aus und legte dann auf.

Aus dem geplanten Ausritt in die Wüste wurde dann aber doch nichts. Kaum hatte Matthias seinen Liebsten in die Arme geschlungen, als er wieder im Hause war, ihn schon halb ausgezogen, als das Telefon klingelte. Margit Richard, Matthias‘ Mutter (die Genitive mit „von“ gebildet finde ich furchtbar), war am anderen Ende der Leitung. „Schatz! Gehst du bitte bei uns vorbei und holst die Notfalltaschen deiner Großmutter?“

„Was ist passiert?“ Der Beamte stöhnte.

„Ich bin gerade im Luisen-Krankenhaus, deine Oma hat einen Oberschenkelhalsbruch!“

Der Brillenträger fuhr sich durch die Haare. „Wie hat sie das denn wieder geschafft?“

„Frag mich bitte was Leichteres, ich kann es dir auch nicht sagen.“ Ein Schluchzen war zu hören. „Wir haben Kaffee getrunken, ich bin dann nach unten in den Keller an die Waschmaschine, sie saß da noch am Esszimmertisch und hat Zeitung gelesen. Sie muss sich dann wohl abgestoßen haben, ist mit dem Rollstuhl ins Wohnzimmer gerollt, wollte wohl aufs Sofa. Scheinbar hat sie die Bremsen nicht arretiert, jedenfalls … sie lag unter dem Wohnzimmertisch, als ich sie gefunden habe.“

„Mama! Alles klar, ich bin gleich bei dir.“ Er legte auf.

Cihad blickte ihn fragend an. „Was ist los?“

Die spärlichen Informationen waren schnell ausgetauscht. Matthias machte sich auf den Weg zu seinem Elternhaus, das keine 25 Meter entfernt lag. In dem Zweifamilienhaus hatte er als Kind mit seinen Eltern im Erdgeschoss gewohnt, während seine Großeltern in der ersten Etage ihre Unterkunft gefunden hatten. Sein Vater war Jugendpfarrer des Kirchenkreises gewesen, eine eigene Gemeinde hatte er nie gehabt, somit hatte man auch nicht in einem Pfarrhaus gewohnt, sondern privat.
Matthias ging in sein altes Zimmer, mittlerweile stand dort ein Krankenbett, in dem seine fast 90 jährige Großmutter sonst schlief. Er suchte nach der – immer gepackten – Notfalltasche. Seine Oma, die weit später Witwe geworden war als seine Mutter, hatte immer auf ihre eigene Wohnung und ihr eigenes Leben bestanden, sie wollte für sich selbst sorgen und niemandem zur Last fallen. Zwar nahmen die beiden Frauen seit Jahren schon ihre Mahlzeiten gemeinsam ein, aber sie führten dennoch ihr eigenes Leben.
Diese Eigenständigkeit hatte vor knapp einem Jahr geendet, als die Kniegelenke der betagten Seniorin nicht mehr mitmachen wollten. Treppensteigen ging nicht mehr, das Alter forderte seinen Tribut. Oma war in den Rollstuhl gekommen und, sehr gegen ihren Willen, ins Erdgeschoss gezogen, in sein altes Zimmer. Matthias, nach der Renovierung seines eigenen Hauses mittlerweile erprobt, hatte dann mit dem Umbau seines Elternhauses begonnen: Zuerst war das Erdgeschoss seniorengerecht umgebaut worden, dann die Wohnung in der ersten Etage gefolgt, die jetzt endlich vermietet werden konnte.

Matthias fand seine Mutter im Wartebereich vor dem OP, der wirklich nicht einladend aussah. Die sonst so agile Witwe wirkte mitgenommen. Die Frage, ob er bleiben sollte, wurde aber verneint. „Du hast gleich Klassentreffen! Es reicht, wenn meine Mutter, was deine Großmutter ist, einem von uns das Abendprogramm versaut! Ich wollte eigentlich zu Marlene, die gibt heute eine Tupperparty, Tante Marianne wollte auf Oma aufpassen. Weißt du, um was sie mich bat, als wir zusammen mit dem Krankenwagen hergefahren sind?“

„Bis jetzt noch nicht, aber ich bin mir sicher, du wirst es mir gleich erzählen!“

Die Witwe verzog ihr Gesicht. „Sie wollte nur aufs Sofa, um sich diesen Reisebericht aus Ostpreußen anzuschauen! Sie will im nächsten Jahr unbedingt nach Königsberg in ihre alte Heimat! Dann bettelte sie mich mehr oder minder noch an, ich solle sie wegen des kleinen Unfalls ja nicht ins Altersheim geben, da würde sie nur vor die Hunde gehen.“

„Als ob das könntest!?“

Matthias blieb dann aber doch noch so lange im Krankenhaus, bis die Schwägerin seiner Großmutter, besagte Tante Marianne, auftauchte. Für den Rücktransport seiner Mutter war also gesorgt, er konnte ohne große Gewissensbisse von dannen ziehen. Wieder in heimischen Gefilden berichtete er seinem Liebsten die Neuigkeiten, musste sich dann aber doch beeilen, um nicht zu spät „zu spät“ zu seinem Treffen zu kommen, denn auch ein verspätetes Erscheinen will vorbereitet sein.

Als der Beamte gegen 19:10 Uhr das Taxi verließ, stieß er noch auf dem Parkplatz auf Florian Geißler, der gerade dabei war, seinen Wagen abzuschließen. Man begrüßte sich herzlich, umarmte sich sogar. Florian, Mister Death genannt, hatte genau wie der Brillenträger nicht viele Freunde in der Stufe gehabt, allerdings nicht wegen seiner sexuellen Orientierung, sondern eher wegen des Berufes seines Vaters, der in dritter Generation ein Bestattungsunternehmen geführt hatte.

Sie hatten sich gerade in Bewegung gesetzt, als ihre Namen gerufen wurden. Die Stimmen gehörten Gunnar und Heiko Grundenhagen. Mit einem der Zwillinge hatte Matthias gemeinsam Mathe-Leistung, der andere war sein Nachbar im Geschi LK gewesen. Gunnar, der fünf Minuten ältere des zweieiigen Duos, war ebenfalls bei der Stadt und stellvertretender Leiter des Wahlamtes, der jüngere und mittlerweile ergraute Heiko hatte Informatik studiert und ist heute Chef eines Systemhauses in Dortmund.

Zu viert machten sie sich auf, denn das eigentliche Treffen fand auf der kleinen Terrasse des alteingesessenen Ausflugslokals „Zur Schleuse“ statt. Vom Namen her hätte man – ohne Weiteres – auf gutbürgerliche Küche schließen können, aber der Herr der Töpfe und Pfannen war ein Chinese, der wie jeden Abend seine zahlreichen Gäste mit einem üppigen Buffet erfreute. Erfreulich war auch der Preis dieses All-You-Can-Eat-Erlebnisses, keine 15 Euronen.
Als sie das zu diesem Zweck abgesperrte Areal betraten, okkupierten die vier Männer sofort den nächsten freien Stehbiertisch, denn vor dem Essen sollte es, glaubte man dem Programm, einen kleinen Umtrunk geben. Der städtische Beamte blickte sich um, es waren zu diesem Zeitpunkt maximal 30 Personen anwesend; von Michael Waldmann, dem Organisator des Treffens, war weit und breit nichts zu sehen.
Plötzlich ertönte ein Pfiff. Alle Augen richteten sich auf Johannes Schulte, den ehemaligen Stufensprecher, der in der Mitte des Platzes stand und ein Bierglas in Händen hielt. „Leute! Ich habe hier und heute zwar keine offizielle Aufgabe, aber ich habe Hunger! Also: Hiermit eröffne ich unser Treffen. Ich wünsche uns viel Spaß, gute Gespräche und – vor allen Dingen – einen guten Appetit.“

Applaus war zu hören, die Spiele konnten also beginnen. Die Vierergruppe hatte längst Verstärkung bekommen, Klaus Prömpers, Kriminalhauptkommissar und Leiter der hiesigen Drogenfahndung, Berthold Brachtbäcker, Abteilungsleiter bei der örtlichen Agentur für Arbeit, und Gunnar van Haaren, Braumeister des örtlichen Gerstensaftproduzenten, waren zu ihnen gestoßen. Einzig weibliches Wesen am Tisch war Anja Grundhaus, eine der Moderatorinnen des lokalen Radiosenders. Gesprächsthema war, wie nicht anders zu erwarten, die Verhaftungen in der Verwaltungsspitze, wobei der Fokus des Interesses eindeutig bei Holger Heinken, dem beurlaubten Leiter der Stadtkasse, lag. Die Machenschaften von Dorothea Piepenkötter schienen schon wieder vergessen zu sein.

Als Frank Weinski in die Runde trat, musste Matthias schlucken, alte Erinnerungen kamen in ihm hoch. Mit Frank, dessen Eltern sich Mitte der siebziger Jahre ihrer deutschen Wurzeln erinnert hatten und, mit Sack und Pack und Großmutter, aus Glatz hierher übersiedelten, hatte er nicht nur die Schulbank, sondern auch ab und an das Bett geteilt. Es war keine Affäre gewesen, die die beiden verbunden hatte, es waren eher episodenhafte Spielereien Jugendlicher gewesen, die mit dem Abitur abrupt geendet hatten; man verlor sich aus den Augen.
Wiedergetroffen hatte man sich nach knapp zehn Jahren, als Frank, mittlerweile Ergotherapeut am Josefs-Krankenhaus, ins Haus gekommen war, um sich um Matthias‘ Großvater zu kümmern, der nach einer Wirbelsäulenoperation kurzzeitig im Rollstuhl gesessen hatte. Man hatte sich ab und an in der Stadt gesehen oder war sich beim Einkaufen über den Weg gelaufen, der dunkelblonde Recke war inzwischen Vater zweier Kinder.
Der städtische Beamte klopfte dem Neuankömmling auf die Schulter. „Weini! Halt mir bitte meinen Stehplatz frei, ich muss erst einmal Kaffee wegbringen!“

Der Brillenträger hatte gerade ausgepackt und ließ es laufen, als ihn von hinten zwei Arme umschlangen und sich eine Brust an seinen Rücken presste. Der Beamte erschrak, drehte seinen Kopf: Der Feuerwehrmann, der seinen Schlauch hielt, war kein anderer als Elmar. Seine Augenbrauen gingen nach oben. „Elmar! Was soll das?“

„Mann! Ist das geil!“ Der Banker leckte sich seine Lippen.

