Chicago

Dass ich den Wecker, der um 7:00 Uhr sein Werk verrichtete, hätte erschlagen können, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Ich blickte auf die andere Seite des Bettes, mein Gatte schlief einfach weiter den Schlaf der Gerechten, das Getöse des Wachmachgerätes schien ihn in keinster Weise zu stören. Ein Druck auf die Taste und die Lärmquelle verstummte augenblicklich. Ich rappelte mich auf, quälte mich aus dem Bett und ging nach unten, um das Frühstück zu bereiten.

Grand Canyon

Zufrieden legte ich den Hörer auf die Gabel. Ich musste William Keeler Recht geben, Sarah Mariner war wirklich eine Frau der Tat und nicht der hohlen Worte. Sie hatte mir mitgeteilt, dass die Neueinmessung des künftigen Bahnbetriebsgeländes am Vormittag abgeschlossen worden war, die katastermäßige Umschreibung wäre jetzt nur noch eine reine Formsache. Laut amtlichen Unterlagen sollten über das Gelände, das wir kaufen wollten, zwei Stichstraßen laufen, die aber bei der Ortsbesichtigung nicht zu erkennen waren.

Copper Canyon

Etwas merkwürdig war es schon, dass kein Licht brannte, als ich gegen kurz nach sieben unser Domizil betrat. Normalerweise werde ich von meinem Göttergatten bereits sehnsüchtig erwartet, wenn ich abends aus dem Büro nach Hause komme, aber es fehlte jede Spur von dem Mann mit den smaragdgrünen Augen. Weder in der ersten noch in der zweiten Etage fand ich ein menschliches Wesen, auch der Wohnbereich war leer. Sollte er etwas vergessen haben und jetzt im Laden um die Ecke sein? Ich ging zum Herd, die Küche machte einen jungfräulichen Eindruck.

Bar Harbor

Die Spatzen, die Vögel der Unkeuschheit, waren wohl auf der Balz, denn ihr Gezwitscher weckte mich. Ich blickte auf den Mann an meiner Seite, Jost lag friedlich schlummernd neben mir, der Lärm störte ihn anscheinend nicht. Der Wecker zeigte 09:38 Uhr, wir hatten also noch genügend Zeit, uns für das sonntägliche Mittagessen im Hause Lensing auf der anderen Seite des Flusses fertigzumachen.

Brooklyn

Es war kurz vor Mitternacht, als wir wieder zurück in unser Zimmer kamen. „Endlich Feierabend …“ Ich schmiss mich aufs Bett. „… und keine nervenden Gäste mehr!“

„Mister Lensing, nun machen sie mal halblang!“ Jost, der seine Jacke erst noch an die Garderobe gehängt hatte, musterte mich amüsiert. „Wir waren nur mit meinen Eltern Essen.“

„Auch die sind Gäste und außerdem …“ Ich blickte ihn an. „… die Laufenbergs und die beiden Damen aus dem Ruhrgebiet waren ja auch noch mit von der Partie.“

Hyannis

Ich versuchte, die Tränen zu trocknen, aber es wollte mir nicht so richtig gelingen. Der Nachschub rollte – im wahrsten Sinne des Wortes – meine Wange herunter. So wie es aussah, hatte ich mein Glück endlich gefunden. Dass er genauso viel für mich empfand wie ich für ihn, war mir nach seinem Brief mehr als deutlich. Ich atmete tief durch, als ich mittels T-Shirt versuchte, den auslaufenden Tränenkanal trockenzulegen.

Niagara

Rundreisen sind nichts für Langschläfer. Ich hatte den allgemeinen Weckruf zu 7 Uhr bestellt, damit das Tagesprogramm anderthalb Stunden später beginnen konnte. Diese 90 Minuten sind zwar knapp bemessen, aber sie reichen aus, um aufzustehen, sich zu duschen, sich anzuziehen, seinen Koffer zu packen und zu frühstücken, außerdem muss das Gepäck ja auch noch verladen werden.

Boston

Ich war froh, dass die Maschine, eine Embraer 190, nur zu etwas mehr als der Hälfte belegt war. So konnte ich mich auf Kosten von US Airways breitmachen. Die Stunde in der Luft nutzte ich, um mich mit der Sondertour, die ich zu leiten hatte, Vertrauter zu machen. Das Angebot, das Greg den Zeitungsleuten offeriert hatte, gab es so in unserem Prospekt nicht. Die normale Rundreise durch den Indian Summer dauert acht bzw. neun Tage und beginnt und endet in Boston, der Aufenthalt der Redakteure dauerte aber drei Tage länger und endete in New York.

Milwaukee

Zwei Minuten von neun hielt ich an der angegebenen Kreuzung. Da stand er, mein Footballer, mit dem ich im nächsten Tage verbringen sollte oder musste. Sein avisiertes Köfferchen entpuppte sich dann aber doch als ausgewachsene Koffer, jedenfalls hatte ich leichte Mühe, ihn ohne mein Gesicht zu verziehen, in den Kofferraum zu hieven. Die Fahrt zur Firma verlief relativ ruhig, anscheinend war der blonde Recke kein morgendliches Plappermaul, was ihn noch sympathischer machte.

Ki & Ki

Seit Wochen, also seitdem ich fest mit Sarah zusammen war, liefen meine Sonntage immer nach ein und demselben Schema ab; so auch am vorletzten Sonntag. Wie immer fuhr ich um kurz nach eins zu ihr und wie immer unternahmen wir etwas. Dieses ‚Etwas‘ kann ein Spaziergang im Park, ein Besuch im Zoo, im Theater oder im Kino sein; sie schwärmt für französische Filme – im Original! Gut, zweimal waren wir in einem Klettergarten, sie liebt dieses im Kraxeln nach Farben. An diesem Sonntag waren wir in der Hamburger Staatsoper, gegeben wurde ‚Die Schöne und das Biest‘.

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