„Elmar! Ich glaub‘, du spinnst! Was ist, wenn jetzt jemand reinkommt?“

„Na und?“ Der Dunkelhaarige zuckte mit den Schultern. „Die sind alle eh noch mit der Begrüßung beschäftigt! Wir haben also Zeit!“

Der Brillenträger schüttelte verzweifelt den Kopf. „Aber das ist die normale Toilette hier, für das ganze Restaurant.“ Er drehte sich wieder um. „Und, falls du es nicht bemerkt haben solltest, aber ich bin fertig! Du darfst jetzt abschlackern!“

„Gerne! Wie hab ich mich auf deinen Schwanz gefreut!“ Eine Zunge fuhr seinen Nacken entlang.

„Ist ja gut!“ Der Beamte war immer noch umklammert. „Willst Du ihn einpacken oder darf ich das jetzt selbst erledigen?“

„Das mache ich doch gerne!“ Mit etlichen Streicheleinheiten versehen wanderte der Griffel des Beamten wieder in die schützende Stoffhülle, selbst der Reißverschluss der Hose wurde hochgezogen. „Allein dafür hat sich die Fahrt gelohnt!“

Matthias drehte sich um und blickte in die braunen Augen seines Gegenübers. „Elmar! Was soll das?“

„Ich bin halt rattig! Aber, da ich gerade deinen Schwanz halten durfte, glaube ich, dass du nicht mehr mit diesem Jonas zusammen bist.“ Er gluckste.

„Der Jonas hieß Jens und nein, ich bin nicht mehr mit ihm zusammen.“ Er spürte, wie er noch näher an den Körper des Bankmenschen herangezogen wurde.

„Dann können wir gleich …“ Erwartungsvolle Augen blickten ihn an.

Matthias schüttelte sich. „Es gibt zwar keinen eifersüchtigen Jens Mayerling in meinem Leben mehr, aber ich bin auch kein Single! Ich … ich habe einen Partner!“

Freude verwandelte sich spontan in Schrecken. „Wie?“

„Elmar! Ich bin glücklich verpartnert!“ Matthias unternahm einen Befreiungsversuch.

Der Satz wirkte wohl schockierend. „Wie? Du … du … hast … nie was gesagt!“

„Elmar! Ich bitte dich! Du hast nach dem letzten Treffen, bei dem wir mal nicht miteinander im Bett gelandet sind, …“ Matthias blickte sein Gegenüber ernst an. „… da hast du noch nicht einmal meine Weihnachtsmail beantwortet! Wieso sollte ich dir dann so etwas sagen?“

Der Banker aus der sächsischen Landeshauptstadt rang nach Atem. „Ähm, ja … nun … äh …“

„Aber ich verzeihe dir!“ Ein Grinsen umspielte seine Lippen. „Und mein Schatz ist vollkommen anders als Jens, denn … naja … wir spielen auch mal zu dritt!“

„Ihr macht was?“ Die Augen des Bankers wurden größer.

Matthias zuckte mit den Schultern. „Dreier, Vierer … wir haben halt Spaß am Sex.“

„Das glaube ich jetzt nicht.“

„Ist doch nichts dabei! Wir leben halt offen unsere Sexualität aus.“

„Und? Wer ist dein Partner?“

Normalerweise wäre das jetzt der Zeitpunkt, an dem man das Portemonnaie herausholte und die Passfotos seiner Familie voller Stolz präsentierte, aber Matthias griff nur in seine Hosentasche und zückte sein Handy. Nach einigen Tastendrücken hielt er seinem Konabiturienten das Display entgegen. „Hier! Das ist Cihad, mein Mann!“

„Wow! Echt jetzt?“ Die Zunge des Bankers hatte den Mund erneut verlassen. „Der sieht … etwas jung aus, aber … göttlich! Allein dieser Körper! Man kann echt neidisch werden! Wenn ich dagegen meine Alte sehe, könnte ich …“ Er zappte sich wohl durch den ganzen Ordner. „Wie alt ist er? Wo und wie hast du ihn kennengelernt?“

„Heute ist er 22 alt, studiert Arabistik in Münster. Gefunden habe ich ihn vor drei Jahren in einem Straßengraben in Marokko, nachdem er von seiner Familie wegen seiner Homosexualität fast zu Tode geprügelt worden war.“ Matthias griff wieder nach seinem mobilen Kommunikationsgerät.

„So etwas gehört verboten!“ War da Entrüstung zu hören?

„Du sagst es!“

„Und der würde … echt … einen Dreier …“

„Wenn du ihm gefällst?“ Matthias zuckte mit den Schultern und schubste seinen ehemaligen Mitschüler in eine der Kabinen. Er drückte ein paar Tasten, hatte den Fotomodus aktiviert. „Bitte recht freundlich!“ Nach zwei Gesichtsaufnahmen senkte der Beamte das Kommunikationsgerät aus dem Hause Ericsson. „Und jetzt zeig mal, was du so zu bieten hast.“

„Wie jetzt? Willst Du etwa …“

„Mein Schatz will halt erst die Schwänze erst sehen, die ihn später …“

Als ob jemand den Knopf einer Fernbedienung gedrückt hätte, nestelte der Mann aus Dresden an seiner Hose, ließ sie auf seine Knie sinken, der weiße Feinripp wurde ebenfalls gleich mit nach unten befördert. Elmar legte wohl nicht viel Wert auf sein Äußeres, der Wildwuchs um seinen Stamm herum war eine Zumutung für jeden Ästheten. Drei oder vier Griffe, dann war sein Verkehrsgerät einsatzbereit. Zwei oder drei Aufnahmen erfolgten.
Dann drehte sich der Bauernsohn um, stützte sich erst an der Wand ab, um dann etwas tiefer zu gehen, er streckte sein ansehnliches Hinterteil dem Mann hinter ihm entgegen; Matthias musste einige Schritte zurückgehen, um das Bild in Gänze einzufangen. Dann umfasste der Banker seine Backen, zog sie langsam auseinander, legte so den Anblick auf seinen Eingang, der eigentlich ein Ausgang war, frei. „Hast du jetzt alles?“ Elmar atmete heftig. „Ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber ich will nicht nur deinen Schwanz in meinem Arsch haben, seinen auch!“

Matthias lachte. „Du scheinst es ja echt nötig zu haben!“

„Was meinst du denn? Meine Alte kontrolliert mich bis zum Gehtnichtmehr, jetzt habe ich endlich ein Wochenende frei! Ich will also meinen Spaß!“

„Den sollst du auch kriegen!“

„Wann fahren wir zu dir? Können wir nicht schon jetzt?“

So notgeil kann doch kein Mensch sein! „Lass uns erst mal essen und mit den Leuten quatschen. Vor Mitternacht erwartet mein Engel mich nicht zurück.“

„Und wann erfahre ich, ob er … ob er mit mir?“

„Ich schicke ihm gleich die Bilder, dann werden wir seine Antwort ja erfahren.“

Man verließ gemeinsam die Wasserspiele, dann aber trennten sich die Wege, Elmar musste wohl sein Renommee wahren. Die Runde um den Stehbiertisch hatte sich in der Zwischenzeit vergrößert, Klaus Spengler, Busunternehmer, und Gaby Kreist, Hausfrau und vierfache Mutter, waren dazugekommen. Frank Weinski grinste über beide Backen. „Matze! Sag mal: Hast Du in der Zwischenzeit auf dem Klo eine Nummer geschoben? Du warst ja Ewigkeiten weg!“

„Weini! Mein Gatte wartet zuhause auf mich, wieso sollte ich mich hier auf dem Klo vergnügen? Erstens mag ich es bequem und zweitens heiße ich nicht Stefan Kurze-Hennental!“ Matthias grinste und spielte damit auf einen Vorfall auf der Studienfahrt seines Mathe-Leistungskurses an.
Diese Erholungsreisen vom Schulalltag hatten damals unter einem gewissen Motto stehen müssen, um bezuschusst zu werden, also hatte sein Kurs den italienischen Mathematiker Galileo Galilei für die Rundreise durch Italien gewählt. Man war, immer den Spuren des Genies folgend, gerade unterwegs gewesen, den Standort von Padua nach Pisa zu verlegen, als man einen Rasthof in der Nähe von Bologna zwecks Nahrungsaufnahme aufgesucht hatte. Stefan, wohl noch geschwächt von der letzten Nacht, hatte den Beginn der Pause wohl nicht ganz mitbekommen, statt mit den anderen am Tisch hatte er am Tresen seine Spaghetti Vongole zu sich nehmen müssen. Dafür war das Wesen, das neben ihm einen Espresso geschlürfte hatte, eine Augenweide gewesen: Minikleid, Anfang 20, knapp eins achtzig, lange, blonde Haare; kein Vergleich zu der eher vertrockneten Studiendirektorin Berghoff-Dahlheimer, der weiblichen Begleitperson der agilen Truppe.
Stefan, ganz Mann von Welt, hatte mit dem Baggern anscheinend Erfolg gehabt, denn er hatte seinen Daumen in die Höhe gereckt, als er sich mit dem blonden Wesen auf in Richtung der Toilettenanlage gemacht hatte. Das Siegeszeichen hatte aber nur Heiko Grundenhagen richtig mitbekommen, der dem Pärchen in sicherem Abstand, aber dafür mit einsatzbereiter Videokamera, gefolgt war. Die Aufnahmen, die man hinterher zu sehen bekommen hatte, hatte man zwar nicht gerade als künstlerisch wertvoll bezeichnen können, dazu waren sie zu verwackelt gewesen, aber sie hatten dennoch nicht ihre Wirkung verfehlt.
Im ersten Teil der Sequenz hatte man nur einen blonden Kopf vor und zurück gehen gesehen, Stefan hatte sich mit der Hose in den Knien an die Wand der Kabine gelehnt. Die linke Hand der am Boden knieenden Person hatte diese Aktion unterstützt, während deren rechte Finger unter ihrem Rock gespielt hatten. Nach vier oder fünf Minuten des Blasens hatte man sich verlagert, die Blonde hatte sich nun an der Wand abgestützt, das Röckchen gelupft und den gelben Tanga nach unten geschoben.
Stefan, nun ganz in seinem Element und längst jenseits von Gut und Böse, hatte mit seinem Teil erst auf dem recht knackigen Hinterteil gespielt, dann allerdings anscheinend sein Werk vollenden wollen. Er hatte das Wesen in die richtige Position dirigiert und seinen Prügel mit der Rechten wohl in das rechte Loch führen wollen, aber mit seiner Linken um die Hüfte herum gegriffen. Was dann geschehen war, war Slapstick pur gewesen! Er hatte inmitten seiner Bewegung gestoppt, sich scheinbar noch einmal vergewissern wollen, hatte sich dann panikartig umgedreht und enorme Schwierigkeiten gehabt, die Tür zu dem Verschlag wieder zu öffnen. In der letzten Einstellung des Videos hatte man sehen können, wie Stefan, immer noch mit heruntergelassen Hosen, in Richtung Toilettenausgang gelaufen war. Frau Berghoff-Dahlheimer war wirklich ‚not amused‘ gewesen, als er – immer noch derangiert – am Tisch vorbei in Richtung Bus gelaufen war.

„Weiß eigentlich jemand, was Stefan jetzt macht?“ Gaby Kreist wirkte besorgt.

Gunnar van Haaren zuckte mit den Schultern. „Als ich in Weihenstephan studiert habe, habe ich ihn mal kurz auf dem Oktoberfest gesehen: Er wollte mit seiner Truppe aus dem Zelt, ich mit meiner Gruppe hinein. Außer einem kurzen ‚Hallo‘ haben wir da kaum was gesprochen.“

„Wenn jemand was wissen könnte, dann müsste das doch Claudia Berger sein. Die haben doch früher nebeneinander gewohnt.“ Da sprach wohl der Kriminalist aus Klaus Prömpers.

Anja Grundhaus räusperte sich. „Die können wir leider nicht fragen, die ist jetzt Nonne in Sri Lanka.“

„Wie? Echt? Unsere allzeit bereite Claudia? Die ist jetzt im Auftrag des Herrn unterwegs?“ Berthold Brachtbäcker schien vom Glauben abzufallen. „Woher weißt du das?“

Die Radiomoderatorin lächelte verlegen. „Wir hatten doch vor einem halben Jahr mal eine Serie über Auswanderer, ihr Name stand auf der Liste. Aber es kam zu keinem Interview, denn wir haben sie einfach nicht ans Telefon bekommen.“

„Kann passieren, aber deshalb sollten wir jetzt nicht verhungern!“ Florian Geißler war schon immer praktisch veranlagt gewesen. „Lasst uns das Buffet stürmen, denn ein leerer Magen …“

„… denkt nicht gern!“ Gunnar Grundenhagen konnte immer schon gut vervollständigen.

Da Matthias nicht gerne im Stehen seine Nahrung zu sich nimmt, führte ihn sein Weg zu einem der vielen Bierbänke auf dem Areal. Ihm gegenüber saß Frank Weinski, der eher lustlos in seinem Essen herumstocherte. Der Beamte blickte seinen Freund aus Schulzeiten besorgt an. „Weini? Was ist los? Du wirkst so … abwesend.“

„Sorry, aber mir ist im Moment nicht so wirklich nach Feiern!“ Er ließ die Gabel fallen.

Der Beamte richtete seine Brille. „Was ist denn los?“

„Melanie und ich, wir … wir lassen uns scheiden. Ich stecke gerade in einem Rosenkrieg.“

Der Beamte stockte. „Wie jetzt? Scheidung? Ihr habt doch erst vor anderthalb Jahren geheiratet, nach immerhin 16 Jahren Probezeit. Und jetzt trennt ihr euch? Warum?“

„Gute Frage, die Nächste bitte!“ Der Mann mit den grünen Augen stöhnte. „Mein ehemaliger Chef, Professor Knackenger, wollte aus dem alten Josefs-Krankenhaus ja eine Fachklinik für Orthopädie machen und ich sollte der Leiter der Ergotherapie werden. Aber mit zwei unehelichen Kindern und in wilder Ehe in einem katholischen Haus? Vergiss es! Ohne Trauschein hätte ich den Job nie gekriegt.“

„Dann hast du nur wegen der Arbeit geheiratet?“

„Das war … einer der Gründe. Aber jetzt? Nachdem die Ursulinen uns im letzten Jahr gekauft haben? Ade Fachklinik! Ade neuer Rehabereich!“ Er zuckte kraftlos mit den Schultern. „Meine Abteilung wird wohl bald dichtgemacht werden, das Mutterhaus hat eine eigene Ergotherapie, erheblich größer und erheblich rentabler als unsere kleine Klitsche. Meinen Chefposten kann ich vergessen, meine Stelle wohl bald auch! Und Melanie? Sie will sich jetzt selbst verwirklichen! Sie meint, wir hätten uns schon vor mehr als zehn Jahren trennen sollen, dann würde es Sarah zwar nicht geben, aber ihretwegen wäre sie überhaupt noch bei mir geblieben und die Hochzeit wäre der größte Fehler ihres Lebens gewesen.“

„Nicht ihr Ernst jetzt, oder?“

„Doch!“ Er schob den Teller von sich. „Nach der Geburt von Sarah lief sowieso nicht mehr viel zwischen uns, schon gar nicht im Bett. Wenn es hochkommt, haben wir ab da maximal zweimal im Jahr miteinander geschlafen. Ich bin dann ab und an ins Pornokino, zu Nutten wollte ich nicht.“

„Du hättest damals dabei bleiben soll!“ Der Brillenträger versuchte ein Grinsen.

„Matthias! Ich wollte immer Kinder und Melanie? Melanie wollte … sie wollte ja auch.“ Er trank einen Schluck. „Es war einfach … perfekt: Sie, ich, die Kinder, eine kleine Familie. Und wie hätte ich meiner Oma bitteschön einen schwulen Enkel erklären sollen?“

„So, wie ich es auch tat, nämlich mit Worten. Und Frank! Du bist bi, also … von daher …“ Der Beamte zog die Augenbrauen hoch. „… hätte sie es überlebt, ihre Enkel hatte sie ja schon.“

„Scherzkeks!“ Er verdrehte die Augen. „Aber es war alles so einfach, so gewohnt, du … du warst einfach in diesem Rhythmus drinnen, ich weiß auch nicht, wie ich das nennen soll: Der Mensch ist halt doch ein Gewohnheitstier!“

„Also lieber den Anschein wahren, als seine wahre Person ausleben?“

„Das kannst du leicht sagen, du … du warst ja immer … anders! Versteh mich bitte jetzt nicht falsch, aber ich habe dich damals bewundert, du … du hast alles immer so leicht genommen, dir konnte niemand etwas anhaben. Als Thomas und du … als ihr euch geoutet habt … und dann auch noch als Paar auf der Stufenfete erschienen seid? Ich hätte heulen können! Den Mut hätte ich nie gehabt.“

„Weini! Ich verrate dir jetzt einmal ein Geheimnis!“ Matthias wischte sich den Mund ab. „Thomas und ich waren nie ein Paar, nicht für eine einzige Minute! Das, was uns miteinander verbindet, ist der offene Umgang mit unserer Homosexualität.“

„Wie jetzt?“ Erstaunen lag in den grünen Augen.

„Ihr wolltet uns als Paar sehen, also haben wir euch das Paar gezeigt. Es war nur Spaß! Wir wussten von Anfang an, dass aus uns nie etwas Festes wird, dafür sind und waren wir zu verschieden!“

„Wie meinst du das denn jetzt?“

„So, wie ich es gesagt habe! Nach dem Vorfall mit Elisabeth, als wir alle damals zum Test mussten, da …“ Matthias spielte nervös mit seiner Brille. „Thomas und ich … wir sind uns auf dem Gesundheitsamt über den Weg gelaufen, als wir uns die Ergebnisse abholen konnten. Ich hatte den Termin um halb und war zu früh und er …“

„… kam wie immer zu spät!“ Ein Lachen zeigte sich auf seinem Gesicht. „Typisch Thomas!“

„Du sagst es! Er hat auf mich gewartet, war wohl neugierig, ob ich nicht …“ Matthias musste schlucken. „Wir sind dann ins Kaffee Schulte, haben mit Sekt unseren Sieg gefeiert. Das Wochenende drauf haben wir uns im Ferienhaus seiner Eltern so richtig die Kante gegeben und uns ausgekotzt: erst ins Klo, später auch verbal.“

„Ihr hättet ja auch was sagen können!“ Eine gewisse Gereiztheit lag in seiner Stimme. „Ich wäre gern mitgekommen, denn Elli hat dich, Thomas und mich als potenzielle Väter benannt und wollte uns ihr Kind unterjubeln, diese falsche Schlange!“

„Stimmt zwar, aber einen kleinen Unterschied gab es dann doch: Thomas und mir war die Sache damals schon mehr als peinlich, du aber … du hast dich damit gebrüstet, sie flachgelegt zu haben.“ Matthias blickte seinem Gegenüber direkt in die Augen. „Wenn ich mich recht erinnere, hast du Thomas den Schwanz sauber gemacht, nachdem er wieder aus ihr raus war …“

„… und du hast seine Wichse von ihrem Bauch geleckt!“

„Schuldig im Sinne der Anklage!“ Matthias strich sich durch die Haare. „Aber damals war ich noch in Thomas verschossen.“

„Nicht nur du! Unsere Blasaktion, während er mit ihr beschäftigt war, war besser als die gesamte Episode mit Elisabeth, aber … ich wollte mich beweisen, wollte der Mann sein, wollte Nachkommen zeugen. Ich verrate dir jetzt auch ein Geheimnis, aber … das bleibt bitte unter uns!“

„Ich höre!“

„Melanie hat mir immer einen Dildo in den Arsch schieben müssen, sonst wäre meiner nie richtig hart geworden, wenn wir …“ Er lachte kurz auf. „Aber, wenn du in Thomas verschossen warst, wieso ist dann nichts aus euch geworden. Ihr habt doch das Wochenende zusammen verbracht?“

„Frank, der Vorfall mit Elli war auf der Klassenfahrt in der 10, nach der Stadtrallye in Ingolstadt. Zum Gesundheitsamt mussten wir erst knapp ein Jahr später, als das Kind auf der Welt war! In der Zeit ist viel passiert, mein Vater starb, meine Mutter lag mit Hirnhautentzündung im Krankenhaus, …“ Der Brillenträger fuhr sich durch die Haare. „Hast du dich mal gefragt, warum Elli sich ausgerechnet uns, die drei nicht so beliebten Freaks der Klasse, als potenzielle Väter ausgesucht hat?“

„Weil sie einen Dummen suchte!“ Die Antwort klang mehr als flapsig.

Der städtische Controller schüttelte den Kopf. „Nein, weil ihre Oma da noch lebte.“

„Du willst mich doch jetzt nicht auf den Arm nehmen, oder?“

„Nein, Elli wuchs ja bei ihrer Oma auf, ihre Eltern starben bei einem Autounfall, das war 72 oder so. Der alten Lüdenberg gehörte die Gärtnerei oben bei uns im Dorf und Elli sollte den Familienbetrieb eigentlich übernehmen, aber sie wurde schwanger, Vater angeblich unbekannt.“ Matthias steckte sich eine Zigarette an. „Oma Lüdenberg, die müsste damals so um die 70 gewesen sein, war aber katholischer als der Papst und will wissen, wer denn da mit ihrer Enkelin im Bett war. Der Kerl soll das Mädchen heiraten, sie so wieder zur ehrbaren Frau machen.“

„Mag ja sein, aber …“ Frank trank einen Schluck.

„Nichts aber! Denk doch mal nach: Ich bin evangelisch, mein alter Herr war Pfarrer, ich scheide also aus. Thomas ist Jude, darüber brauchen wir gar nicht erst drüber zu reden.“ Er aschte ab. „Du bist zwar katholisch, aber du kommst aus Polen, bist also auch nicht das Gelbe vom Ei.“

Der Ergotherapeut grübelte. „Du könntest recht haben.“

„Ich habe recht, denn: Kaum ist Oma Lüdenberg unter der Erde, heiratet die Enkelin plötzlich den Lehrling aus Italien und macht ihn zum Chef.“ Matthias lachte. „Gut, dass der den Laden später vor die Wand fährt und sie dann mit den Schulden sitzen lässt, ist Pech, aber …“

Frank hatte Fragezeichen in den Augen. „Warum hat sie ihn dann nicht gleich …“

„Weil man mit dem Personal nicht in die Betten steigt und sich schon gar nicht von ihm schwängern lassen sollte!“ Die Zigarette fand ihr Ende im Aschenbecher.

„Frauen sind echt Schlampen!“

„Deshalb kommt mir auch keine mehr auf den Hof! Ok, die leere Wohnung im Haus meiner Eltern würde ich zwar auch an ein weibliches Wesen vermieten, aber mehr?“ Matthias lachte breit. „Ich hab meinen Cihad und der reicht mir zum glücklich sein.“

„Was sagt eigentlich deine Mutter zu ihm?“

„Mama? Mama hat ihn regelrecht adoptiert, ist sogar stolz, dass wir verpartnert sind, denn dadurch wird ihr Bruder leer ausgehen, wenn ich mal nicht mehr sein werde.“ Der Beamte winkte nach der Bedienung, in seinem Glas herrschte gähnende Leere. „Und für Oma ist er der beste Urenkel: Er springt sofort, wenn sie ruft und, ich kann dir sagen, sie ruft oft.“

„Aber wie macht ihr … naja … du weißt schon … wenn ihr miteinander …“

Der Brillenträger blickte etwas verwundert. „Dumme Frage! Wir ziehen uns aus und legen los: Mal er in mir, mal ich in ihm, mal intim zu zweit, mal in der Gruppe. Wieso fragst du so doof?“

„Aber hast du nicht mal beim Einkaufen erzählt, dass du wieder zu deinen Eltern ziehen willst? Ist es da nicht schwer mit der Privatsphäre, wenn man …“

„Ach das meinst du!“ Der Beamte schüttelte grinsend den Kopf. „Meine Mutter wohnt 165, ich hab im letzten Jahr die 169 gekauft, war echt ein Schnäppchen, aber dafür war der Umbau umso teurer. Man kann uns also problemlos besuchen, sei es, um zu quatschen oder um mit uns zu spielen.“

„Zu spielen? Soll das jetzt eine Einladung sein?“ Frank bekam spitze Ohren.

„Frank! Du steckst mitten in deiner Scheidung, du kannst also Aufmunterung durchaus gebrauchen. Ob diese Hilfe nur rein kommunikativ abläuft oder ob auch noch andere Sinne mit ins Spiel kommen? Wer kann das heute schon sagen?“ Matthias grinste frech. „Außerdem müsste ich erst einmal Cihad fragen, ob er es mit uns beiden ‚alten Säcken‘ aufnimmt, denn mich gibt es nur noch im Doppelpack und wir beide müssen mit dem Dritten einverstanden sein.“

Der Ergotherapeut grinste kurz auf, erschrak dann aber. „Matze! Gefahr von links!“

Der Beamte blickte auf, Michael Fröschle war im Begriff, sich neben ihn zu setzen. „Mike, altes Haus! Heute schon Seelen vor dem Fegefeuer gerettet?“

„Ich kann mit deiner ja anfangen.“ Der beleibte Mann grinste, als er sich niederließ. „Das wäre zwar eine Mammutaufgabe, denn du scheinst ja echt unbelehrbar zu sein! Trägst die Regenbogenfahne an deinem Revers, öffentlich! Du solltest dich wirklich schämen …“

„Da scheint sich ja jemand auszukennen!“ Frank gluckste.

Der dickliche Mann hob mahnend den Finger. „Man muss seine Feinde erkennen können, immer und überall. Ach Frank, ich habe gerade gehört, du hast endlich geheiratet? Gratulation, du bist auf dem richtigen Weg. Falls ihr kirchlich noch nicht geheiratet habt, ich habe einen guten Draht zur Pfarrei St. Martin. Wenn du willst, kann ich euch trauen … und auch deine Kinder taufen. Deine Frau ist doch katholisch, oder?“

„Lass mal besser!“ Der Ergotherapeut winkte ab.

Michael stutzte. „Wie? Ihr seid schon vor Gott getreten?“

„Nein, und wir werden es auch nicht! Wenn du es genau wissen willst: Wir treten bald vor den Scheidungsrichter, damit der der Farce von Ehe endlich ein Ende macht!“ Frank funkelte ihn an. „Und wenn du uns jetzt entschuldigen würdest, wäre ich dir mehr als dankbar! Ich ziehe nämlich zu Matthias und wir müssen noch einige Formalitäten wegen … wegen des Mietvertrages klären.“

Der dickliche Mann erhob sich, blickte Frank mitleidig an. „Ich werde für deine Seele beten, denn du begibst dich selbst in Versuchung, wenn du zu ihm in seine Lasterhöhle …“

„Tu, was du nicht lassen kannst, aber kurz zum Mitschreiben: Matthias wird mein Vermieter werden und nicht mein Liebhaber, denn er hat sein wahres Glück schon gefunden! Aber das kannst du eh nicht verstehen, denn dazu bist du … zu weltfremd!“

„Wie soll ich das denn jetzt verstehen?“ Michael war anscheinend pikiert.

„Du magst vielleicht den lieben Gott auf deiner Seite haben, aber …“ Der Ergotherapeut fasste sich an den Kopf. „… dir fehlt jede praktische Erfahrung! Weißt du, wie man sich fühlt, wenn sich plötzlich dein eigenes Leben als einzige Lüge herausstellt? Wenn deine Frau dir plötzlich sagt, sie ist nur wegen der Kinder bei dir geblieben? Weißt du das?“

„Nein, aber Gott …“

„Lass den mal aus dem Spiel! Hast du eigene Kinder? Hast du eine Frau oder einen Partner, den du liebst und der dich? Irgendein menschliches Wesen? Nein! Und du willst mir jetzt ernsthaft erzählen, wie ich mein Leben gestalten soll? Ich bitte dich! Du machst dich echt lächerlich, mit all deinen Schulweisheiten, die bar jeder Grundlage sind! Marcel, mein Sohn, der hat mir in der letzten Woche erzählt, dass er für einen Mitschüler schwärmt! Was soll ich deiner Ansicht nach jetzt machen?“

„Frank, Gott lehrt uns …“ Pfarrer Fröschle suchte wohl nach den passenden Worten.

„Levitikus Kapitel 19, Vers 18: ‚An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.‘ Meinst du das?“ Matthias gluckste. „Oder bevorzugst du dann doch eher Levitikus 20, Vers 13: ‚Und wenn ein Mann bei einem Manne liegt, wie man bei einem Weibe liegt, so haben beide einen Gräuel verübt; sie sollen gewisslich getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.‘? Mike, du hast jetzt die Wahl zwischen dem liebenden … und dem strafenden Gott.“

„Ihr … ihr könnt mich mal!“

Matthias hob die Arme. „Matthäus 5, Vers 20: ‚Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht bei Weitem übersteigt, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.‘ – Amen! Gehe mit Gott, aber gehe!“

Frank blickte den Beamten an. „Ich wusste gar nicht, dass du so bibelfest bist!“

„Schon vergessen? Ich bin der Sohn eines Pfarrers!“ Er lachte. „Aber war das gerade ernst gemeint? Du willst wirklich bei mir einziehen?“

„Natürlich! Melanie hat mir ein Ultimatum gestellt, entweder ziehe ich aus oder sie mit den Kindern. Aber warum sollen die unter unserem Streit leiden?“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist – für alle Beteiligten – einfacher, wenn ich mir eine neue Bleibe suche. Und wenn ich das schon mache, warum soll ich dann nicht in einer freundlichen Nachbarschaft neu anfangen? Ich muss mich erst einmal wieder selber finden, ehe ich an andere denken kann.“

„Alles klar! Komm morgen Nachmittag einfach vorbei, wir sind zuhause. Dann regeln wir den Rest.“ Der Beamte streckte seine Hand aus.

Frank ergriff sie. „Kein Thema, ich werde kommen … äh … erscheinen. Aber trotzdem Danke!“

„Kein Thema!“ Matthias erhob sich. „Aber lass uns jetzt mal wieder zu den anderen gehen!“

Es passierte nun das, was auf Abi-Treffen immer passiert, man schwirrte umher, man trank mit jemandem einen Schluck, mit dem anderen aß man noch ein Häppchen vom Buffet, mit einer dritten Person wurde der Lungenschmacht befriedigt. Genauso machte es Matthias, der auf dieser Tour plötzlich seinem alten Stufenleiter gegenüber stand.
Rainer Habermas, Lehrer für Sport und Französisch, bei dem er nie einen Kurs hatte, klopfte ihm auf die Schulter. „Matthias, eins muss ich Ihnen sagen! Ihre Haarfarbe mag sich zwar geändert haben, aber sonst? Ich habe Sie sofort wiedererkannt. Bei einigen hatte ich ja so meine leichten Probleme, aber bei Ihnen?“

„Danke, es müssten zwar drei oder vier Kilo runter, meint jedenfalls mein Arzt, aber erstens esse ich dazu viel zu gerne, und zweitens, ich bin glücklich verpartnert, muss also keine Konkurrenz fürchten.“ Er grinste. „Gut, auch eine intakte Beziehung ist kein Freifahrtschein zum Sichgehenlassen, zum Rostansetzen, aber … sie macht doch etwas träge, wenn man das so sagen kann.“

Der Lehrer schüttelte amüsiert seinen Kopf. „Auch vom Wesen her sind Sie immer noch der Alte; immer die Sache auf den Punkt bringen und dabei offen und ehrlich seine Meinung sagen, auch wenn man damit aneckt und andere vielleicht verletzen kann. Diplomatisch ist so etwas nicht gerade.“

„Ich weiß, aber …“ Matthias zuckte mit den Schultern. „… so bin ich halt nun einmal. Entweder man kann damit umgehen, oder man kann es nicht. Aber Offenheit hat sich am Schluss immer ausgezahlt, jedenfalls nach meiner Erfahrung.“

„Am Ende gewinnt eh immer die Liebe, aber …“ Habermas grinste. „… verpacken Sie ihre guten Hilfslieferungen nicht immer auf einem wilhelminischen Kanonenboot, das schreckt nur ab.“

Matthias schluckte. „Ich bin also zu hart?“

„Nein, das habe ich nicht gesagt, es ist nur …“ Der Lehrer suchte nach Worten. „Nehmen wir nur mal das Glas Wein, das vor mir steht, als Beispiel: Für den einen ist es halb leer, für den anderen ist es halb voll, aber für Sie, lieber Matthias, beträgt der Inhalt genau 105,3 Zentiliter. Auch wenn Sie zu 100 % Recht haben, aber … geben Sie anderen die Möglichkeit, sich ebenfalls als Sieger fühlen zu können, auch wenn es in Wirklichkeit nicht so ist.“

Gegen elf setzte eine erste Aufbruchswelle ein, man rückte näher zusammen. Matthias hatte gerade Anja Grundhaus mit einigen Hintergrundinformationen zum Fall Piepenkötter versorgt, als Elmar mit drei Bieren in der Hand zu ihnen stieß. Er verteilte die Gläser, man prostete sich zu und echauffierte sich, dass Michael Waldmann, der eigentliche Organisator des Treffens, zu keiner Minute anwesend gewesen war.
Der Mann aus Dresden gähnte plötzlich. „Sorry Leute, alt werde ich heute ganz bestimmt nicht mehr. Matze? Wir haben ja fast die gleiche Richtung; sollen wir uns nicht ein Taxi teilen?“

Der Controller hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden, drehte sich kurz um, zückte sein mobiles Kommunikationsgerät. Er grummelte innerlich; immer noch keine Antwort auf seine MMS mit Elmars Bildern. Cihad hätte ihn angerufen, wenn er hätte auf Tour gehen wollen. Entweder steckte sein Handy am Ladekabel oder in seiner Jacke, dem üblichen Aufbewahrungsort. Wahrscheinlich hatte der Student die Nachricht noch gar nicht gelesen, sein Gatte würde sich also überraschen lassen müssen. Er drehte sich wieder zu Elmar. „Können wir gerne machen!“

Elmar zückte sofort sein Mobilteil und bestellte die Droschke. „Alles erledigt! Wir haben noch eine Viertelstunde, dann müsste der Wagen hier sein.“

Man nutzte die Zeit, um sich von den restlichen Anwesenden zu verabschieden und die Rechnungen zu bezahlen, bei dem städtischen Beamten waren es, inklusive Essen, 23 Euronen, bei dem Banker aus Dresden war es fast das Doppelte.

Die Taxifahrt verlief relativ unspektakulär, was auch kein Wunder war, da Matthias auf dem Rücksitz saß, während Elmar es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich gemacht hatte. Der Banker aus Dresden zuckte, als man nach zehnminütiger Fahrt vor dem Beamtenhaus hielt, sein Portemonnaie und bezahlte anstandslos die Taxe. Der Beamte bemühte sich derweil, die Tür zu seinem eigenen Hause zu öffnen; es gelang ihm erst im zweiten Anlauf.
Kaum war die Haustür im Schloss, fielElmar seinem ehemaligen Mitschüler um den Hals. Er küsste ihn, obwohl man das, was er da tat, kaum noch als küssen bezeichnen konnte, er schleckte ihn regelrecht ab, die Zunge war überall und nirgends. Der Beamte konnte gerade noch ein: „Schatz! Ich bin jetzt wieder hier!“ hervorbringen, als ihn eine erneute Attacke seines Konabiturienten jedweder verbalen Artikulationsmöglichkeiten beraubte.

Cihad kam und musterte amüsiert die Szene. „Habibi, wen hast du denn da mitgebracht?“

„Cihad – Elmar; Elmar – Cihad!“ Er blickte seinen Gatten an. „Ich hab dir doch die Bilder geschickt!“

„Mag sein, aber um ein Handy habe ich mich in den letzten Stunden nicht gekümmert, meine Gäste waren mir wichtiger.“ Der Student grinste.

Die Augenbrauen von Matthias gingen nach oben. „Gäste?“

„Gäste! Und zwar zwei an der Zahl!“ Der Sohn der Wüste lachte. „Chris hat gestern seine Papiere hier verloren und kam vorbei, um sie abzuholen. Kaum war er da, da rief Cem an: Das Gespräch mit seiner Mutter lief hervorragend, sie dachte sich schon so etwas. Er kam dann auch noch vorbei, um zu feiern. Wir haben den Grill angeschmissen und saßen bis vor einer Stunde noch draußen!“

„Aha! Und wo sind die beiden jetzt?“

„Die beschäftigen sich am Pool: Cem bringt Chris gerade das aktive Ficken bei!“

Matthias schüttelte sich vor Lachen. „Echt jetzt?“

„So wahr ich hier stehe!“ Der Sohn der Wüste lachte. „War echt lustig, das Treiben zu beobachten, aber so langsam … wird es besser!“

„Wie meinst du das denn jetzt?“ Der städtische Controller rang noch immer nach Atem.

Der Sohn des Berbers zuckte mit den Schultern. „Naja, beim ersten Versuch hantierte er mit seinem Schwanz in der Spalte, dann kam er. Beim zweiten Anlauf war er kaum mit seiner Spitze eingetaucht, dann explodierte er erneut. Beim dritten Experiment war er zwar ganz drinnen, aber … mehr als die Einfahrt war dann auch wieder nicht!“

„Und was hast du gemacht?“ Der Beamte blickte seinen Liebsten neugierig an.

„Ich? Ich war nur Dirigent und Zuschauer, denn du warst ja nicht hier, Habibi!“ Der Student lachte. „Was hast du mir denn eigentlich für Bilder geschickt?“

„Aufnahmen von Elmar! Ich wollte wissen, ob du ihn akzeptierst, so als Spielpartner für einen Dreier!“

Der Student ging einen Schritt zurück, betrachtete die ihm fremde Person. „Zieh dich aus, ich will dich nackt sehen!“

„Wie jetzt?“ Der Dresdener wirkte etwas perplex.

Cihad machte eine ausladende Geste. „Ich könnte jetzt auch an mein Handy gehen und mir die Bilder anschauen, aber warum sollte ich das machen, wenn ich das Original jetzt hier vor mir stehen habe? Außerdem …“ Er ging auf ihn zu und hantierte am Gürtel des Bankers. „… du willst doch ficken oder gefickt werden?“ Der Angesprochene nickte nur. „Also! Dazu ist man besser nackt, bekleidet geht so etwas schlecht!“ Die Hose war mittlerweile in die Kniekehlen gerutscht. „Ah, schon besser!“ Er massierte die Beule, die sich deutlich abzeichnete. Dann zog er den Stoff nach unten, das freigelegte Stück Fleisch wippte vor Freude. „Ich liebe unbeschnittene Schwänze!“
Der Student ging auf die Knie, schob die Vorhaut ganz nach hinten, die Eichel glänzte. „So liebe ich es!“ Er leckte kurz über die Nille, ging dann wieder nach hinten. „Ich will jetzt deinen Arsch sehen!“ Er drehte ihn langsam um, die Hände legte er auf die beiden Fleischhügel, zog sie auseinander, dann leckte er durch die Furche. „Wenn du uns das nächste Mal besuchst, rasierst du vorher dein Loch! Haben wir uns verstanden? Aber heute ficke ich dich so, auch wenn da ein Urwald ist.“ Cihad erhob sich, zog dabei seine Jogginghose herunter und präsentierte sich und seinen Wüstenstab. „Willste den in dir haben? So ganz bis zum Anschlag?“

Elmars Augen glänzten. „Jaaaaaaaaaaaaaa! Geil!“

„Dann ist ja alles klar!“ Der Berber blickte seinen Mann an. „Habibi, würdest du ihn spülen? Du weißt, ich mag keine braunen Reste an meinem Teil.“

„Aber selbstverständlich.“ Matthias reichte seinem Mitschüler seine Hand. „Kommst du?“

Der Mann aus Dresden konnte nicht schnell genug aus seinen Kleidern kommen, warf sie achtlos auf den Boden. „Macht mit mir, was ihr wollt! Aber macht es!“

„Kein Thema!“ Der Student grinste frech. „Ich sag dann den beiden am Pool Bescheid, dass wir gleich eine Orgie feiern werden. Jetzt macht hinne, ich erwarte euch dann im Wohnzimmer!“

Im Badezimmer angekommen deutete Matthias auf die Dusche, die Elmar bereitwillig betrat. Erst wirkte er etwas unsicher, aber der Beamte reichte ihm Duschgel und den zweiten Brauseschlauch mit dem Spülaufsatz. „Hier!“

„Ich soll wirklich?“ Der Mann aus Dresden wirkte plötzlich etwas unsicher.

Der Beamte entkleidete sich. „Elmar? Willst du nun Sex haben oder nicht?“

„Ja!“ Er schluckte. „Was denn sonst?“

„Dann steck dir endlich den Schlauch in den Arsch und spül dich! Cihad ist aufgegeilt! Er hat unsere Freunde beim Sex beobachtet, aber wir haben eine Abmachung: keinen Abgang ohne den Partner! Du kriegst es heute also mit mindestens zwei Schwänzen zu tun!“ Er lachte und betrat ebenfalls die Dusche, begutachtete den Fortschritt. „Das Ganze kann sich auch zur Orgie entwickeln, wer weiß, was alles noch geschehen wird?“

Als die beiden, vorbereitet für das Kommende, das Wohnzimmer betraten, rekelte sich Cihad lasziv auf dem Sofa, spielte an sich selber. Im Fernsehen lief ein Dokumentarfilm: Ein Schwarzer erforschte die Höhle eines Weißen, hatte aber selber Besuch, ein Asiate war in ihm. „Da seid ihr ja endlich!“

„Sorry, dass es etwas länger gedauert hat, aber nicht nur Elmar ist jetzt vorbereitet.“ Matthias griente. „Wo sind eigentlich die beiden anderen?“

„Die schwimmen erst noch eine Runde, wollen sich wohl etwas erholen, aber sie werden gleich zu uns kommen, denn Cem möchte mal richtig genommen werden, wenn ich ihn recht verstanden habe.“ Der Berber blickte Elmar an. „Das könnte dein Part werden, den Türken zu beackern. Du bist doch beidseitig bespielbar, oder?“

Elmar nickte nur, eine artikulierte Antwort war nicht zu registrieren. Auf jeden Fall trat die Dreiergruppe jetzt in näheren Kontakt, man küsste, man leckte und man herzte sich. Das erste Abtasten, die Erkundung des fremden Körpers, war nach knapp zehn Minuten beendet, dann lag Elmar mit dem Rücken auf der Couch. Sein Hintern ruhte jedoch nicht auf einem Kissen, nein, er lag auf der Lehne. Matthias hatte die Fußgelenke seines ehemaligen Mitschülers umfasst, zog sie nach unten, das Loch lag also frei. Cihad, der neben der Couch stand, griff nach der Tube mit dem Gleitgel, schmierte die Öffnung ein. Er hatte ja angekündigt, was er mit Elmar machen wollte, und das setzte er jetzt in die Tat um. Langsam, Millimeter um Millimeter drang er in das ihm dargebotene Hinterteil ein. Sein Gatte hatte auch seine Position gefunden, Elmars Kopf lag zwischen Matzes Beinen und der Mann aus Dresden nuckelte kraftvoll am Griffel des Beamten. Der Brillenträger küsste seinen Liebsten, während der nun langsam begann, den ehemaligen Mitschüler seines Mannes durchzupflügen.

Cihad genoss die Situation, auch Matthias war zufrieden und Elmar? Elmar war einfach nur glücklich, hatte er doch jetzt einen Schwanz in seinem Arsch und einen anderen in seinem Mund, er war mehr als ausgefüllt. Bisher war er nur in seinen geheimsten Fantasien Teil eines Dreiers gewesen, nun aber war er tatsächlich in das reale Geschehen involviert. Er spürte die Stöße des jungen Berbers, die peu à peu immer heftiger und fester wurden, er triumphierte innerlich.
Wie lange hatte ihn niemand mehr anal stimuliert? Vier Monate! Es war auf einer Tagung in Bamberg gewesen, heimlich hatte er den Kongress verlassen und war verabredungsgemäß zum Parkplatz an der A73 gefahren, um sich dort nehmen zu lassen. Den Kontakt zu dem 38jährigen Familienvater aus Zapfendorf hatte er über eine Autobahnsex-Webseite hergestellt. Allerdings war der Zapfen, der ihn damals traktiert hatte, eher ein Zäpfchen gewesen, das sich auch noch ziemlich ungeschickt angestellt hatte und nach dreieinhalb Minuten schon fertig gewesen und dann sofort gegangen war.
Dagegen war Cihads Spieß eine echte Wohltat, auch konnte er wunderbar damit umgehen: Kein dumpfes Raus und Rein wie auf dem Parkplatz, kein Schnell-Schnell; der Student fickte mit und ihn um den Verstand. Und von Matzes Prügel war er schon zu Schulzeiten regelrecht begeistert gewesen; wie oft hatte er sich auf dieses Teil einen runtergeholt? Er hatte damals sogar den Sportkurs gewechselt, nur um Matthias nackt unter der Dusche sehen zu können, so sehr war er von seinem Mitschüler fasziniert gewesen. Jetzt, nach Jahren der Abstinenz, nuckelte er wieder an seinem Lieblingsschwanz.
Die Situation auf dem Sofa wurde von Sekunde zu Sekunde heißer und intensiver. Elmar spürte, wie der Druck in ihm unaufhörlich stieg, lange würde er es nicht mehr aushalten können. Der Student hatte es wirklich drauf, ihn durch seine Kolbenhübe zum Höhepunkt und damit fast in den Wahnsinn zu treiben. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer, aber er weigerte sich beharrlich, das pulsierende Teil seines ehemaligen Mitschülers auch nur für den Bruchteil einer Sekunde aus seinem Mund zu entlassen. Matze sonderte Unmengen an köstlich schmeckendem Vorsaft ab, wie er sich schon auf den Hauptgang freute.

Die Zungen des Beamten und des Studenten tanzten miteinander, als sie fast gleichzeitig ihre Ladungen verschossen: Cihad pumpte seine Sahne in den Kanal, während Matthias sein weißes Gold in die Mundhöhle des Mannes aus Dresden entließ. Elmar selbst war auch gekommen: Sein Nektar landete direkt auf seiner Brust.

Just in diesem Moment der größten Glückseligkeit betraten zwei weitere Personen den Ort des Geschehens. Cem hatte Christopher an die Hand genommen, zog ihn hinter sich her. Badetücher waren um ihre Hüften geschlungen. „Wie? Ihr habt schon ohne uns angefangen?“

„Sorry, Cem! Wir wussten ja nicht, wie lange eure Übungsstunde geht.“ Matthias robbte ein Stück zurück, gab so das Gesicht seines Mitschülers frei. „Du kannst mich aber gerne sauber machen, dann geht es sofort weiter.“

„Gerne!“ Der Türke ließ Christopher stehen, machte sich auf den Weg zum Beamtengriffel.

Der blonde Jüngling starrte auf die drei Personen, die auf dem Sofa zu sehen waren. „Papa!?“

Matthias schüttelte entsetzt den Kopf. „Wie? Papa?!“

„Dein Mann hat gerade meinen Vater gefickt!“

Matthias schüttelte sich. „Wie? Elmar ist dein Vater?“

„Steht so im Familienstammbuch!“ Der angehende Mitbewohner fuhr sich entnervt durch die engelhaften Haare. „Und woher kennt ihr euch?“

„Dein Vater und ich? Wir haben zusammen Abi gemacht und ab und an kommt er halt vorbei, wenn er hier auf Familienbesuch ist.“ Matthias antwortete für den wohl immer noch konsternierten Elmar.

„Ihr habt also schon öfters?“

„Haben wir! Seit 20 Jahren, um genau zu sein.“ Der Beamte wirkte einigermaßen gefasst. „Schatz! Ich glaube, wir brauchen jetzt erst einmal eine Runde Kaffee. Wärst du so lieb und … es könnte auch nichts schaden, wenn du uns drei Duschtücher …“

„Kein Thema!“ Der Student verschwand in Richtung Küche. Cem ging in den Poolbereich und kam mit drei Handtüchern zurück, um die Verkehrsgeräte wenigstens provisorisch abzudecken.

„Ihr beide seid also Vater und Sohn? Ich fass es nicht!“ Der Beamte blickte von einem zum anderen. „Chris, setz dich bitte! Sonst kann ich nicht klar denken.“

„OK!“ Er okkupierte, wenn auch widerwillig, den Sessel, die Beine schlug er züchtig übereinander.

„Christopher, ich muss dir da was erklären.“ Elmars Stimme wirkte brüchig.

„Was?“ Im Gegensatz zu seinem Vater wirkte der Jüngling abgeklärt. „Was willst du mir erklären?“

„Äh, ich … also … ich … ich bin …“ Der Banker stammelte.

Cihad kam mit einigen Kaffeetassen wieder in den Wohnbereich. „Dein Vater ist genauso schwul wie wir alle, er ist halt nur … eine Schrankschwuchtel, eine Klemmschwester. Habibi, der Kaffee läuft!“

„Gut!“ Matthias blickte in die Runde. „Wie kriegen wir die Kuh jetzt vom Eis?“

„Christopher! Lass uns reden.“ Der Mann von der Deutschen Bank flehte seinen Sohn regelrecht an.

Der blonde Engel zog die Augenbrauen hoch. „Was willst du denn mit mir bereden? Dass du auch schwul bist, weiß ich ja jetzt. Das Thema ist durch, jedenfalls für mich.“

„Chris, lass mich erklären …“

„Was willst du mir denn erklären?“ Man hörte deutlich den Trotz in seiner Stimme. „Du hast dich von Cihad ficken lassen, na und? Ich sag dir was, lieber Vater: Hab ich gestern auch getan und ich habe es genossen! Ich hoffe, du hattest auch so viel Spaß wie ich!“

„Christopher, so kannst du das nicht sagen, es ist …“

„Was? Papa? Was?“ Wurde er jetzt bockig? „Als ich ins Zimmer kam, steckte Cihad noch in dir und du warst so mit Matzes Teil beschäftigt, man hätte meinen können, du wolltest es ihm abbeißen. Und es sah nicht so aus, als ob die beiden dich zu irgendetwas gezwungen hätten, eher im Gegenteil.“

„Christopher, ich … ich …“

Matthias wurde es zu bunt. „Elmar! Dein Gestammel ist ja nicht zum Aushalten. Was dein Sohn von dir hören will, ist ein einfacher Satz: ‚Ja, ich bin schwul!’ Auf den Zusatz ‚und das ist auch gut so!‘ kannste ja verzichten. Steh endlich zu dir!“

„Ich … ich … äh … also …“

„Elmar! Wir warten!“ Matthias hatte sich erhoben und trat nun hinter den Sessel. Seine Hand legte er auf Christophers Schulter. „Chris? Vielleicht machst du den Anfang.“

„Papa, ich bin schwul und bin es gerne. Bei Mama durfte ich es ja nie ausleben, aber hier?“ Er legte seine Hand auf die Hand auf seiner Schulter. „Hier kann ich es und will mich nicht mehr verstecken müssen wie zu Hause, dass ja keiner was mitkriegt. Ach! Übrigens: Ich habe einen Studienplatz an der Kunstakademie Münster, das Studium in Dresden kann sich Mama in die Haare schmieren.“

„Wie? Das … das … das ist nicht möglich!“ Elmar brach zusammen. „Was … was soll ich deiner Mutter sagen? Du kennst doch ihre Einstellung: Entweder du studierst in Dresden und wohnst bei uns oder machst hier Logistik und wohnst dann bei Oma und Opa.“

„Elmar? Halt die Klappe! Deine Mutter ist genauso ein Drache wie deine Frau, keinen Deut besser, eher noch schlimmer. Ich kenne deine Holde zwar nicht, aber was Chris gestern alles so erzählt hat, mir kam etliches bekannt vor.“

Elmars Blick war irgendwie leer. „Aber … wie will er denn …?“

„In Münster studieren? Ganz einfach: Er wird erst einmal bei uns im Gästezimmer wohnen und jeden Tag mit dem Zug zur Uni, macht Cihad ja auch. Wo ist das Problem?“

„Aber … was soll ich denn Gudrun sagen, dass er jetzt doch seinen Spleen mit der Kunst …“

„Das ist kein Spleen, mein lieber Elmar. Dein Sohn hat Talent, sonst wäre er wohl kaum angenommen worden.“ Matthias fuhr dem Blonden durch die Haare. „Außerdem dürfte es jetzt, wo er dein kleines Geheimnis kennt, äußerst schwer werden, ihm diesen Wunsch abzuschlagen.“

Mit großen Augen blickte er erst seinen Sohn, dann seinen alten Mitschüler an. „Ihr wollt mich also erpressen? Wollt ihr das wirklich?“

„Gott bewahre, lieber Elmar! Erpressung ist ein ziemlich harter Vorwurf.“ Matthias schüttelte seinen Kopf. „Aber eine Erpressung ist es eigentlich nicht, denn …“

„Was ist es denn dann?“ Wurde Elmar wütend?

„Nun, ein Erpresser muss sich zu Unrecht bereichern wollen. Dein Sohn fordert aber nur das, was ihm nach dem Gesetz sowieso zustehen würde, nämlich Unterhalt fürs Studium, den ihr sowieso zahlen müsstet. Dem Gericht ist es egal, was und wo dein Sohn studiert, also ist der objektive Tatbestand schon nicht erfüllt.“ Der Beamte grinste frech. „Es wäre daher maximal eine Nötigung, aber auch da habe ich so meine Zweifel, ob man das Aussprechen der Wahrheit als verwerflich ansehen kann.“

„Christopher? Ist das wirklich dein Ernst?“

„Dass ich Kunst studieren will und gerne hier leben möchte?“

„Ja … äh … nein …“ Elmar war eindeutig durch den Wind. „Ich meine, dass du …“

Der blonde Engel wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, aber Matthias war schneller. „Elmar, du hast damals den Absprung nicht geschafft, gönne jetzt wenigstens deinen Sohn das Glück, das du nie hattest und wahrscheinlich auch nie haben wirst.“

Alle schwiegen, man hätte das berühmte Fallen der noch berühmteren Stecknadel hören können. Mitten in die Stille platze es plötzlich aus Elmar raus. „Und wie … wie soll es jetzt weitergehen?“

„Cem? Kannst du noch fahren? Ich darf es nicht mehr und Cihad fährt nachts nicht gerne.“ Matthias blickte den Türken fragend an.

Der nickte sofort. „Klar!“

„Also, Cem wird dich jetzt zu deinen Eltern fahren und mit Christophers Tasche zurückkommen, die Sachen wird er brauchen. Chris wird hier bleiben, denn, wie ich deine Mutter kenne, würde die glatt aus dem Krankenhaus kommen, um ihn in den Keller zu sperren.“ Der Beamte grinste, eine gewisse Häme war nicht zu verkennen. „Du wirst dich jetzt von einer deiner Kreditkarten trennen, denn dein Sohn braucht einige Sachen für seinen Neuanfang. Wir kommen dann am nächsten Samstag nach Dresden und ziehen deinen Sohn um, sorg also dafür, dass deine Frau nicht anwesend ist, wenn wir bei euch aufschlagen.“

Elmar konnte nur nicken, als ihm dieser Friedensvertrag diktiert wurde. „Sonst noch was?“

„Das reicht doch für den Anfang, oder? Christopher? Fällt dir noch was ein?“ Der Angesprochene schüttelte stumm den Kopf. „Elmar, eins noch: Du kannst morgen Nachmittag vorbeikommen, vielleicht fällt uns ja eine passende Geschichte ein, wie du die Sache deiner Frau beibringen kannst.“

Cem ging in den Poolbereich, um sich straßentauglich zu machen. Cihad eskortierte Elmar in den Flur, dessen Kleidung ja dort verstreut lag. Christopher atmete schwer, Matthias hatte beide Hände auf seine Schultern gelegt. Als der Türke wieder den Raum betrat, ging er auf den blonden Engel zu, strich ihm liebevoll über die Wange. „Kopf hoch! Das schaffst du schon! Matze und Cihad helfen dir … und … und ich bin ja auch noch da. Ich mag dich nämlich!“ Er drückte ihm einen Kuss auf die Lippen und verschwand in Richtung Flur.

Cihad betrat den Raum, sah auf den Wohnzimmertisch. „Wo ich jetzt die Tassen sehe! Der Kaffee ist noch in der Kanne. Möchte jemand?“

„Ich könnte jetzt etwas Stärkeres gebrauchen …“ Der blonde Engel blickte nach oben.

„Dann scheiden Wasser und O-Saft also aus, Bier oder Wein?“ Matthias ging um den Sessel herum. „Oder soll es noch stärker sein? Whiskey, Cognac, Wodka? Was hättest du gerne? Aber ich sag dir gleich: Der 80%ige wird nur zum Backen gebraucht!“

„Ein Bier reicht schon.“

„Sollst du kriegen!“ Matthias ging in die Küche und kam mit drei Bügelflaschen zurück. „Hier!“

Der junge Mann hatte augenscheinlich Brand wie eine tibetanische Bergziege, auch der Beamte exte die 0,33 Liter Inhalt in einem Zug. Als er die Flasche auf dem Tisch abgestellt hatte, drehte er sich zu dem angehenden Studenten um, Christopher starrte auf den Boden. Langsam ging Matthias auf ihn zu, löste dabei den Knoten seines Badetuches. Nackt stand er vor ihm, blickte auf ihn herunter. Sein rechter Zeigefinger tippte unter das Kinn des Blonden, führte so den Kopf nach oben.
Dann beugte er sich zu dem blonden Engel herunter, küsste ihn erst zärtlich, dann immer fordernder, nestelte schließlich an dessen stofflicher Umhüllung. Als er die Gerätschaften des Noch-Dresdeners freigelegt hatte, ließ er seine Hand erst den Stamm entlang fahren, wog dann die gestern vom Urwald befreiten Bälle.
Christopher schob Matthias etwas von sich. „Was … was machst du da?“

„Das siehst du doch!“ Matthias grinste. „Ich spiele …“

Der angehende Künstler schüttelte entnervt den Kopf. „Denkst du eigentlich immer nur an Sex?“

„Immer!“ Cihad stand plötzlich hinter dem Sessel, ließ seine Finger die Nackenwirbel entlangfahren und auf den Schultern zur Ruhe kommen. „Und wenn er schläft, dann … dann träumt er davon.“

„Außerdem scheint es dir zu gefallen oder …“ Matthias küsste den jungen Mann auf die Nase. „… wie soll ich das da unten deuten?“

Zwar war noch nicht die volle Einsatzbereitschaft hergestellt, aber viel fehlte nicht mehr, um wieder weiße Salven abschießen zu können. „Äh, ja … aber trotzdem …“

„Was?“ Der Sohn der Wüste ließ seine Hände auf die Brust des Sitzenden wandern.

Der blonde Engel blickte nach oben, sah direkt in die dunklen Augen des Studenten. „Ich habe gerade meinen Vater beim Sex gesehen …“

„Stimmt, so ein Anblick kann echt schockieren!“ Der Berber lachte.

„Das … das meine ich nicht!“ Christopher stöhnte. „Mein neues Leben …“

„Was ist damit?“ Matthias spielte weiter mit dem mittlerweile wieder harten Stab.

Der Blonde atmete tief durch. „Mein neues Leben beginnt schon heute! Nicht erst in drei Wochen, wie ich es eigentlich geplant hatte.“

„Und?“ Der Student massiert die Nippel. „Wo ist der Unterschied? Ob nun heute oder erst in drei Wochen? Du wolltest den Neuanfang und der Neuanfang wollte dich wohl auch, al-hamdu li-llah.“

„Aber ich wünschte, ich wäre … wäre etwas vorbereiteter gewesen!“

„Kilmit ya rayat la ti ammir bayt.“ Der Wüstensohn zwirbelte leicht die Knospen, die mittlerweile hart abstanden. „Das Wort ‚ich wünsche‘ baut noch kein Haus. Gut, dein Umzug wäre dann eventuell einfacher, aber sonst? Auch die längste Reise fängt mit dem ersten Schritt an. Gut, du wurdest jetzt geschubst, aber … der erste Schritt ist gemacht.“

Der neue Mitbewohner stöhnte leicht. „Ja, aber …“

„Es gibt kein Aber!“ Der Controller zog die Vorhaut des neuen Mitbewohners ganz nach unten, ein erneutes Stöhnen war zu vernehmen. „Chris, sei doch mal ehrlich, du wärst in drei Wochen wohl eher heimlich aus dem Haus geschlichen, wie ein Dieb in der Nacht. Jetzt aber? Jetzt kannst du erhobenen Hauptes gehen und das sogar mit väterlicher Billigung. Was willst du mehr?“

„Vielleicht …“ Er rekelte sich lasziv. „… weiter … nachdenken?“

„Nachdenken können wir morgen noch.“ Matthias grinste ihn frech. „Jetzt möchte ich sehen, was du bei Cem alles so gelernt hast!“

„Was ich von Cem …“ Große Augen blickten den Beamten an. „Ich soll dich …“

Der Brillenträger nickte. „Ja, du sollst mich …“

„Warum?“ Er hechelte jetzt ob der beiden Reizungen, denen er ausgesetzt war.

„Erstens saftest du wie ein Verrückter, zweitens sind alle Hausbewohner flexibel und aktiv habe ich dich noch nicht erlebt und drittens …“ Ihre Lippen vereinigten sich kurz. „… ich will mich ja nicht umsonst gespült haben! Habibi, würdest du mir bitte das Gleitgel …“

„Aber immer doch!“

Als Cem eine Viertelstunde später – im wahrsten Sinne des Wortes – dazustieß, entwickelte sich dann doch noch die vor einer Stunde bereits angekündigte Orgie, allerdings war Elmar kein Bestandteil derselben. Nach dem Austausch diversester Liebkosungen und Körperflüssigkeiten – in den unterschiedlichsten Konstellationen – hatten die Vier gegen vier keine große Lust mehr, noch das Gästezimmer herzurichten. Man entschied sich, gemeinsam die Lagerstatt zu teilen.
Zwar verfügen Matthias und Cihad über ein zwei Meter breites Bett, man hatte – des Öfteren – dort schon zu dritt genächtigt, aber für vier er- und ausgewachsene Männer erwies es sich doch als etwas schmal. Aber, wie heißt es so schön, lieber gemeinsam in einem Bett, als allein in getrennten Betten.

Am nächsten Morgen, der eigentlich am Mittag erst begann, wurde erst einmal gefrühstückt. Man stärkte sich, um die verbrauchten Kräfte wieder aufzufrischen. Schweren Herzens verabschiedete sich Cem, war aber bereits nach einer Stunde wieder da, anscheinend hatte er doch einen Narren an dem Noch-Dresdner gefressen.
Zusammen mit ihm traf Frank Weinski ein, der sich ja eigentlich nur seine potenzielle neue Wohnung ansehen wollte. Matthias und er wurden sich schnell handelseinig, vielleicht lag das auch daran, dass Frank seine aktive Unterstützung in Sachen Christopher anbot, denn er, der nebenamtliche Fußballtrainer, konnte uneingeschränkt auf den vereinseigenen Bully zugreifen.

Man hatte gerade die Umzugspläne unter Dach und Fach gebracht, als Elmar auf der Bildfläche auftauchte. Zwar war dieser mehr als überrascht, seinen ehemaligen Mitschüler Frank Weinski hier anzutreffen, aber er ließ es sich zuerst nicht anmerken. Gut, er wirkte etwas angeschlagen, das hätte aber viele Gründe haben können. Aber, im Verlauf des Gesprächs, kam der wahre Grund für die Mitgenommenheit dann doch noch ans Tageslicht. Ein Geheimnis bleibt halt nicht lange verborgen, wenn es mehr als zwei Leute kennen.

Matthias blickte ihn an. „Hat dein Vater eigentlich was gesagt, dass sein Enkel heute Morgen nicht mit am Frühstückstisch saß?“

„Nein, er hat es gar nicht gemerkt. Das Krankenhaus hat heute Morgen angerufen, bei Mutter gab es Komplikation, sie hat jetzt auch noch Pfeiffersches Drüsenfieber oder so was, liegt jetzt erst einmal auf der Isolier-Station.“ Er atmete tief durch.

Frank grübelte kurz. „Sag mal, Elmar, hat deine Frau Ahnung von Medizin?“

„Nein! Wieso fragst du?“ Er blickte ihn verwundert an. „Sie ist auch Bankkauffrau.“

„Gut, dann kannst du ihr ja erzählen, Chris hätte sich bei ihr angesteckt, deshalb bringst du ihn nicht mit nach Hause. Passt zwar nicht von der Inkubationszeit, aber egal!“ Er grinste. „Und dann fahrt ihr am nächsten Wochenende wieder hierher, eine Woche Quarantäne ist ja Minimum. Wir fahren derweil nach Dresden und ziehen deinen Sohn um.“

„Und wie soll ich ihr erklären, dass mein Sohn dann doch nicht im Krankenhaus liegt?“ Die Frage war mehr als berechtigt. „Schon daran mal gedacht?“

Weini lachte. „Dann sagst du ihr einfach, dein Sohn hätte sich unsterblich verliebt und mit Selbstmord gedroht, wenn du ihm nicht eine Woche Freiheit verschaffen würdest. Da du deinen Sohn liebst, hast du ihm, wenn auch widerwillig, diesen Gefallen getan.“

„Und in wen soll er sich verliebt haben?“

Matthias lachte. „Schau dir die beiden doch an! Chris und Cem schmachten sich doch regelrecht an!“

„Sag von mir aus … in eine Türkin.“ Der heimische Banker atmete tief durch. „Ich bin ja doch eher passiv, wenn es um das eine geht. Du verstehst?“

„Wie? Mein Sohn ist doch der … der aktive Stecher?“ War das Unglaube in seiner Stimme?

„Als guten Deckhengst würde ich ihn noch nicht gerade bezeichnen, aber …“ Der Beamte grinste seinen Konabiturienten frech an. „… aber er macht große Fortschritte auf diesem Gebiet.“

 

Epiloge sind ja eigentlich aus der Mode, aber offene Fragen sollten beantwortet werden, so sie denn beantwortet werden können und beim Leser für ein runderes Bild sorgen. Fangen wir dann mal an:

Cem outete sich bei seinem Vater zwei Wochen nach dem gemeinsamen USA-Aufenthalt; er und Christopher hatten sich der Reisegruppe durch den „alten Süden“ einfach angeschlossen. Der Obst- und Gemüsehändler war zwar erst gar nicht erfreut, keine Enkel von seinem Ältesten zu bekommen, aber er konnte der Sache dann doch noch etwas Gutes abgewinnen: Die Unterstützung seines schwulen Sohnes sicherte ihm die letzten, noch notwendigen Sympathiepunkte des Nominierungsausschusses für den Rat.

Frank Weinski zog, noch vor Christophers Umzug, in die leerstehende Wohnung und bekommt seitdem oft Besuch von seinen Kindern. Er hat schon angefragt, ob er den Dachboden noch dazu mieten könne, denn die Beiden wollen – nach der Scheidung – zu ihm ziehen. Außerdem hat er alle zwei oder drei Wochen einen Übernachtungsgast aus Dresden: Elmar möchte schließlich wissen, wie sich sein Filius an der Kunstakademie so schlägt.

Christopher hat sich häuslich im Gästezimmer eingerichtet und fühlt sich dort pudelwohl. Zwar bekommen Matthias und Cihad die meisten seiner Übungsstunden mit, aber das stört ihn weniger, er genießt das Leben und seine Freiheit in vollen Zügen. Cem würde zwar gerne mit ihm in eine gemeinsame Wohnung ziehen wollen, aber der Student der Künste will sich – gerade erst in Freiheit – noch nicht wieder binden, obwohl er sein Faible für Fesselspiele entdeckt hat.

Matthias liebäugelt seit Kurzem mit dem Haus 167, das nach der Scheidung der Eigentümer plötzlich zum Verkauf steht. Zwar ist ihm der Kaufpreis jetzt noch etwas zu hoch, aber er hat ja Zeit und – nötigenfalls – zwei Banker im Hintergrund. Die zu erwartenden Mieteinnahmen will er in eine zusätzliche Rentenversicherung einzahlen, um seine mickrige Beamtenpension im Alter etwas aufzubessern.

Cihad hielt die Rentenpläne seines Gatten für verfrüht, hatte aber schon eine Verwendung für die Einliegerwohnung des Nachbarhauses. Über heimliche Kanäle in die Heimat hatte er erfahren, dass sein Vater seine jüngste Schwester Hanan, Absolventin des Lycée Lalla Aicha in Rabat, einer ehemaligen Mädchenschule mit Deutsch als zweiter Fremdsprache, im Januar gegen ihren Willen verheiraten wollte. Nur gut, dass er und Matze den Jahreswechsel in Marokko verbringen wollten.

Elmar wartete auf Post aus der Frankfurter Zentrale, hatte er sich doch auf den freiwerdenden Posten des Regionalleiters der Deutschen Bank in den Niederlanden beworben. Seiner Frau hatte er davon noch nichts erzählt, in der Ehe kriselt es, besonders seit dem Auszug des einzigen Sohnes. Angesprochen auf den Auslandsposten sagte er nur, er wäre so schneller bei seinem Sohn als von Dresden aus; Christopher meint jedoch, er könne immer noch nicht zu sich stehen, aber die beiden nähern sich langsam wieder an.

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